Die ewige Lampe
„Leitartikel bewegen die Welt", herausgegeben von Will Schaber und Walter Fabian, 475 Seiten, Cotta Verlag, Stuttgart, 1964, 19 80 DM. Tpines der vielen Journale in dem geistig so — fruchtbaren, politisch so tragisch ergebnislosen Revolutionsjahr 1848 hieß „Die ewige Lampe" und erschien in Berlin; es war ein mutiges kleines Familienunternehmen, dessen Herausgeber, Dr. Carl Siechen, seine eigenen Ausführungen kennzeichnete als „Leitender Artikel" — ohne wissen zu können, daß er damit eine Bezeichnung schuf, die sich bis heute im deutschen Zeitungswesen erhalten hat: den Leitartikel.
Wir finden hier eine Sammlung präsentiert, die höchstes Lob und weit gestreutes Interesse verdient; Will Schaber, deutscher Journalist während der Weimarer Republik und heute amerikanischer Staatsbürger, hat gemeinsam mit Walter Fabian, Korrespondent, Übersetzer und Herausgeber der zu Recht renommierten „Gewerkschaftlichen Monatshefte", eine eindrucksvolle Arbeit geleistet.
Interesse verdient diese Edition von der Sache her: sie enthält gezeichnete und ungezeichnete Leitartikel vom Ende des 18. Jahrhunderts (amerikanische und französische Revolution) bis hm zur Gegenwart (Eichmann und Spiegelprozeß) und liest sich wie ein spannender und aktueller Kommentar zur Geschichte. Und zwar nicht zur Geschichte ganz allgemein, sondern zu jeweils brennenden Ereignissen, die oftmals unserem allgemeinen historischen Wissen entrückt sind: Justizmorde, politische Morde, Revolutionen, Enthüllungen, Demonstrationen für Freiheit und Recht in Zeiten der Finsternis und des Unrechts, m denen wir noch immer leben. Die mehr als hundert ausgewählten Stücke sind ein im doppelten Sinne des Wor es „bewegendes" Dokument des oft vergeblichen, manchmal aber doch erfolgreichen Appells selbstverantwortlicher Individuen an das Bewußtsein ihrer Zeitgenossen.
In je verschiedener Weise haben alle diese Artikel Geschichte gemacht, haben sie — wie der Untertitel andeutet — „die Welt bewegt": "b man Horace Greelys bitteren Disput mit dem ihm befreundeten Präsidenten Lincoln während des Bürgerkrieges m der Nege -frage nimmt oder einen der Aktionsaufrufe Lenins oder den Aufsatz von Hugo Preuß über den deutschen Parlamentarismus in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" — sie alle markieren historische Situationen ebenso wie den Versuch, mittels der Pressepublizität an den historischen Prozessen mitzuwirken.
D e Sammlung verdient das Interesse derer, die in der Geschichte lebendige Auseinandersetzungen 7u sehen vermögen oder denen umgekehrt die Lebendigkeit der Geschichte durch totes Schulbuchwissen ausgetrieben wurde. Sie verdient auch das Interesse derer, die lernen wollen, was großer Journalismus bisweilen zu lesfen vermag, was Schärfe und Geist und anaIv isches Vermögen hervorbringen können gerade in der Presse, die heute weitgehend zum billigen Sensationalismus absinkt und in der kritische Reflexion weniger gefragt zu sein scheint als das Erfinden der zügigen Schlagzeile. Die Herausgebe haben eine intensive Forschungsarbeit geleistet, ehe sie publizierten — was man nicht immer von derartigen Sammelbänden sagen kann. Material aus Dänemark, Belgien und Rußland findet sich ebenso wie entlegene Stücke aus China und Japan — von den großen Leistungen der französischen, englischen und amerikanischen Journalistik ganz zu schweigen. Jeder ausgewählte Text hat einen kleinen Vorspann, der den jeweiligen aktuellen Anlaß kurz umreißt und etwas über den Verfasser aussagt; sofern notwendig, finden sich auch innerhalb der Texte Fußnoten, die auf Zusammenhänge verweisen, die den Zeitgenossen klar waren, nicht aber uns Heutigen unbedingt noch geläufig sind.
Auch ist diese Edition nicht ohne „Tendenz" Der Untertitel der eingangs zitierten „Ewigen Lampe" hieß „Ein Oppositionsblatt" — und sofern sich ein roter Faden durch nahezu alle diese Texte zieht, ist es der, daß es Aufgabe der meinungsbildenden und verantwortlich kommentierenden Journalisten sei, das Regieren schwerer zu machen, Mißtrauen gegenüber der Macht wachzuhalten und Freiheit zu wahren wo sie bedroht ist. Und, was noch zum guter. Journalisten gehört: ein Verständnis für geschichtliche Prozesse, ein — und sei es noch so rudimentär — Gefühl für Perspektive und fortschrittliche Entwicklungsprozesse.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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