Die Wahl nach der Wahl

Im Obertaunus kann die CDU nichts hinzugewinnen M. K., Frankfurt

Prominente und weniger prominente Bonner Politiker ziehen in diesen Tagen in hellen Scharen in den Wahlkreis 195. Der Grand dafür ist, daß sich kurz vor den Bundestagswahlen am 19. September der Kandidat der „Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher" erschoß. Ging diese Splitterpartei auch in ein aussichtsloses Rennen, so mußte die Wahl doch verschoben und eine Nachwahl auf den 3. Oktober festgesetzt werden.

Obwohl das Rennen längst gelaufen und eine nennenswerte Verschiebung der Kräfteverhältnisse im Bundestag nicht mehr möglich ist können sich die Bewohner des Gebietes zwischen dem nordwestlichen Frankfurter Stadtrand und Weilburg über Vernachlässigung nicht beklagen. Die CDU schickt sogar Bundeskanzler Erhard noch einmal ins Wahlgefecht; auch die Bundesminister Blank, von Hassel und Lücke treten auf. Die Sozialdemokraten entsenden Fritz Erler, Helmut Schmidt und Carlo Schmid, die Freien Demokraten veranstalten zwei Forumsgespräche mit ihrer „Bundesliga", jeweils fünf Spitzenpolitikern.

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Andere Bundestagsabgeordnete gehen auf die Dörfer. Der örtliche SPD Kandidat Kurt Gscheidle besucht zusammen mit seinem Fraktionskollegen Schmidt Vockenhausen zahlreiche Orte mit einem Funkwagen; sie nehmen Diskussionen auf Tonband auf und verbreiten sie anschließend, was dem Wähler den Vergleich unterschiedlicher Auffassungen ermöglicht. Auch der CDU Kandidat Walter Leisler Kiep, ein begüterter Abkömmling eines der Gründer der Farbwerke Hoechst, bedient sich unermüdlich unkonventioneller Methoden.

Er ist der einzige der drei wieder im Bundestag vertretenen Parteien, dessen Einzug ins Bonner Parlament noch nicht gesichert ist. Sowohl Gscheidle als auch der FDP Kandidat Staratzke werden auf jeden Fall über die Landesliste in den Bundestag ziehen. Das macht sich die CDU zunutze. Sie operiert mit dem Argument, daß man doch Leisler Kiep zum Siege verhelfen solle, da dann die Interessen des Wahlkreises durch drei Abgeordnete erst recht gut vertreten wären. Den Kreisblättern ist es zu entnehmen, daß örtliche CDU Funktionäre besonders den Sozialdemokraten Betrug am Wähler vorwerfen, weil sie mit einem Kandidaten kämpfen, der längst gewählt sei. Sie verschweigen allerdings, daß ein Wahlsieg Leisler Kieps der CDU keineswegs ein zusätzliches Bundestagsmandat einbringen würde. Leisler Kiep kämpft in Wirklichkeit weder gegen die SPD noch gegen die FDP, sondern gegen seinen Parteifreund, den Rechtsanwalt Kanka aus Offenbach, der in seinem Wahlkreis durchfiel und nun an letzter Stelle der Landesliste als gewählt gilt. Setzt der CDUKandidat sich im Obertaunuskreis durch, erhält die Partei ein Listenmandat weniger. Der CDU geht es daher um einen psychologischen Erfolg. Die Aussichten dafür sind nicht schlecht, denn der Wahlkreis war in früheren Jahren stets an die Union gefallen; nur vor vier Jahren war hier Dr. Berthold Martin knapp dem SPD Kandidaten unterlegen (Erststimmen: SPD 40 3 Prozent; CDU: 38 3 Prozent). Dieses Ergebnis war den FDP Wählern zu danken gewesen, denn ein Teil von ihnen hatte ihre Erststimme offensichtlich dem CDU Kandidaten gegeben; bei den Zweitstimmen lagen SPD und CDU vor vier Jahren ein ganzes Stück auseinander (SPD: 40 1 Prozent; CDU: 35 9 Prozent). Anlaß zu größter Aktivität haben diesmal vor allem die Freien Demokraten. Es geht um das Mandat ihres nordrhein westfälischen Parteifreundes und Haushaltsexperten Dr. Emmde. Noch gilt er als gewählt, da der Bundeswahlleiter beim vorläufigen Wahlergebnis die beider noch ausstehenden Wahlkreise — Obertaunus und Schweinfurt — schon mit einbezogen ha: und zwar mit Durchschnittswerten. Will die FDP das Mandat halten, welches ihr den Vorsprung vor der CSU garantiert, so muß sie immerhin zwölf Prozent der Stimmen erringen, Die Chancen sind gut, denn vor vier Jahren waren es 16 7 Prozent gewesen. Zwar ist im westlichen Teil des Obertaunus Wahlkreises der katholische Einfluß nicht unbeträchtlich, doch wird das bei weitem wettgemacht durch die Orte wie Bad Homburg, Kronberg und Königstein, in denen ein erheblicher Teil der Creme der Frankfurter Gesellschaft wohnt. Neu hinzugekommen sind zum Wahlkreis sogar Orte wie Bad Soden und Eschborn, die eine ähnliche Struktur haben. Der FDP müßte es also eigentlich gelingen, ihr Mandat zu halten.

Schneidet die FDP schlecht ab, so hätte das nicht nur Einfluß auf die Koalitionsverhandlungen in Bonn. Die lachenden Dritten wären dann die Sozialdemokraten. Zwar ist ihr Direktkandidat Gscheidle auf der Landesliste abgesichert, auch würde er, falls er durchfällt, den hessischer Listenletzten Schwabe kaum verdrängen, abei der SPD winkt wegen des Verbundes der einzelnen Landeslisten ein zusätzliches Mandat ir einem anderen Bundesland, wahrscheinlich ir Niedersachsen, falls die Freien Demokraten irr Obertaunus durchfallen.

Das ist für den Wähler recht kompliziert aber dafür weiß er wenigstens — anders als die Wähler vom 19. September — ziemlich genau, was er mit seiner Stimme bewirkt „Die Wahl nach der Wahl eine Qual?" heißt es auf FDPFlugblättern. Die Antwort lautet mit Recht „Nein". Es geht im Obertaunuskreis nicht mehr um Deutschland. Eher geht es um die Vizepräsidentschaft Erich Mendes. Dieses Repräsentationsamt würde die FDP gewiß beanspruchen, hätte sie nach diesem Sonntag einschließlich ihres Berliner Abgeordneten ein Mandat mehr als die CSU.

 
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