Entlang der sogenannten Grenze (II) Es gibt noch Köhler

Im Frankenwald, dem Herzen der Bundesrepublik Von Wolfgang Paul

[n den Frankenwald kamen einst die Sachsen, die Berliner, die Thüringer — heute liegen 52 000 Hektar Wald jenseits ihrer Möglichkeiten, und der Bundesdeutsche gerät nur selten m dieses nordostbayerische Mittelgebirge: Es liegt ja an der Zonengrenze . Eine unermeßliche Fläche Waldes, tiefblau und schweigsam verpaßt er, in dem Dörfer und Weiler wie Inseln zu schwimmen scheinen. Die Häupter des Fichtelgebirges sind von hier zu sehen, die Mainberge, der Thüringer Wald endlich, der dieses Waldgebirge nach drüben fortsetzt. Die asphaltierten Straßen sind leer; Autokarawanen fahren anderswo. eine zwei, zum Teil dreifache Mauer noch immer gegen die Außenwelt zu stellen, und am „Scharfen Eck", im mittelalterlichen Teil der Stadt, meldet eine Gedenktafel, daß hier Lucas Cranach, der Maler der Renaissance, geboren wurde. Im Rathaussaal hat „Christus und die Ehebrecherin" von Cranach seinen Platz und auf der Feste den Kapitänsturm und dem Holderbusch, der nicht zu vergessen ist auf der Brüstung, sieht man bis zum Jura jenseits des Mains. Diese gewaltige Festung gehörte zu den Sperrburgen gegen den Osten; nun ist die Zonengrenze ganz in der Nähe und zum größten Heimatfest de; Frankenwaldes, zum Kronacher Schützenfest, Mitte August, kommen die Schützengesellschaften aus Thüringen und Sachsen nicht mehr wie einst. In Kronach kann man reiten, angeln, baden, Tennis spielen, Segelfliegen, aber vor allem nach allen Himmelsrichtungen Spazierengehen. Der Frankenwaldverein verleiht sogar Spaziergänger Abzeichen für Unentwegte, die den Wagen im Gasthof lassen und in die Wälder eintauchen, au> denen sie jedoch auch wieder herausfinden; man hat die Wege gut markiert.

Ein Bett bekommt man, mit Frühstück, in Kronach schon von fünf Mark an. Dort kann man dann seine wunden Füße wieder pflegen. Überhaupt scheint es, es sei die jahrzehntelange Vernachlässigung dieses mitteldeutschen Waldgebirges, das jedem zugänglich ist, durch den Urlauber aufzuhalten. Er könnte das Geld hierherbringen, das dringend gebraucht wird. Wer vom Thüringer Wald schwärmt, der ihm entrückt ist, findet im Frankenwald dessen Ebenbild und vollgültigen Ersatz, vorübergehend, bis andere Zeiten wieder kommen , Die Städte, zumeist am Rande des Berglandes gelegen, heißen, rieben Kronach, Markgrafenstadt stadt Hof an der Saale, Helmbrechts, die Modezentrale für Entwicklungsländer (hier hört man auch noch Bezeichnungen wie „Eingeborenenvölker"), Naila, die Schuhstadt, Stadtsteinach und Selbitz, Ludwigstadt und Schauenstein, uns sonderbar fremd, wie uns so vieles im Zonenrandgebiet fremd geworden ist.

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Von den Waldhöhen steigt man hinab in die tiefen Täler: zur Selbitz vielleicht, die sich kurz vor ihrer Mündung in die Saale ein Flußbett geschaffen hat, das die Leute „Höllental" nennen. Große Felsblöcke liegen im Weg, groteske Felsen stehen über dem Tal. Man fühlt sich ins Bodetal im Harz versetzt. Hier ist ein Dorado (ier Sonntagsspazierfahrer aus der weiteren Umgebung. Sogar Köhler gibt es in diesen Tälern noch, die ihre Meiler schichten an der Lamitz oder der Thiemitz, und sogar eine der alten fränkischen Waffenschmieden in diesem Grenzland, der Guttenbergsche Hammer, ist im Steinachtal noch im Betrieb. Auf die Berge haben die Leute des Frankenwaldes nicht nur Burgen sondern auch Aussichtstürme gesetzt. Man kann von ihnen weit nach Thüringen hineinsehen, Blick in alte Heimaten, wer weiß.

