Gütemarke: Kinderfreundliches Dorf
Nur wenig mehr als hundert Kilometer südlich von München und 738 Meter über dem Meer leben und werkeln die Wirte von Reith im Alpbachtal, die heute von sich sagen dürfen, das „kinderfreundliche Dorf neuen Stils" quasi erfunden zu haben. Sie machten seinerzeit, vor drei Jahren etwa, den Anfang. Sie kamen zuerst auf die Idee, ein ganzes Bergdorf mit allem Drum und Dran zum Spielplatz zu machen. Darm einbezogen wurden das barocke Ortsbild und die Kuremrichtungen, das zwischen und hinter den Quartierhäusern grasende Rindvieh und das Panorama auf Gipfel und den ein wenig tiefer bei Brixlegg dahinziehenden Inn.
Bei einem „Kälterer See" und noch enem berichtete der Bürgermeister, selbst Kindenarr, aus seinem Erfahrungsschatz „Familien mit Kindern gehören nicht in Heime, in denen sie veitgehend unter sich sind. Kinder haben es lisber, wenn das dörfliche Leben um sie herum seinen gewohnten Gang geht In Reith sind die Kleinsten die Vorzugsgäste. Sie dürfen über Zaune und auf Bäume klettern. Der Badesee unter der Zwiebelturmkirche ist für sie ein Rendezousplatz. Die Kurverwaltung hilft mit Kinderfesten und Kinderwanderungen über Schlechtwetterlaunen hinweg. Auch in den Gasthausern brauchen sich die Jungtounsten tagsüber mclr im Flüsterton zu unterhalten „Vor jeder neuen Saison rufen wir die Vermieter zusammen und unterrichten sie", sagte der Verkehrsdirektor der nach dem Reither System mitspielenden Nachbarortschaft Brixlegg, „denn auch im Quartier sollen Eltern mit zwei und mehr Kindern keine zweite Geige spielen Sie bauten Spielplätze, die Arrangeure von Reith und Brixlegg, sie richteten Kindergärten ein, in denen die Kleinen von neun bis achtzehn Uhr beschäftigt werden. Sie legten den Wirten nahe, gelegentlich auch den ersten Schlaf der Sprößlinge zu bewachen, etwa dann, wenn die Eltern abends noch einen Schoppen trinken oder das Tanzbein schwingen wollen. Im übrigen versucht man auch den Erwachsenen zu gefallen: auf Heimatabenden, mit Orgelkonzerten, durch ein Netz von markierten und mit Bänken und Brotzeitplätzen ausstaffierten Wanderwegen, das bis hinüber auf die italienische Seite der Alpen reicht.
Reith also machte den Anfang, danach kamen Brixlegg im Inntal, Soll am Kaisergebirge und Mittersill im Oberpinzgau mit dem weiten Skilaufgelände am Paß Thurn. In diesen Wochen wurden die „Ortschaften mit dem Kindertick", wie sie in Tirol scherzhaft genannt werden, von Studiengruppen anderer Gegenden Österreichs besucht. Man möchte in Kärnten und im Salzburger Land Ähnliches aufziehen. Die „Erfinder" jedoch raten nicht nur zu, sie sagen auch: „Da braucht man starke Nerven Und sie sagen: „Tourismus mit Kindern setzt mehr Idealismus als Gewinnlust voraus Erwachsenen Urlaubern sitzen Mark und Schilling naturgemäß lockerer als Nachwuchsreisenden ohne Taschengeld. Kleine Urlauber „liftein" und wohnen und essen billiger, und dennoch brauchen sie soviel und zuweilen mehr Platz als Ältere. Kinder rümpfen die Nase, wenn ihnen im Rahmen der „Kindermenüs" zu häufig Pilze oder Spinat angeboten werden. Sie wollen auch bei Regen nicht ohne Unterhaltung sein, sie sind anspruchsvoll. Das alles erklären die Initiatoren den Interessenten anderer Gegenden, die das „kinderfreundliche Dorf" für eine Pfründe halten (bisher nahmen 35 000 Urlauber, davon waren etwa die Hälfte Kinder, an Fahrten in kinderfreundliche Dörfer teil; in diesen Dörfern verdoppelten sich in den letzten zwei Jahren die Besucherzahlen). Bei einem solchen Ferienbetrieb, der möglichst allen Altersstufen gerecht werden möchte, auch den sich einfindenen Kinderlosen, bleiben organisatorische „Kinderkrankheiten" nicht aus. Dennoch soll es in zwei Jahren nur drei Beschwerden gegeben haben: Zweimal über Vermieter, die in der Zwischensaison nicht heizten, und einmal über die Ausstattung eines Privatzimmers.
Die hier von Anfang an mitwirkenden Scharnow Reisen machten die Feststellung, daß Eltern mit Kindern im Durchschnitt besser als Kinderlose wohnen wollen. Begehrt sind hübsche Balkonzimmer, aus deren Wasserleitungen auch warmes Wasser fließt. Privatquartiere werden im allgemeinen den Hotelzimmern vorgezogen, denn in den zumeist schmucken und mit Blumenbalkonen dekorierten Privathäusern finden Kinder leichter Kontakte. Ungefähr 3000 Betten stehen für die kommende Saison in den „kinderfreundlichen Dörfern" Österreichs bereit.
Die Sonderzüge des Reiseveranstalters Wilhelm Scharnow unterhalten im kommenden Winter einen Pendeldienst zwischen unseren Stadtbahnhöfen und den Dorfspielplätzen in Tirol. Dann kosten beispielsweise für Erwachsene (Kinder bis zu 14 Jahren kommen in den Genuß von Reiseermäßigungen bis zu rund 40 Prozent) 14 Ferientage mit Halbpension und Fahrt: ab und bis Hamburg 210, ab und bis München 130 Mark. Wer unterwegs zusteigt, zahlt entsprechend weniger oder mehr, je nach Entfernung. Zu einem Sonderpreis (er ist rund ein Drittel teurer) dürfen die Teilnehmer dieser Kinderdorfreisen auch die erste Klasse planmäßiger Züge benutzen. Für rund fünfzig Mark in der Woche steht den Kleintouristen (vom vierten Lebensjahr an) die Kinderskischule (nicht in Brixlegg, hier ist der Wintersport für Kinder noch nicht im Schwünge) offen. Die Teilnahme an Kinderfesten, am Kindersingen, am gemeinsamen Schneemannbauen und der Besuch des Kindergartens ist kostenlos. Auf etwa dieser Basis wollen sich im kommenden Halbjahr weitere Veranstalter bewegen. Hummel entdeckte die Kinderfreundlichkeit des Dorfes Scheffau in Tirol. Auch hier: Kindermenüs, Kinderskischule, Kindergarten. Die mit dem gemütlichen Skigelände auf dem Zetterfeld lockende Ferienstadt Lienz in Osttirol wird im Winter ein „Sonderprogramm für Familien mit Kindern" gemeinsam mit der Touropa auf die Beine stellen. Die neuen Prospekte dieser Touristikunternehmen, die in den kommenden Wochen durch die Reisebüros verteilt werden, enthalten Einzelheiten über Reisetermine und Preise. Aber auch Urlauber, die auf eigene Faust reisen, sind willkommen. Sie zahlen für eine Vollpension zwölf bis sechzehn Mark, für ein „Kindermenü" rund zwei Mark und für den Besuch des Kindergartens, der nur bei den Pauschalpreisreisen „inklusive" ist, pro Tag und Kind etwa 1 25, pro Woche und Kind 5 50 Mark.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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