In Bad Hersfeld wird Porzellan zerschlagen
ntendantenkrisen ähneln in Deutschland Staatskrisen. Tant de theatre! Darum ist es nicht verwunderlich, daß der Entschluß des Hersfelder Magistrats, den Vertrag seines Festspielintendanten William Dieterle nicht zu erneuern, ein ungewöhnliches Echo gefunden hat. Bürgermeister Hessemer allerdings wundert sich sehr: „Es ist doch eine natürliche Angelegenheit, daß nach Ablauf einiger Jahre dem Rechtsträger die Möglichkeit zustehen muß, sich von einem Intendanten zu trennen " Zugegeben. Dennoch würde man gern die Grunde erfahren. William Dieterle ist nicht irgendwer. Ein berühmter Mann kam aus Hollywood nach Hersfeld und bewirkte in seiner deutschen Heimat einen Wendepunkt der Hersfelder Festspielentwicklung. Das veröffentlichte Entlassungstelegramm nannte keine Gründe. Es sprach nur von Dank „Die Gründe sind komplexer Art", erklärte mir auf Befragen der Bürgermeister „Ich bin leider nicht in der Lage — und wir waren uns in Magistrat und Festspielkommission einig darüber — diese bekanntzugeben " Die Bad Hersfelder Festspiele sind, dank Dieterles Intendanz während der zweiten Phase ihrer fünfzehnjährigen Existenz, prominent geworden, so daß die Öffentlichkeit sich auch für wichtige personelle Entscheidungen interessiert. Soll schon das Warum der Änderung m der Spitze verdeckt bleiben — die Theaterfreunde, von denen jährlich fast 50 000 nach Bad Hersfeld kommen, möchten wenigstens über das Wozu und Wohin informiert werden. Auch darüber schweigt Burgermeister Hessemer.
Genaueres weiß der hessische Kultusminister Schatte. Er ist Zuschußgeber der städtischen Festspiele m dem hessischen Staatsbad. Professor Schutte lud, kurz entschlossen, jetzt jene drei Intendanten zu sich nach Wiesbaden ein, die vom Hersfelder Magistrat als künftiges Triumvirat zur Leitung der Festspiele ausersehen worden waren: Harry Buckwitz (Frankfurt am Main), Hans Schalla (Bochum) und Gerhard F. Hering (Darmstadt). Jeder von ihnen hat eine (Buckwitz zwei) erfolgreiche Hersfelder Festspielmszenierung aufzuweisen. Drei gute Regisseure als dreieinige künstlerische Leiter und die Verwaltungsbeamten des Rechtsträgers als Zünglein an der Waage — so offenbar stellte sich ein in Theaterdingen sichtlich unerfahrener Magistrat einschließlich der „fachkundigen", aus Hersfelder Burgern gebildeten Festspielkommission die künftige Leitung vor.
Die drei Intendanten haben selbstverständlich verzichtet. Auch Kultusminister Schutte sprach sich anstatt eines Triumvirats für nur eine Persönlichkeit aus. Diese sollte weder ein hessischer Staats- noch ein Stadttheatenntendant, sondern ein Mann sein, der die Hersfelder Festspiele als seine Hauptaufgabe betreuen kann. Die drei vom Magistrat designierten Intendanten haben in der Wiesbadener Sitzung beim Kultusminister dem Burgermeister mindestens drei Kollegen zur Auswahl vorgeschlagen.
