Die schwedische Schlacht

Im Stockholmer Rasunda-Stadion siegten die Strategen Von Jo Viellvoye

7enn Metzgermeister aus der Oberpfalz das Schlachtermesser mit der schwarzrotgoldenen Fahne vertauschen, wenn Hambuiger Halbwüchsige ausziehen, um Sendboten der Nation zu sein, wenn der Haltbarkeit einer Achillessehne mehr Druckerschwarze gewidmet wird als jener künftigen Regierungskoalition,kurzum, wenn die nationale Ehre auf dem Spiel zu stehen scheint, dann geht es um ein Fußballspiel Sage niemand, dieses Volk sei nicht mehr hinter der Ölheizung hervorzulocken 1 Es ist Sechstausend Deutsche fuhren gen Schweden, Nordlandfahrer,fheger, tramper Dreitagesflug Stockholm für 445 Mark, alles inklusive. Schweden — das weckte böse Erinnerungen. Reminiszenzen machten sich breit, schreckliche Dinge traten ins Bewußtsein Schweden — des deutschen Fußballers liebster Feind 1958, beim Spiel um den Einzug ins Weltmeisterschaftsendspiel, hatte die deutsche Nationalelf in Göteborg nicht nur einfach verloren — einer der ihren wurde vom Platz gewiesen, pausenlose Spiechchore zermürbten die Nerven der Spieler und Zuschauer: Heja. Svenge. Ergebnis 3l für die Schweden Damals verschwanden in Deutschland an manchen Masten ein paar blaue Fahnen mit gelben Kieuzen Autoreifen unschuldiger Touristen ging plötzlich die Luft aus, und irgendwo soll sogar die Schwedenplatte von der Speisekarte gestnchen worden sein Die sportlichen Beziehungen wischen beiden Landern kühlten ab. Sieben Jahre spatei nun sah man sich Problemen gegenüber, die weit über das hinausgingen, was man Spielstrategie nennt, als die Bundesrepublik wieder mit den Nordlandern gegenübergestellt wuide Um die sechzehn Teilnehmet zu ermitteln, die 1966 in England um den , World Cup", die Weltmeisterschaft,spielen, müssen Ausscheidungsspiele stattfinden Schweden und Deutschland kamen zusammen m eine Giuppe Im Noember 1964 hatte auf deutschem Boden, im Berliner Olympiastadion, das erste Spiel zwischen Deutschland und Schweden stattgefunden. Es endete 11, ein Ergebnis, das mannigfache Emotionen ausloste Denn nun konnte nur noch ein Sieg in Schweden den Weg nach England ebnen und verhindern, daß eine Weltmeisterschaft zum erstenmal ohne Deutschland stattfindet ( ausgenommen das Jahr 1950, wo Deutschland sich noch im politischen Abseits befind) Doch seit 1911 hatte keine deutsche Nationalelf m Schweden mehi gewinnen können Die Bilanz war negatu Bei zwanzig Spielen mit Schweden gab es nur sechs deutsche Siege De Schweden fichlockten dann besonders, als sich Deutschlands derzeit bester Linksaußen, Heil Hon tg aus Köln, zehn Tage vor der entscheidenden Aubemandeisetzung verletzte Der Veibancstia ne enneri iymcm, erantwortJichei Mann im schwedischen Fußball, vergaß die dplom? tisdie Haltung und fieute sich un tinonlei uoer diese Blessur Deutsche Blatter d ucktcn es und es schien, als drohe ein defekt i Mv i viis die n ubsam geflickten Verbindun ,1 11 ntieii di i storei So )>? IIP man, sich m der Bundesrepublik ui ustei , ie l cn wenigei technisch sportlich als cl nehi pwch ch Stimmungsmache Der deutsJic Bandestia iei Hel~ nut Schon zog seine Spielei i der schleswig holsteimschen Sport schule Malente zusammen und verriegelte die „Festung"so, daß Gehlens Domizil m Munchen Pallach wie ein Haus der offenen Tür dagegen wirkte Lennart Nyman hmwiedeium zog mit den Semen nach Valladalen, dem Trainingszentrum des schwedischen Sports Doch beide Tramer ließen verlauten, daß man „ eigentlich nicht mehr MC!" mache und in erster Linie auf, Recreation" bedacht sei „ Wer keine Kondition mitbringt, sagte Schon,„ wird sie hier afch picht bekommen Was wii brauchen, sind staike Nerve i Um d ese A it on Nerenkneg nicht voi zeitig zu oecnde, hatten sich beide Seiten noch etwas enf? llen lassen Die Schweden hielten sich nicht in en, in Hamburg getroffene Verembaiung, um einen ihm m Italien spielenden Piofi Fußballer einzusetzen Helmut Schon dagegen hielt mit der Mannschaftsaufstellung so lange hmtei dem Berg, bis die Enthusiasten zwischen dem Polarkreis und den Alpen gleichermaßen von der Frage bewegt wurden. Spielt nun Uwe Seeler oder spielt er nicht? Mit dieser Frage und einem hoffnungsfrohen „ Uwe Uwe 1" auf den Lippen setzte sich die deutsche Invasion in Bewegung „ Das Sfiel lon Stockholm, schrieb die „ Sport Illustnerte",„ kommt nicht nur zeitlich gleich nach den Bundestagswahlen Auf dem Flughafen Munchen Riem, wo die Wechselbank nicht eine einzige schwedische Krone mehr auftreiben konnte, staltete eine Chartermaschine mit übel zweieinhalb Stunden Veispatung Doch wo sich normalerweise der Arger cmei Hundeitschaft zum Warten veiuiteilter luiger über den Reiseleiter ergossen hatte, loite man kein böses Wort Ein einziger Mann, an Mann des Fußballs fieihch, ein prominenter "lamer, referierte über die Chancen m Schwecen und fand 150 Minuten lang mteressieite Zulorei Der Tag von Stockholm war grau und nebelig Die Zuschauer aus Deutschland zogen heran Die Pungsgatan, Piachtstiaße der schwedischen Hauptstadt, sah das Vorspiel, sah Schwarz RotGold Jung Schweden fühlte sich provoziert Das erste „ Heja heja 1" klang auf Im Ho„ ei foresta, im vornehmen Stadtteil Lidingo, hatte d<e deutsche Mannschaft ihr Lager aufgeschlagen. Die letzten Meldungen aus diesem Lager hatten den Charakter von Wehrmachtsbenchten. Das offizielle Bulletin verkündete:„ Die deutschen Spieler wurden um neun Uhr geweckt Sammlung zum Truhstuck um 9 30 Uhr Kein gemeinsames Essen vorgesehen. Steak am liebsten, aber auch viele Spiegeleier mit Schinken und Ruhreier mit Schinken. Danach Spielei Sitzung mit Spielern, Dauerte ungefähr 40 Minuten 11 45 Uhr Abfahrt mit Bus nach Solna Es wird definitiv keine Änderungen Die Schweden, so eifuhr man, waren eher aufgestanden um acht Uhr.

