Geschäfte mit Moskau

Kein Handelsobjekt für die Politik / Von Paul Zieber

Seit längerer Zeit steht der Handel mit den Staaten des. Ostblocks und insbesondere der deutsch sowjetische Handel im Mittelpunkt vieler Diskussionen. Dabei fällt auf, daß es in diesen Gesprächen zwei sehr gegensätzliche Standpunkte gibt. Einige Beobachter neigen dazu, die Bedeutung des Warenaustausches mit der UdSSR herabzuspielen und darauf hinzuweisen, daß nicht die UdSSR an einer Entwicklung dieses Handels interessiert sei. Auf der anderen Seite werden, möglicherweise wegen der starken traditionellen Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion, zu hohe Erwartungen in die Entwicklungsmöglichkeit dieses Warenaustausches gesetzt.

Wie sehen die Tatsachen aus? Zweifellos haben sich die Handelsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR in den letzten Jahren recht günstig entwickelt; und es besteht berechtigter Grund anzunehmen, daß noch längst nicht alle Möglichkeiten hinreichend genutzt worden sind.

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Unsere Tabelle über die Entwicklung des Außenhandels zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion zeigt deutlich eine stetige Zunahme. Das darf jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß der Handel mit der Sowjetunion — gemessen am gesamten Außenhandel der Bundesrepublik — recht gering ist. 1964 erreichten die Importe aus der UdSSR lediglich 1 59 Prozent der gesamten Einfuhr; die Exporte in die UdSSR waren mit 1 19 Prozent noch geringer. Diese Zahlen verleiten die Gegner einer Ausweitung des deutsch sowjetischen Handels zu der Annahme, daß es sich wohl kaum lohne, den Handel mit der Sowjetunion zu intensivieren. Wie bei allen wirtschaftlichen Überlegungen erscheint es aber auch hier sinnvoll, nicht nur globale Rechnungen, sondern auch Detailuntersuchungen vorzunehmen. Analysiert man den deutsch sowjetischen Warenaustausch, so findet man sehr schnell heraus, daß der Handel mit der UdSSR für einige Industriezweige großes Gewicht hat. Das gilt etwa für den Schiffbau und besonders für den Chemiemaschinenbau. Bei einer Produktion im Werte von rund l Milliarde Mark im Jahre 1964 wurden Apparate und Anlagen im Werte von 432 Millionen Mark exportiert. Ein Exportanteil von 43 Prozent läßt aber sehr deutlich erkennen, in welchem Ausmaß die Konjunktur dieses Wirtschaftszweiges von der weiteren Exportentwicklung abhängig ist.

Von der Gesamtausfuhr des deutschen Ghemiemaschmenbaus entfielen im Jahre 1964 Apparate und Anlagen im Werte von 138 Millionen Mark auf den Export in den Ostblock, also 32 Prozent des Gesamtexportes, allein in die UdSSR wurden 23 Prozent der Gesamtausfuhr geliefert. Auf der internationalen Ausstellung „Chemie vom 11 bis zum 28. September 1965 im Mosdesrepublik Deutschland mit 158 Firmen das größte Ausstellerkontingent. Unter diesen 158 Ausstellern war der Maschinen- und Apparatebau mit 88 Unternehmen der weitaus stärkste Industriezweig. Aber nicht nur bei den deutschen Ausstellern, sondern auch bei den anderen Nationen der westlichen Welt war der Maschinenbau besonders stark vertreten. Allgemein wurden von der westlichen Industrie sehr große Hoffnungen in diese Ausstellung gesetzt. Man glaubte, daß sie wesentlich zur Intensivierung der Handelsbeziehungen zwischen Ost und West beitragen würde.

Es ist vielleicht zweckmäßig, die Durchführung dieser Ausstellung und ihre Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des deutsch sowjetischen Handels kritisch zu untersuchen. Das ist insbesondere deswegen notwendig, weil im nächsten Jahr eine internationale LandmaschinenausstelObwohl die Bundesrepublik der weitaus bedeutendste Aussteller war, hatte man ihrem Pavillon nur einen recht ungünstigen Platz am Ende des Sokolniki Parks zur Verfügung gestellt. Die Bundesrepublik hat es nicht verdient, an einer solchen Stelle untergebracht zu werden. Außerdem hatte man auf deutscher Seite mit einem so starken Andrang interessierter Firmen ganz offensichtlich nicht gerechnet, so daß nur knapp zwei Drittel der deutschen Aussteller im Pavillon der Bundesrepublik Platz gefunden hatten. Die anderen mußten im Freien oder in anderen Pavillons untergebracht werden. Man sollte bei künftigen Veranstaltungen dieser Art bei den sowjetischen Gesprächspartnern darauf drängen, eine günstigere und zweckmäßigere Placierung unserer Industrie zu erreichen. Westliche Teilnehmer sollten ferner auf einige sowjetische Besonderheiten noch mehr als bisher achten. Der Begriff „Chemische Industrie", den wir in der Bundesrepublik verwenden, deckt sich beispielsweise nicht mit der Klassifizierung dieses Industriezweiges in der UdSSR. In der Sowjetunion gehören auch die Bergbauchemie, die Holzchemie, die Glaschemie, die Elektrochemie zum Gesamtkomplex der chemischen Industrie. Diese Zweige waren aber auf dieser Messe nicht vertreten und wurden von sowjetischen Ausstellungsbesuchern vergeblich gesucht, obwohl beispielsweise die Holzchemie in der UdSSR eine wichtige Rolle spielt. Leider versuchten die Aussteller der Bundesrepublik nur einen Gesamtüberblick über ihr Produktionsprogramm zu vermitteln, während der direkte Bezug zum sowjetischen Bedarf fehlte. Gerade diese spezielle Ausrichtung ist aber notwendig, wenn man weitere Exportmöglichkeiten erschließen will.

Obwohl diese Besucher keinen unmittelbaren Einfluß auf das Geschäft mit der UdSSR haben, werden sie doch zahlreiche wichtige Eindrücke in ihre Betriebe mit nach Hause nehmen und von dort aus wiederum auf die Kaufentscheidungen der staatlichen Außenhandelsorganisationen einwirken. Es war daher völlig richtig, daß diesen Besuchern und ihrem Informationsbedürfnis Rechnung getragen wurde. Rund 70 Prozent der Besucher interessierten sich für Maschinen, Anlagen und neue Verfahren. Dabei zeigte es sich, daß die große Mehrheit des Publikums durchaus klare Vorstellungen von den einzelnen deutschen Firmen hatte und über die neuesten technischen Entwicklungen in Westeuropa ausgezeichnet informiert war. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß viele Besucher angaben, sie wären auf diese oder jene Fabrik durch Anzeigen in sowjetischen Fachzeitschriften aufmerksam geworden.

Deutlich spürbar war der Unterschied, der in auch Moskau zwischen der Bundesrepublik als Industriegroßmacht und dem Staat Bundesrepublik gemacht wurde. Die Sowjetunion weiß wohl Politik und Geschäft streng auseinanderzuhalten. Während man den Industriellen der Bundesrepublik mit großem Interesse und durchaus freundschaftlich begegnete, war das politische Klima alles andere als erfreulich.

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