Enfant terrible unter den Verbrauchern
Ist er Profi? Ist er Amateur? Betreibt er seine mehr aus materiellen Beweggründen? Man wird es nie genau ergründen. Er selbst und viele Indizien sprechen für Idealismus.
unter den deutschen Verbrauchern. Er nimmt sich hilflos im Preisgewirr Verirrten an; wirft ihnen Rettungsringe zu. Zum erstenmal im Jahre 1957, als „Beziehungskäufe" Mode wurden, als graue Märkte für solche Markenartikel entstanden, deren Preise zu hoch festgesetzt waren. Damals faßte Schui den Entschluß, solcherlei „Beziehungen" jedermann zugänglich zu machen Er gründete — zusammen mit seiner Frau — die 20, im Schui Eigenheim. In einer Postwurfsendung der Käufer IG hieß es damals: Protestieren Sie nicht gegen die hohen Preise, es nutzt nicht viel. Handeln Sie!. Jedermann kann über die Käufer IG zu niedrigen Preisen beziehen: "Wasch- und Küchenmaschinen, Rundfunk, Fernsehgeräte, Fahrräder, Öfen, Herde, Musikinstrumente, Photo Artikel, Kühlschranke usw . Die Kaufer IG arbeitet ohne Gewinn oder Kapitalbildung " Schui übermittelte Anfragenden seinen Billigwaren Quellennachweis. Er hatte „Vertragshandler" an der Hand. Zugleich aber rief er zum Feilschen und Handeln im nachstgelegenen Laden auf. Heute meint er: „Ich habe einen großen Teil der Schuld daran, daß damals die Rabattseuche begann. Die Leute zeigten meine Angebote überall herum und brachten die Handler dazu, Preisnachlässe zu gewahren " Seit dem vorigen Jahr bekämpft er nun die „Rabattseuche". Er ruft Einzelhändler zum Eintritt in seine Pilotgememschaft des Handels auf. Möbel, Textilwaren- und Elektrogeräte Händler dürfen das rechteckig umrahmte Schild „Pilot" im Schaufenster zeigen, sofern sie sich verpflichten, mit Aufschlagen von höchstens 35 Prozent auf die Einkaufspreise ihrer Waren zu arbeiten. Das entspricht einer Handelsspanne von etwa 26 Prozent.
Eine solche Spanne ist in der Tat vergleichsweise niedrig. Schui betont immer wieder, daß er nichts gegen große Gewinne hat, sofern sie durch große Umsätze, nicht aber durch hohe Spannen entstehen. Wütend wird er über die „Echternacher Kalkulation", also die Sitte, viel zu hohe Preise anzugeben, dann „Rabatte" zu gewahren — deren Höhe ohnehin dem Rabattgesetz widerspricht, das nur drei Prozent gestattet — und trotz dieser Preisnachlässe immer noch überhöhte Spannen zu kassieren.
An die sechzig „Piloten" gibt es jetzt im Bundesgebiet. Zumeist sind es gesunde, mittelständische Betriebe, denen das Sdiui Motto „Kleiner Gewinn — großer Umsatz" ohnehin nicht fremd ist. Auf „kleine Krauter" wird verzichtet. Alle „Piloten" müssen ihre Kalkulation kontrollieren lassen, und zwar von Hugo Schui selbst. Der aber macht das im Namen des Deutschen Wochen zusammen mit einem Rechtsanwalt, einem Beamten, einer Hausfrau und einem Journalisten gründete. Sitz: Bonn, Hittorfstraße 20. Dieser Verbraucherbund ist die neueste der Schm Ideen. Er nimmt Einzelmitglieder auf und verlangt keinerlei Mitghedsbeitrage. In der Beituttserklarung muß lediglich die Formel unterschrieben werden: „Ich verpflichte mich für meine Familie, alle Aufrufe zu Kauferstreiks zu befolgen " Ob man sich für seine ganze Familie „verpflichten" kann, bleibe dahingestellt; die Sache mit dem Kauf erstreik aber ist gut ausgedacht: Die Mitglieder des Verbraucherbunds sollen immer dann zum Bestreiken bestimmter Angebote aufgerufen werden, wenn von Schui oder seinen Vertrauensleuten „unberechtigt hohe Preise" festgestellt werden. Wenn beispielsweise die Milch zehn Pfennig pro Liter teurer würde, die Marktlage aber nur zwei Pfennig mehr als gerechtfertigt erscheinen ließe, würden der um zwei Pfennig erhöhte Preis als Grenze festgesetzt und alle hoher ausgezeichneten Milchangebote mit Streik bedacht.