Die künstlerische Bedeutung der Festspiele ist der 24 000 Einwohner zählenden Stadt Hersfeld über den Kopf gewachsen. Zugegebenermaßen lus finanziellen Gründen strebt sie nach einer Verbreiterung der Rechtstragerbasis. Der Bund, das Land Hessen und vielleicht auch einige Mäzene sollten sich mit der Stadt zu einem Verein oder einem Zweckverband zusammentun, damit der Burgermeister Verständnis- und lei>tungswilhge Partner hat bei der Diskussion über ias Defizit eines verregneten Sommers und über tünstlergagen, die den Einkommensverhältnissen einer kleinen Kreisstadt unangemessen sein missen Es gibt, was die Organisation betrifft, ein Ver;leichsbeispiel in Österreich: Bregenz. Die Stadt st an Einwohnern ebenso groß wie Bad Herseid. Doch dort hat man schon längst die anfangs tädtische Verantwortung abgelöst durch eine Fes tspielgemeinde", einen Verein, in dem die Stadt als ein Partner unter anderen figuriert. Die künstlerische Disposition obliegt einem Manager, der nicht inszeniert und nicht spielt. Vor allem: der österreichische Staat und die Hauptstadt Wien springen hilfreich ein. So kann man nach zwanzig Jahren Festspielgeschichte in Bregenz jetzt endlich darangehen, sich gegen die Unbilden des Wetters mit einer durchsichtigen Überdachung des „Wassertheaters" abzusichern, auch in Hersfeld eine, bislang unerfüllte, condhio sine qua Warum aber muß angesichts notwendiger Reformen ausgerechnet William Dieterle, der diese Umstrukturierung in Bad Hersfeld immer wieder verfochten hat, geopfert werden? Der Regisseur Dieterle mag — von seinem erfolgreichen „Sommernachtstrauim" vielleicht abgesehen — enttäuscht haben. Der Intendant Dieterle jedoch erwies sich als ein Mann von Welt, dem zuliebe viele Künstler kamen, die kein Hersfelder Verwaltungsbeamter je hätte gewinnen können. Außerdem hat er — was Bürgermeister Hessemer ausdrücklich als Verdienst einräumt — eine irrtümlich noch als Kirche verstandene Ruine als Monumentalcheater etabliert. Für die Ausweitung des Spielplans in die Gegenwart — aber auch für einige Klassiker — verstand es Dieterle, Regisseure heranzuziehen, die — wie Kurt Hübner mit Frischs „Chinesischer Mauer", Werner Kraut mit Claudels „Seidenem Schuh", Harry Buckwitz mit Anouilhs „Becket" und Schillers „Maria Stuart", Gerhard F. Hering mit der „Jungfrau von Orleans" und Peter Palitzscli mit Goethes ,Egmont" — Bad Hersfeld erst eigentlich zur Festspielbühne erhoben. Der Künstler Dieterle war als Intendant sicherlich ein unbequemer Mann für die Verwaltung; jetzt fordert sie seinen Kopf.
Die Umstände, unter denen ein abgelaufener Vertrag nicht erneuert wurde, mögen verfahrensrechtlich vielleicht korrekt sein (Dieterle bestreitet es und kündigt „Gegenmaßnahmen" an), in der Sache handelt es sich um einen Schildbürgerstreich, mit dem die Hersfelder selber ihr kostbar gewordenes Festspielporzellan zerschlagen. Zeugte es seit Jahren schon von Unverstand, die formelle Beauftragung des Intendanten sehr spät zu beschließen, daß es schon ein Dieterle sein mußte, der dann noch einen anspruchsvollen Spielplan angemessen besetzen konnte — in diesem Jahr schlug der Rechtsträger ° :ch selbst, wenn er im Herbst erst einen Intendanten suchen gehen will. Ich schließe mich dem noblen Vermittlungsvorschlag des Kultusministers Schütte an: Der nächste Festspielsommer sollte unbedingt noch Dieterle gehören. Auch ein Magistratsbeschluß ist revidierbar; die Sache verlangt es. Außerdem wäre notwendige Zeit gewonnen, um dem dann Dremndsiebzigjährigen jenen ehrenvollen Abschied statt einer abrupt erscheinenden Entlassung zu gewähren, um den sich die Hersfelder Stadtverwaltung honorigerweise selber an hoher Stelle bereits bemüht hat.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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