"Feuer" für Bremens gute Stube
Als eine schwedische Kanone auf dem Marktplatz Salut schoß L. W., Bremen
Löjtnant Bengt Hallvards aus Stockholm hat an der Weser das Staunen gelernt. Bevor er in der vergangenen Woche auf dem Marktplatz das Kommando „Bremensalut — Feuer!" geben durfte, hielt eine 337 Jahre alte Kanone eine Heerschar hanseatischer Beamter in Atem. In einem Dauerfestival begeht Bremen seinen tausendsten Geburtstag. Aus Stockholm eilte jetzt Minister Hermanssan herbei und brachte für die „Schwedischen Tage" eine Ausstellung des königlichen Schiffes „Wasa" mit. Das Schiff Gustav Adolfs ist vor fünf Jahren aus dem Stockholmer Hafen geborgen worden.
Mit an die Weser reiste eine Kanone der „Wasa". Der zwei Tonnen schwere Vierundzwanzigpfünder sollte auf dem Marktplatz Geburtstagssalut bollern. Der Minister sprach von den friedlichen Absichten: Die „Wasa" sei nie zu kriegerischen Aktivitäten gelangt, weil sie bereits während ihrer Jungfernfahrt mit Mann, Maus und Kanonen untergegangen sei. Das Kanonen Bedienungspersonal, Leutnant Hallvards und vier Kanoniere, erreichte Bremen 48 Stunden vor dem protokollarischen Böllertermin auf dem Luftweg. Doch noch auf dem Flughafen eröffnete ihnen der Vertreter der Senatskanzlei, Ebeh „Ob gebollert werden darf, entscheiden die zuständigen Behörden. Bevor es am historischen Marktplatz kracht, muß jedenfalls, zur Prüfung der Druckwelle, probegeböllert werden Leicht verstört versicherte der Leutnant, der Vierundzwanzigpfünder habe, gefüttert mit 200 Gramm Schwarzpulver, in Schweden schon oft Laut gegeben. Nie sei etwas passiert.
24 Stunden vor dem Schuß herrschte totale Ungewißheit. Bürgermeister und Innensenator Koschnick: „Ich habe keine Bedenken Polizeipräsident von Bock und Polach: „Bei mir ist die Sache über den Schreibtisch. Sie liegt jetzt beim Revier Revierkommissar Eilers: „Mehr als ein dicker Kanonenschuß in der Silvesternacht darf es nicht sein. Für diese Prüfung ist das Gewerbeaufsichtsamt zuständig Senatskanzleisprecher Ebel: „Jede Stunde kann die Entscheidung fallen Bremens Zankapfel, das frisch aus der Gerüsthülle gepellte, vielen Hanseaten ärgerlich moderne Parlamentsgebäude am Markt, geriet unversehens mit ins Schußfeld. Manche Bürger munkelten, vielleicht vollbringe die Kanone ein freundliches Werk und richte an dem Palast aus Glas und Stahl ein kleines Scherbengericht an. Die schwedischen Kanonen Bediener wurden derweil auf ihre Tüchtigkeit als Feuerwerker getestet; in Gegenwart von Polizei, Feuerwehr, Gewerbeaufsichtsamt und Vertretern des Staates fiel vor dem im Grünen gelegenen Focke Museum ein Probeböller. Die danach unverzüglich interviewten Anwohner meldeten keine körperlichen und seelischen Schäden. Feuer frei also für Bremens gute Stube, den Marktplatz! : Tausend und mehr Zuschauer kamen; eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei, ausgerüstet mit Funksprechgeräten, besorgte die Absperrung in Richtung Schußlinie „Los, Leute, wir hängen unsere Schulmappen dem Roland ans Knie", beschlossen Jungbürger, die dem Ereignis beiwohnen wollten. Kanonenchef Hallvards, im historischen Kostüm, schmetterte: „Wir, Kanoniere des schwedischen Königs Gustav Adolf, sind mit einer Verspätung von 300 Jahren nach Bremen gekommen und haben eine Kanone mitgebracht Dann krachte und staubte es gewaltig. Alles ringsum blieb ganz und heil. Minister Hermansson und Bürgermeister Dehnkamp lächelten entspannt.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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