Die Beschwerde der Taxifahrer
Ein Streit zwischen Prawda und Iswestija
Im Dezember veröffentlichte Wassilij Aksjonow in der Zeitschrift Junost) die Erzählung von einem Lastwagenfahrer aus Jalta, der, um seine dunklen Geschäfte besser abwickeln zu können, seine ganze Familie mit der Ortsmiliz versippt und verschwägert. Jedoch die Genossen sind unbestechlich, und der ausgeklügelte Plan fällt ins Wasser.
Wegen dieser Erzählung entstand ein gutes halbes Jahr später zwischen den beiden führenden Zeitungen der Sowjetunion, der Prawda und den Iswestija, eine Diskussion, deren Bedeutung weit über den ursprünglichen Anlaß hinausreicht.
Die Iswestija machten am 14: August" 1%5 " einen Offenen Brief der Taxichauffeure aus Jalta — in dem diese sich beschwerten, daß ihrem Beruf durch die Schilderung Schaden zugefügt worden sei — durch eine redaktionelle Notiz zu einem öffentlichen Anliegen: Sie rügten nicht allein den Vorstoß Aksjonows, sondern eine allgemeine Tendenz in der sowjetischen Literatur, immer häufiger die Schattenseiten des sozialistischen Lebens genießerisch darzustellen. Die Iswestija betrachteten dies als Verzerrung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, als Willkür, die objektive und allgemeine Maßstäbe der Beurteilung ausschließe.
Rumjanzew, der inzwischen, vielleicht auch wegen dieser Angelegenheit, von seinem Posten abberufene Chefredakteur der Prawda, entgegnete darauf am 9. September in einem Artikel „Über die Parteilichkeit der schöpferischen Arbeit der sowjetischen Intelligenz", der die Ausführungen desselben Autors über „Die Partei und die Intelligenz" vom Februar 1965 fortsetzt. Beide Artikel behandeln das Recht der schöpferischen Intelligenz auf Freiheit der Form und der Aussage und die Rolle der Partei in dieser Frage.
Auffallend ist der entschiedene Ton, mit dem diese ungewöhnlichen Probleme zur Diskussion gestellt werden. Auch Rumjanzew hält für den experimentierenden Künstler die Weltanschauung des dialektischen Materialismus für verbindlich, aber „wirkliches Schöpfertum kann durch keinen Befehl stimuliert werden Die fruchtbare Entwicklung der Wissenschaft, Literatur und Kunst erfordert das Vorhandensein verschiedener Schulen und Richtungen " Schon Chruschtschow hatte einer gewissen Lockerung der Aussage zugestimmt, dabei aber auf Wahrung der volksnahen, schlichten Form bestanden; Rumjanzew scheint jetzt umgekehrt Liberalisierung der Form und dafür Wahrung der Inhalte und der ideologischen Aussage zu empfehlen! Die sowjetrussische Literatur bezieht aber ihre Wirkungskraft aus der Verknüpfung der ästhetischen. Böd weltanschaulichen Aussage. So stehen wirklich formale Kriterien auch bei Rumjanzew kaum zur Debatte — es geht eigentlich auch hier mehr um die Liberalisierung der Aussäge.
Der von den Iswestija gerügte und von der Prawda verteidigte Genre Verismus baut denn auch auf Chruschtschows Lockerungen auf. Er fordert die Kritik des ideologischen Puritanismus heraus, weil er das Leben in seinen intimen Aufsplitterungen zeigt, die weltanschaulichen Konturen auflöst und das Prinzip der Parteilichkeit auf ein Minimum reduziert.
Allerdings ist im September Artikel Rumjanzews nicht mehr die erstaunliche Feststellung vom Februar zu lesen, daß der Partei ihr „Recht auf Führung" nicht automatisch zustehe, sondern daß Sachkenntnis, „Kompetenz", unabdingbar sei. In der Praxis hätte das die Ausschaltung der meisten Kulturfunktionäre bedeutet, von denen man nur den wenigsten Sachkenntnis in ästhetischen Fragen zusprechen kann. Ausdrücklich weist Rumjanzew jetzt die Forderung zurück, Literatur und Kunst aus dem Bereich der Partei herauszunehmen. Doch warnt er auch jetzt noch davor, das Recht der Partei auf Führung mit Befehlshabern und rüder Einmischung zu verwechseln.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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