Italien Inseln rund um Venedig

Trotz Überflusses an "Wasser kann man in Venedig nicht baden. Dieser erstaunlichen Tatsache verdankt der heutige Stadtteil Lido seine Existenz, denn dort kann man es. Weshalb aber besitzen Venezianer Autos? Ich meine Venezianer vom Lido. Wegen der Breite dieses Landstreifens sicher nicht, wegen der Länge? Die 15 Kilometer bewältigt ständig der Bus in kurzen Intervallen Tag und Nacht. Wann fährt ein Lidoaner schon nach Mallamocco oder Alberoni? Wenn er Golf spielt. Dann freilich kann er nicht per Fahrrad anrücken. Aber es sind doch viel mehr Autos als Golfer. Auf weiten Strecken blockieren sie die Straßenränder. Sozialprestige? Man will doch mal einen Ausflug auf dem Festland machen, nicht wahr? Teurer Spaß. Bevor man drüben ist, sind dreißig Mark fürs Ferry boat zu berappen. Überall auf dem Lido findet man Festungen aus verschiedenen Zeiten, die nun finster vor sich hinbröckeln. Sie sind schwer zu entfernen. In Alberoni hat man aus dieser Not eine Tugend gemacht. Der Golfklub Venedig benutzt ein detachiertes Fort älterer Machart als Kernstück seines Platzes. Drei Abschläge liegen auf der Bastion. Man schießt also dort wieder, mit kleinen harten Bällen. Loch Nummer neun ist innerhalb der Kasematten. Das läßt sich der Klub bezahlen: mit fünfundzwanzig Mark für die achtzehn Löcher.

Hinter Alberoni, ganz draußen an der Lagune, liegt die Muschelfabrik. Diese Tiere haben die Freundlichkeit, sich an rauhen Stricken, die man ihnen hinterlistigerweise ins Meer hängt, anzusiedeln. Ist der Strick voll, schneidet man ihn. Muschelernte. Da sich außer den Muscheln auch andere Sorten etablieren, gibt es in der Fabrik eine Sortierbank. Austern werden separiert. Auf der Nachbarinsel, wo die Orte San Pietro und Pellestrina liegen, könne man, behauptet der Prospekt, noch Folklore erleben. Voll von der Kultur der Metropole, neigt man nach wenigen Tagen dazu, jenes ländliche Leben aufzusuchen. Zum Atemholen, quasi, faßt man den Beschluß zu einem Ausflug nach Cbioggia, um men. Man fährt nach Alberoni und besteigt dort das Ferry boat. In S. Maria del Märe denkt man nichts Böses und geht von Deck, denn voraus liegen, sichtbar, jene folkloristisch gepriesenen Orte, die man zu durchwandern gedenkt. Folklore? Je nun, was ist Folklore? Irgendwo ist man in seinem Herzen dennoch Tourist und erwartet wenigsten Stücker fünf Paar rote Wadenstrümpfe oder einige weitkrempige Hüte oder wenigstens ein paar alte Weiblein in wallenden Seidenröcken. Aber da sind nur bunte, hübsche, skurrile Häuschen, mit ihren Schornsteinen an den Außenwänden, die in ausladend weiten Kaminen enden. Dazwischen einfache Leute in ihrem Feierabendgewand, denn es ist Sonntag: in dunklen Anzügen die Männer, mit Krawatte natürlich. Folklore? Freilich. Landoder Lagunenleben im Jahre 1965. Ohne Tourismus, Und zahlreiche Wäsche flattert. Italiener waschen auch an Feiertagen. In den wenigen Gaststätten geht es hoch her. Besetzt mit Venezianern, die ihren Ausflug machen, weg vom Kulturbetrieb ihrer Stadt oder vom Alltag. Ihnen reicht diese Art von Folklore vollkommen. Reicht sie den Fremden? " Pellestrina. Endlos dehnt sich der Kai an der Lagune, wohin sich beide Orte ausschließlich orientiert haben. Man kommt aus dem Wandern nicht heraus, vor lauter Folklore, die man sucht. Endlich erreicht man das Motorschiff und ist in einer halben Stunde in Chioggia.

