Die neue Schallplatte
Pierre Boulez: „Structures pour deux pianos"; Alfons und Aloys Kontarsky; Wergo 60011, Der jetzt vierzigjährige Franzose Pierre Boulez gab mit diesem 1952 und 1961 komponierten zweiteiligen Werk ein Schulbeispiel für die strukturelle Anlage und die Klangwelt dessen, was in der „seriellen" Kompositionstechnik entsteht: eine in allen „Parametern", in Tonhöhe, Dauer, Lautstärke, Anschlagsart und Klangfarbe nach logischen Kriterien, mit Hilfe von ein für allemal fest aufgestellten „Reihen" durchorganisierte Musik. Diese Erklärung klingt ungemein technisch, deutet hin auf etwas Kühles, Sachliches, Funktionelles; das Künstlerische, Unwägbare scheint völlig ausgeschlossen. Dazu muß man das Ergebnis hören. Ohne Zweifel ist hier — wie Boulez sagt — aus dem musikalischen Vokabular „absolut jede Spur des Überkommenen getilgt". Allein: ein neues Vokabular ist gefunden und virtuos beherrscht. Die Brüder Kontarsky, bekannt als exzellente Interpreten gerade der Musik der jüngsten Zeit, zeigen, daß eigentlich eisige Kälte m dieser berechneten Musik dominiert, Emotion keine Rolle mehr zu spielen scheint — bis dann völlig unerwartet unbekannte "Gänge den Hörer faszinieren, Zusammenfügungen extrem weit auseinanderliegender Tonballungen im pppp, Klangrauschen, die Sensibilität eines einzelnen, völlig isolierten Tones. Man muß allerdings die Konzentration aufbringen, zuzuhören. Das ausgezeichnete Textheft — Wergo ist da immer vorbildlich — erleichtert diesen für manchen Hörer ungewohnten Kraftakt sehr. Wer sich der neuesten Musik nähern, sie verstehen möchte, sollte diese Platte besitzen. H. J. H.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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