Eine Schlappe - als Sieg frisiert
Das Wahlergebnis der bayerischen CSU
Franz Josef Strauß tut so, als ob er einen Sieg erfochten hätte. Er tritt auf, als sei er nach Bundeskanzler Erhard der eigentliche zweite Wahlsieger. Feierlich hat ihm Rainer Barzel in der gemeinsamen Fraktionssitzung zu seinem Erfolg beglückwünscht.
Dabei gab es am 19. September nur zwei Parteien, die Mandate gewonnen haben: die CDU, die um 4, und die SPD, die um 12 Sitze zunahm. Und es gab zwei Verlierer: die FDP, die von den vor vier Jahren der CDU abgenommenen 26 Sitzen 18 einbüßte, und die CSU, die von ihren 50 Sitzen in Bonn einen verlor und damit — wie die FDP — 49 Abgeordnete in den Bundestag schickt.
Die CSU Propaganda hebt demgegenüber hervor, daß die CSU die FDP an Stimmen überrundet habe. In der Tat erhielten die FDPListen 3 062 948 Zweitstimmen und die Liste der CSU 3068861. Das sind ganze 5913 Stimmen mehr.
Ferner weist man in der Münchner Lazarettstraße selbstbewußt darauf hin, die CSU habe einen absoluten Zuwachs von 123 009 Zweitstimmen. Aber das ist kein Grund zum Jubilieren. Absolut hat die CDU in Baden Württemberg und Niedersachsen weit stärker zugenommen, und fast in allen Bundesländern hatte sie einen höheren relativen Zuwachs. Aus den 123 000 Stimmen läßt sich ein Erfolg nur konstruieren, wenn man übersieht, daß die Gesamtziffer der Zweitstimmen am 19. September gegenüber 1961 um eine Million zunahm — 3 1 Prozent. Der Gewinn der CSU ist weit geringer; ihr Anteil an den Bundeszweitstimmen stieg nur von 9 4 auf 9 5 — also um ein Zehntel Prozent. Der absolute Zuwachs verwandelt sich in einen relativen Rückgang. Nur so erklärt es sich, daß die CSU bei der Mandatszuteilung einen Sitz im Bundestag verlor.
Aber die CSU hat ihre Stellung in Bonn nicht dank der eigentlichen traditionellen CSU Wählerschaft knapp behauptet. Sie hätte mehr verloren, wäre nicht die im bayerischen Landtag noch knapp vertretene Bayernpartei bereit gewesen, die Wahlparole zu ihren Gunsten auszugeben. Auch das hätte nicht gereicht. Es bedurfte monatelanger Manipulationen, um ein Wahlbündnis mit der GDP zustande zu bringen, deren Mitglieder und Wähler sich in den anderen Ländern anderen Parteien anschlössen. Die Parteigremien der CSU wurden bewogen, den aus dem Sudetenland stammenden früheren Abgeordneten des EHE, Dr. Walter Becher und HerBeide sind nicht Mitglieder der Partei, die sie auf ihre Liste nahm. Die Strauß Fraktion in Bonn zählt daher mir 47 der CSU angehörende Mitglieder.
In Wahrheit hat Strauß eine Schlappe erlitten, die er nur als Sieg empfindet, weil er eine noch größere Niederlage befürchtet hatte.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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