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Zwei Stunden später nimmt man Reißaus vor der Folklore. Chioggia lebt, herausgeputzt, mit dem nahegelegenen Lido di Sottomarina bereits von und für die Fremden und vom Fisch. Ein Kanal voller Fangboote. Bord an Bord, die Netze gehievt, fahren sie aufs Meer. Ein Wirrsal von Schiffen. Photomotiv, wohin man auch sieht. Parallel dazu ein dreckiger Kanal. Der Fisch ist unüberriechbar. Parallel dazu die Schlagader der Stadt, ebenso lang wie die Kanäle, rechts die Reihe der stattlichen Bürgerhäuser, nicht ganz ausgebackene Palazzi mit Arkaden. Und in denen drängt sich, was Füße hat in Chioggia, denn es regnet. Dort sind auch Restaurants. Sicher bekommt man das, was das Meer an Früchten bietet, nirgends frischer als hier. Ich bin versessen auf derlei Speisen. Aber nicht dann, wenn ich sonst nichts rieche als Fisch. Die renommierten Fischrestaurants in den Häfen sind nicht mein Fall. Für mich war der Ausflug ein Reinfall. TUT ten, großzügig angelegten Kern, reckt häßliche Zweckmäßigkeit dem Wasser zu. Es sind die Hinterfronten jener Manufakturen, welche die mehr oder minder zauberhaften Glasgebilde fabrizieren, die Venedig und seine Umgebung tonnenweise anbietet. Ob er will oder nicht (und er will ja) landet der Tourist in einer solchen Werkstätte, um Zeuge eines absonderlichen Hergangs zu werden. Da fertigt ein tüchtiger Glasbläser aus einer glühenden Wurst einen Fisch. Welch elegantes Gebilde entsteht da im Nu. Wie scheußlich es ist, bemerkte ich erst draußen auf der Straße, wo es reihenweise am Stand angepriesen wird. Als Blumenvase.

nälchen durch grüne Au. Die Basilika ist das älteste, was es auf Venedig gibt. Um Vergleichbares zu finden, muß man schon nach Ravenna. Noch jeder, der sie da einsam auf dem Inselchen tironen sieht, staunt darüber, daß sie einst Mittelpunkt einer großen Stadt gewesen ist. Dreißigttusend Menschen lebten hier einmal. Von den Palästen existieren vielleicht noch die Grundmauern. Unter dem Rasen und unterm Sand der Lagune. Die wenigen Einwohner heute sind Händler. Sie betreiben einige gondelähnliche Droschken (eine Mark pro Person das Kanälchen hinauf) und ein halbes Dutzend Tische mit Glas ajs Murano nebst Postkarten. Dann sind da das durch Hemingway berühmte Restaurant und ein piar Erfrischungsstätten.

Ich lobe mir Burano. Man möchte sie beinahe übergehen, diese dritte Insel, denn sie liegt nicht direkt an der Linie. Was soll sie schon groß hergeben nach Chioggia, Pellestrina, Murano, Tarcello? Und doch: Da ist nämlich plötzlich die Folklore. Unbekümmert lebt das Städtchen dihin, ohne große Ambitionen für den Fremdenverkehr. Ein Aschenbrödel, aber ein fröhliches. Ich kenne keinen farbigeren Ort in Italien, wörtlich gemeint. Wie die Leute von Burano ihre Häuser anstreichen: Die ganze Pracht spiegelt sich flirrend in den Kanälen, wo bunte Schiffe liegen, in denen die Schiffer werken; einer hatte ZA grüner Schürze blaue Gummistiefel an. Und ckbei ist Burano lediglich wegen seiner Spitzenindustrie bekannt. Eugen Oker

 
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