Die heimliche Ost-West-Achse
Das Zusammenspiel der Großmächte in Kaschmir Washington, Ende September
Der amerikanische Diplomat steuerte uns zum chinesischen Restaurant in der Zweiten Avenue, nicht weit vom Gebäude der Vereinten Nationen in New York; es kündigt sich mit der weithin sichtbaren Inschrift „Peking" an und bietet eine leckere Auswahl von Speisen zu erschwinglichen Preisen.
„Peking", fragte ich, „ist dieser Firmenname denn heute in den USA noch geduldet?" „Aber selbstverständlich", erwiderte der Beamte „Peking wird ja schließlich auch noch Peking heißen, wenn Marschall Tschiang Kaischek es zurückerobert hat " Seine Antwort hatte einen sarkastischen, süßsauren Beigeschmack wie das kantonesisch zubereitete Schweinefleisch in der chinesischen Gaststätte. Sie spielt unüberhörbar auf einige Besucher an, die in diesen Tagen bei der amerikanischen Regierung vorgesprochen haben oder in diskreter Distanz um sie herumkreisen.
Madame Tschiang Kai schek, auf private Einladung in den USA, enthielt sich schon bei der Ankunft an der Westküste aller militanten Äußerungen, obgleich jedermann wußte, daß sie die zusammengeschmolzene China Lobby im Kongreß und wenn möglich den Präsidenten Johnson überreden wollte, die einzigartige und vielleicht letzte Gelegenheit des vietnamesischen Krieges zu einem Schlag gegen die chinesische Volksrepublik zu nutzen. Ihr Mann, der sehr gealterte Marschall, hatte ja schon vor Monaten in einem Interview unverblümt verlangt, die Vereinigten Staaten sollten jetzt oder nie die Atomanlagen der Rotchinesen bombardieren — eine Empfehlung, die auch mancher amerikanische Luftwaffengeneral, mancher pazifische Flottenbefehlshaber für durchaus angebracht hält. Frau Tschiang Kai schek erreichte zwar das Ohr des Präsidenten bei einem von der First Lady zu ihren Ehren im Weißen Haus gereichten Tee, aber sein Gehör fand sie offenbar nicht. Nicht anders erging es dem nationalchinesischen Verteidigungsminister. Er schnitt das gleiche Thema in diesen Tagen im Pentagon an und glaubte, dort manches halboffene Ohr zu finden. Aber offiziell wurde hinterher mitgeteilt, in seiner Unterhaltung mit Verteidigungsminister McNamara sei darüber nicht gesprochen worden. Wohl ist die amerikanische Regierung mehr denn je daran interessiert, asiatische Verbündete gegen die chinesische Volksrepublik zu sammeln; sie braucht sie, um den Ring des Containment um das rote Reich der Mitte zu schließen. Aber sie denkt nicht daran, Einflüsterungen zu einem offensiven Zurückrollen zu folgen. Daher legt Washington sogar Wert darauf, auf keinen Fall nationalchinesische Truppen in Südvietnam einzusetzen, obgleich ihm daran liegt, daß so viele Verbündete wie möglich im Dschungelkrieg ihre Flagge hissen; aber nationalchinesische Verbände im Süden müßten die Intervention rotchinesischer Truppen in Nordvietnam nach sich ziehen, und das wollen die USA unbedingt vermeiden. Washingtons China Politik zielt also gegenwärtig auf zwei ohne Kriegshandlungen und ohne Präventivangriffe erreichbare Ergebnisse ab. Rotchina soll in Asien ohne Schaffung neuer und wahrscheinlich funktionsunfähiger amerikanischer Bündnissysteme doch mit Nachbarstaaten umsäumt werden, die aus Eigeninteresse im militärischen Zusammenspiel mit den USA eine antichinesische Mauer bilden. Indien fügt sich wegen der Aggressivität Pekings bereits als großer Quaderstein in dieses Bauwerk ein und ist gezwungen, auf seine lang gepriesene Neutralität zu verzichten. Pakistan ist aus der Mauer noch keineswegs herausgebrochen, weil es außer aufreizenden chinesischen Ermunterungen keinen Ersatz für die amerikanische Wirtschafts- und Waffenhilfe erwarten kann und auch nicht daran denkt, sich den gelbroten Revolutionären in die Arme zu werfen. Washington bleibt sogar trotz allen Demütigungen um ein leidliches Verhältnis zum Indonesien Sukarnos bemüh c, denn es geht davon aus, er wolle sich bei allem propagandistisch gewürzten Anti Imperialismus auf keinen Fall in die volle Abhängigkeit von Peking begeben. In Südvietnam tritt nach und nach eine militärische Konsolidierung ein, und das schmükkende Beiwort vom Papiertiger wird mehr und mehr auf Mao Tse tung anwendbar, der es auf die Amerikaner Die Eindämmung Chinas in Asien wäre jedoch unvollständig, wenn damit nicht die Isolierung Pekings im kommunistischen Lager und unter den bündnisfreien Entwicklungsländern Hand in Hand ginge. Für die Isolierung Maos in der kommunistischen Welt ist der Schlüssel in Moskiu zu suchen. Den Schlüssel zu seiner Isolierung in der dritten Welt hat Peking bereitwillig und kurzsichtig selbst zur Verfügung gestellt. Der Zusammenstoß zwischen Pakistan und Indien wegen Kaschmir brachte die beiden Supermächte Amerika und Rußland in die gleiche fatale Lage: Beide mußten aus ihrem übergeordneten gemensamen Interesse der Friedenserhaltung einen halben Frontwechsel vornehmen.