Um einen solchen Kauferstreik wirkungsvoll gestalten zu können, mußten allerdings 500 000 Familien mitmachen. Und um die notwendige Mitgliederzahl heranzuziehen, halt es Hugo Schui keineswegs für unter seiner Wurde, „handgearbeitete" Werbemethoden zu praktizieren: Auf der Famihenausstellung „Du und deine Welt", Ende August m Hamburg, war er mit einem klitzekleinen Stand vertreten und verteilte eigenhändig Werbematenal über seinen Verbiautherbund und Beitrittserklärungen Wovon lebt Hugo Schui Er ist Angestellter des Bundesernahrungsmmistermms m Bonn. Dort arbeitet er im Referat Absatzforderung und befaßt sich unter anderem mit dem Slogan „Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch". Daß er der Meinung ist, ein möglichst niedriger Preis sei die beste aller Absatzforderungsmaßnahmen, darf er dort wahrscheinlich offiziell nicht allzu laut sagen.
Aber Minister Schwarz hat Schuis verbraucherfreundliche Privattätigkeit seit Jahien mit bemerkenswerter Toleianz umgeben. Wütenden Einzelhändlern, die nicht glauben wollten, daß Schui alle seine „Hobbys" m der Freizeit oder wahrend des Urlaubs erledigte, ließ er bestätigen, daß alles mit rechten Dingen zugehe, daß Schuis Verbraucheraktivitat seine Privatangelegenheit sei, daß es zudem keine Schande sei, sich als Preisbrecher zu betätigen, und daß wir schließlich m einer Demokratie leben.
Der Lebensweg des geborenen Gelsenkircheners ist recht bunt. Er besuchte die Essener Folkwangschule und war bis zum Zweiten Weltkrieg selbständiger Werbefachmann in Kassel. Nach Soldatenzeit und Verwundung betätigte er sich 1945 zunächst als Leiter des Ernahrungs- und Wirtschaftsamtes von Dingolfmg in Bayern. Die nächsten Stationen waren das bayrische Landwirtschaftsmimstenum, die Frankfurter „Verwaltungsstelle des Vereinigten Wirtschaftsgebiets für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten" und das Bonner Frnahrungsmimsterium. Doit ließ Schui sich 1952 zum eisten Male für neuii Monate beurlauben Er gründete eine InInterzonenhandel ein und erzielte m harten Veihandlungen „angemessene" Hopfenpreise für die Handler, die er vertrat Damals mußte er, um „angemessene" Preise zu ei reichen, allerdings um höhere Pieise kämpfen Danach kehlte ei m seine Behörde zuiuck, blieb dort biav bis 1957 und gründete dann in seiner Freizeit die Kaufer IG 1961 ließ er sich von Minister Schwarz für zwei Jahre beurlauben, um im „Sonderauftrag" des Landwirtschaftsmmistenums den deutschen Milchabsatz zu fordern Seit Anfang 1964 ist er wieder Ernahrungsministermms Ängestellter — zur Zeit freilich eride wieder einmal beurlaubt, um Mitglieder für den „Verbiaucherbund" und um „Piloten" anweiben zu können Halb Piofi also, halb Amateur Jedenfalls ohne erkennbare Hintermänner — es sei denn, man betrachtet den Bundesernahrungsmmister als Hintermann Hugo Schul betont jedoch, er sei stolz darauf, beweisen zu können, daß man als einzelner sehr wohl in der Lage sein kann, Einfluß auf die bundesdeutsche Konsumguter Preisgestaltung zu gewinnen Nicht die schlechteste Art des Machthungers Wovon aber lebt Hugo Schui wahrend der Zeit seiner Beurlaubung Wie bezahlt er seine Reisen, wie die vielen Orgamsanonskosten? Nun, er bezieht vom Ernahrungsmmistermm weiterhin sein Gehalt Darüber hinaus gibt es beispielsweise jenen Betrag, den seine „Pilotladen" allmonatlich an den „Verbraucherbund" zu zahlen haber Gieifen wir einmal bewußt ganz niedrig und rechnen, daß von 50 Piloten jeder 100 Mark monatlich zahlen muß, so kommen immerhin SOOO Mark usammen Die Pioten haben jedoch das Recht, den Verbleib des Geldes zu kontrollieren Schui spait Geld und nimmt Geld, woher und so viel er kann Fr kassieit Honorare für Interviews von Rundfunkanstalten und Zeitungen Als Weibefachmann versteht er sich auf den Umgang mit Publikationsorganen So hofft er beispielsweise seine gepl?nten Kaufei streik Auf rufe nicht an die Verbraucherbund Mitglieder direkt schicken zu müssen, sondern sie — gratis — über Agenturen und Zeitungen verbreiten zu können W e ale IdeenracHen, so ist auch Hugo Schui ein schwieriger, problematischer Mensch, schwer einzuordnen, nicht transparent, naiv und raffiniert zugleich, stets gekleidet, wie aus dem Ei gepellt, lang und hager und großäugig, vielleicht tatsachlich voller Edelmut Wahrscheinlich ein neuer, m unsere Gesellschaftsordnung sehr wohl hinein passender Typ- in pragmatischer Idealist Sem verbraucherfreundliches Wirken jedenfalls ist Salz m der Demokratie, Schmieröl in der Marktwirtschaft Ingeborg Zattnitzer Haase
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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