„Vier zwo vier" heißt die neue Zauberformel im Fußball Vier zwo vier spielten beide Mannschaften Das „safety first", das mit der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung eines erzielten oder verfehlten Tores auch den Sport erobert hat, diktiert den Trainern die Defensivtaktik Aus ehemals fünf Sturmern sind vier geworden Der fünfte hat sich ins zweite Glied zurückgezogen, Pendler zwischen Abwehr und Angriff Und da warens nur noch drei. Bei den Deutschen namlidi Denn außer Horst Szymaniak, nur auf dem Papier ein Sturmer, auf dem Rasen aber ausschließlich im Mittelfeld tatig, zogen sich auch Peter Grosser oder Werner Krämer zurück, verstärkten die eigene Deckung und ließen keinen Zweifel am Sinn dieser Taktik: Wn müssen nicht gewinnen Wir dürfen nur nicht verliefen Ein Unentschieden nämlich hatte den Deutschen die Chance eines dritten Spieles auf neutralem Boden — m London — gelassen. 44 Minuten lang stimmte die Rechnung. Die schwedischen Spieler, verbissen anstürmend, fanden kein Loch in der deutschen Abwehrmauer, bis Toi wart Hans Tilkowski einen hohen Flankenball verfehlte und Jonsson die Chance zum l 0 gab Ein Taumel der Begeisterung erfüllte das Rasunda Stadion Aber Kramer aus Meidench glich noch in der gleichen Minute aus Sekunden spater bat Mr Dagnall, der englische Schiedsrichter, zum Pausentee Nach der Pause endlich spielte die deutsche Elf Sie spielte Szymaniak wurde zum Mittelfeldstrategen In der 54 Minute nutzte Uwe Seeler einen Fehler des schwedischen Torwarts. Ein „Abstaubertor", wie man in Fachkreisen sagt Und schließlich Fine ganze Halbzeit lang war dieser Mann ein Schwerstarbeiter, dem die Kollegen immer noch ein paar Steine aufbürdeten Ein Rackerer, ein Schufter ohne all jenen Glanz, der aus ihm „uns Uwe" machte, nationaler Besitz des deutschen Fußballs Die Strategen hatten gesiegt Schwarz RotGold im Rasunda Stadion Kronprinz Carl Gustav, 19 Jahre alt Schwärm seines Volkes, schaute lächelnd auf den grünen Rasen So zogen sie alle heimwärts Die Deutschen heiteren Sinnes, die Schweden ein bißchen traurig Aber bei „Stockholm alles inklusive" kann man schließlich auch einen Sieg verlangen

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