Die Sowjetunion hatte früher Indien im Streit um Kaschmir gegen Pakistan unterstützt, weil der moslemische Staat in das ursprünglich gegen Moskau errichtete Bündnis der CENTO und m den Südostasienpakt einbezogen worden war. Sofort nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten nahm die Sowjetunion aber — wie die USA — eine neutrale und vermittelnde Haltung ein. Die Amerikaner, die durch bilaterale Militärhilfsabkommen mit Pakistan verbunden sind, rückten mit ihrem Einschwenken auf die Neutralität ein Stück von diesem Verbündeten ab, da ihnen die Sicherung Indiens, der größten südasiatischen Nation, auf lange Frist vordringlich ist. Moskau und Washington beobachteten einander in der Spanne zwischen dem 5. August urd dem Waffenstillstand vom 22. September mit angespanntem Argwohn, ob einer sein Gewicht auf die Seite eines der Kriegführenden werfen würde. Nichts dergleichen geschah. Die Interessenidentität zwischen Moskau und Washingtcn war in zwei Bereichen so überwältigend start, daß sie jede Versuchung erstickte, den anderen zu übervorteilen. Sie wollten beide nicht wegen Kaschmir in eine direkte Konfrontation geraten; und sie wollten beide verhindern, daß die chinesische Volksrepublik ihre Position durch einen sich erweiternden, neuen asiatischen Konflikt verbesserte.
Dieser zweite Punkt ist entscheidend. Er trit besonders hervor in den wiederholten Mahnungen Kossygins und des sowjetischen UN Botschafters Fedorenko, „dritte Staaten" sollten auf jeden Fall davon absehen, den Kaschmirkonflikt zu schüren. Die Harmonie zwischen Moskau und Washington in dem geglückten Unterfangen, den UN Sicherheitsrat als Instrument zur Herbeiführung des Waffenstillstandes zu verwenden und sich dadurch allen etwaigen Vorwürfen Ptkistans wie Indiens zu entziehen, war perfekt. Die USA und die Sowjetunion wünschen, das hat dieser Zwischenfall erwiesen, keine gewaltsame Veränderung des Machtgleichgewichtes in Asien und auf keinen Fall solch eine Veränderung zugunsten der chinesischen Kommunisten. Die Sowjets wünschen aber auch keine amerikanische Vorherrschaft in Asien. Das macht die Wiederholung aller Anklagen gegen die USA, wegen des Eingreifens in Vietnam verständlich, die Gromyko vor der Vollversammlung langatmig und düster noch einmal vortrug (wenn er auch mehr Zeit auf Deutschland und die Nichtverbreitung von Kernwaffen verwendete); er schloß mit der Versicherung, die Sowjetunicn strebe gute Beziehungen zu Amerika an, jedoch nicht auf Kosten Dritter. Damit deckte Gromyko die sowjetischen Verpflichtungen gegenüber Nordvietnam; eine ähnliche Honorierung für Peking würde, kaum ein Zweifel ist noch möglich, wohl nur eingegangen, wenn Peking sich wieder an dem ideologischen roten Leitstern Moskaus orientierte.
Die sowjetisch amerikanische Übereinstimmung im Kaschmirkonflikt war vorhanden, solange er akut war; sie wird wieder abschmelzen, nachdem seine militärischen Implikationen beseitigt sind und solange der vietnamesische Krieg andauert. Doch zum erstenmal wurde offen demonstriert, daß Moskau und Washington über Asien ebensowenig direkt aneinandergeraten wollen und ebensowenig an einer großräumigen Veränderung des Status quo auf diesem Kontinent interessie t sind wie in Europa. China kann nicht mit sowjetischer Unterstützung für seine Theorie der pemanenten, anti imperialistischen Revolution in Asien rechnen, weil Moskau heute davon ausgeht, sie könnten ebenso unversehens an die nukleare Eskalation heranführen wie ein örtlicher Zwischenfall in Europa. Kossygin und Breschnew scheinen, noch gemäßigter als Chruschtschow, sogenannte „nationale Befreiungskriege" oder Zusammenstöße nichtnuklearer Länder wie Indien und Pakistan nicht mehr unbedingt als Freistatt für antikapitalistische Umbrüche zu betrachten. Es ginge zu weit, daraus auf ein vorbedachtes Zusammenspiel der USA und der Sowjetunion gegen die Volksrepublik China zu schließen. Darauf kann sich Moskau nicht einlassen, weil das eine Schwächung des kommunistischen Lagers nach sich ziehen würde, die es schließlich selbst träfe. Doch wenn es um Krieg und Frieden geht, ordnet auch die Sowjetführung ihr Verhältnis zu China den sowjetisch amerikanischen Beziehungen unter. Peking trägt zu dieser Isolierung von sich aus bei. Indem der rotchinesische Verteidigungsminister Marschall Lin Piao lauthals bekräftigte, politische Macht komme aus der Gewehrmündung und der Kommunismus müsse durch die permanente Revolution der agrarischen Kontinente Asien, Afrika und Lateinamerika über die kapitalistischen Industriekomplexe Nordamerikas und Europas siegen, verschärfte er den Gegensatz zu der aus Selbsterhaltung bestimmten nuklearen Friedensdoktrin der beiden Supermächte und dem Friedensverlangen der bündnisfreien Länder. Solche Fanfaren aus Peking dienen der Eindämmungs- und Isolierungspolitik Washingtons vortrefflich, und sie zwingen die Sowjetunion, die Interessengemeinschaft mit Amerika zu erhalten. Joachim Schwelten
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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