Aus dem Loquitztal steigt die Burg Lauenstein empor, die an die Baukastenburgen unserer Kindheit denken läßt. Man kann auf ihr übernachten, der bayerische Staat, der die Burg einem alten Thüringer einst abkaufte (man täuschte der Landesregierung m München durch eine lancierte Zeitungsmeldung vor, die Burg werde von den Hollywood Filmfabrikanten benötigt und für wenig Geld gekauft, da dies billiger sei als dort sich gegen Miete aufzuhalten), hat einen Pächter eingesetzt, in dessen Rentamt angenehme alte Zimmer zu mieten sind auf diesem Burgberg, der rings fast ganz umgeben ist von der Zonengrenze Andere fahren nach Bad Stehen, dem Radium , Stahl- und Moorbad, das vor allem ältere Patienten aufnimmt, die hier oft zu jährlich wiederkehrenden Patienten werden. So schön finden sie es in diesem abseits der Autopisten gelegenen Ort. Die Kuranlagen sind großzügig, man kommt mch zu seinem Vergnügen. Aber im Grunde ist aich dieses Staatsbad des Frankenwaldes dem Gesetz des stillen Waldgebietes unterworfen. Die 13 000 Kurgäste, die im Jahr hier unterkommen, sind keine große Menge, die man meiden muß. Die Preise sind niedrig. Vollpension auf Burg Übernachtung sechs bis neun Mark. Und 15 Mark ist der Durchschnitts Pensionspreis in Bad Stehen. Auf Burg Lauenstein entstand übrigens cie Legende von dem altdeutschen Schloß espenst, der „Weißen Frau", als die Burg noch in Besitz der Grafen von Orlamünde war. Von cer Autobahn Berlin—München fährt man über Übernachten ins Burghotel Lauenstein. Hier ist jene legendär gewordene Gegend in Deutschland, vo sich noch die „Füchse Gute Nacht sagen". Man sollte diese Chance nützen, wenn man sich jmseits der überfüllten, gängigen Fremdenverkehrsorte halten möchte, als eigenwilliger Urlaiber mitten in Deutschland „Der Mann im Auto sitzt verkrampft am Steuer", meint der Frankenwaldverein in einer Broschüre und fährt lyrisch fort, „er hört nicht den Lerchenschlag, nicht den Ruf des Kuckucks, sieht nicht die Blume am Wegesrand. Drurn: Steig aus und wandre!" Und gleich daneben stehen zwölf Frankenwald Wandervorschläge, die höchstens drei Stunden Fußmarsch bedeuten. Die Frankenwaldstraße ist sehr gut ausgebaut, vsn ihr gehen viele Wanderwege ab. Originell ist auch ein Wanderführer „Mit Motor und S:husters Rappen", der Autoanfahrtswege zur Verfügung stellt und Wanderungen zu Fuß empfiehlt. Man stellt sich ein auf den Gast am Seuer. Das wäre manchem anderen Fremdenvtrkehrsgebiet zu empfehlen.

Am angenehmsten — neben der Waldlandsdiaft — fanden wir die Bescheidenheit der Fraukmwäldler. Ihnen ist noch nicht der große Urlauberkuchen zugeteilt worden. Sie sind anscheinrad dankbar für jeden Gast. Sie haben noch die Höflichkeit des Gastgebers, der um einen Freund wirbt. Weiter südlich, in Bad Berneck, fanden wir an einem Sonntag überfüllte Parkplätze und scilecht gelaunte Restaurantgäste, die auf die Bestellungen warteten. Wir staunten nur über diese törichten Zeitgenossen, die nicht wenige Kilometer weiter nach Norden gefahren waren, um auch an einem Sonntag den guten alten Sonntagsfrieden in den Ortschaften bei schneller Bedienung und unbeschränkter Parkmöglichkeit 7 u finden.

Es gibt eine Zonengrenz Neurose. Die Leute innen im Land meinen mmer öfter, dort oben im Frankenwalde sei es nicht geheuer, da ist ja die Grenze. Sie verkennen die ausgedehnten Waldungen, die Markierungen an der Grenze sind ausreichend, ab und zu fährt man am Stacheldraht entlang: Berliner wie ich, kennen das nicht mehr anders.

Von den drei Nordprovinzen Bayerns ist Oberfranken mit der Romantik des Frankenwaldes wohl die mitteldeutscheste. Das will heißen: das Wiedersehen mit dem sächsisch thüringischen Land darf hier stattfinden. Man spürt sofort Vertrautheit, wenn man sich hier nur kurz aufhält. Es ist kein Ersatz Thüringen, kein ErsatzErzgebirge, obwohl manches daran denken ließe. Aber hier kann man meinen, es gäbe gar keine Zonengrenze, alles sei nur ein wüster Traum gewesen. Das grüne Herz Deutschlands gibt es immer noch für die Bundesbürger. Es befindet sich hier.

 
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