Kriegsphotos mit grauem Hintergrund
Erlebnisse einer Generation von der Kinderlandverschickung zum PoW-Lager / Von Rino Sanders
Unzählige Deutsche haben aufgeschrieben, was sie im Kriege erlebten — nicht nur für den privaten Gebrauch, zur besseren Erinnerung, nein, sie dachten dabei an die Öffentlichkeit. Die einen hielten ihre Erlebnisse für einzigartig und meinten, sie deshalb mitteilen zu müssen; die anderen hielten ihre Erlebnisse für allgemein und meinten, sie deshalb mitteilen zu sollen.
Die meisten dieser Rechenschaftsberichte sind Rechtfertigungsschriften. Es handelt sich weniger um Gewissenserforschung als um ein Von derSeele Schreiben, die Beichte vor einer fremden, anonymen, aber eben doch nicht allwissenden und allsehenden Instanz, eine Beichte, mit der das Gewissen sich versichert, gut zu sein. Die Lektorate der Verlage konnten sehen, wie sie damit fertig wurden. Genug davon wurde veröffentlicht.
Aber was kann die Beschreibung des Krieges, wie ihn irgend jemand an einem x beliebigen Punkt überstand, schon leisten — sei auch der Autor willens gewesen, nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen? Was kann sie leisten, wenn sie den Krieg — und gerade diesen Krieg! — nicht als Ziel und Ende einer schlimmen politischen Entwicklung kenntlich werden läßt, sondern ihm das Aussehen einer Naturkatastrophe gibt, in die Menschen nicht hineinziehen oder treiben, die vielmehr über sie kommt? Dieses Bild, in dem etwa der „eingesetzte" Mensch Gelegenheit zur Bewährung bekommt, ist nicht besser als das Kreuzzug- und Orlog Klischee und ebenso gemeingefährlich — sei es auch mit der Federfertigkeit Ernst Jüngers gezeichnet. Gewiß ist es möglich, Krieg als Erlebnis zu schildern und zugleich als letzte Phase einer Entwicklung, die immer noch mit im Bilde ist. Das mag sogar durch die perspektivische Verkürzung besonders eindringlich geraten; aber freilich gehört mehr dazu als Reporterbegabung. Offenheit und Sensibilität wären nicht nur zur Zeit des Erlebnisses vonnöten gewesen, als allgemeine Mentalität und Uberlebenstechnik davon abrieten, sie müßten auch der Erinnerung des Schreibers beistehen.
Wie weit nun die Fähigkeit zur Erinnerung und zur schriftstellerischen Bewältigung auch jeweils reicht, es zeigt sich, daß die Jüngeren, die — sagen wir — ab 1925 Geborenen, die erst in den letzten Jahren bei diesem Thema (und der Nazizeit überhaupt) anlangten, den damals schon erwachsenen Autoren gegenüber merklich im Vorteil sind. Sie, die zweifelsfrei Unverantwortlichen, halten dieses Damals mit einer Optik ahne Rechtfertigungsfilter fest, bei einer Brennweite, die der Entfernung des Gegenstandes entspringt, denn sie scheuen das scharfe Bild nicht. Den Älteren fällt Unbefangenheit, vor sich selbst zumal, offenbar schwerer (wie Willy Kramp in einem Buch: „Brüder und Knechte"). Die Jüngeren bringen sich ohne weiteres auf jene Distanz, die für vergleichsweise sachliche Darstelung unerläßlich ist. Das macht ein Buch wie ieinz Küppers „Simplicius 45" so wertvoll. Daß nicht einmal für diese Generation das Muster vom Krieg als Naturereignis taugt, dafür ist nicht nur Küppers Buch Beleg, sondern auch eine verwandte Arbeit des 1927 in Bochum geborenen Karl Garbe: „Soldbuch"; Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt; 237 S, 14 80 DM. Darin treten noch einmal die Unmündigen an, denen die Naziwelt selbstverständlich ist, die getrimmten Kinder, für die der zackige Beförderungs- und Auszeichnungsbetrieb von Hitlerjugend und gleichgeschalteter Schule so beklemmend paßt, die Jungens, die sich „freiwillig" zu melden wähnen und sich nicht ohne Stolz fit machen lassen für das Abenteuer des Kriegs, in dem sie vorfristig zu Männern werden und endlich mit dem neuesten technischen Gerät spielen dürfen (Man denke an die Reklame der Bundeswehr ) Aber Karl Garbe, der Wahlkampftexter der SPD, schreibt es so nicht hin, er resümiert und urteilt nicht, er verallgemeinert nicht, zieht keine Schlüsse. Wohl um ein So war es zu erzielen, auf das er den Eid nehmen kann, beschränkt er sich auf die getreuliche Wiedergabe dessen, was ihm, dem 1945 Achtzehnjährigen, widerfuhr. Das macht er mit der dinglichen und gedankenlosen Sprache, die dem Bewußtsein eines solchen Jungen entspricht und die zuweilen — absichtlich — an den Stil der Aufsätze „Mein schönstes Ferienerlebnis" gemahnt.
Allerdings sagt er nicht „ich", sondern „der Junge" und „er". Wollte er die Distanz zu seinem einstigen Ich hervorheben, oder wollte er auf die Objektivität des Epischen hinaus? Mißlich wirkt das Verfahren an Stellen, wo beliebig Privates (nicht etwa Intimes) Überhand nimmt, etwa ein Tonsillarabszeß hineinspielt. In solchen Partien nur vorgeblicher Distanz ist das Bild leicht sentimental eingefärbt. Im übrigen bleibt es von Gefühligkeit frei, wenn auch ein gewisser, vielleicht sportlicher Stolz auf das damals Durchgehaltene bis heute nicht ganz abgetragen ist.
Garbe hat sein Material durchaus geschickt geordnet. In einem der kurzfristig von den Amerikanern in Deutschland eingerichteten Gefangenenlager erinnert der Junge sich jener Jahre, die ihn dahin gebracht haben. Er geht wieder zur Schule und zum „Jungvolk", wird kinderlandverschickt, ist Luftwaffenhelfer und später Kriegsoffiziersbewerber. Die Szenen aus der Vergangenheit alternieren mit Szenen aus dem Lager und holen sie schließlich ein: Am Ende stehen Gefangennahme und Einlieferung.
Die Lager Passagen aber verknüpfen sich zugleich zu einer ergiebigen und nicht nur für jene Tage bezeichnenden Geschichte: Einer der ins Lager geschmuggelt, und die hungernden Stubengenossen kommen überein, dem Köter täglich zwei Löffel ihrer Wassersuppe abzugeben unter der Bedingung, daß sein Besitzer ihn nach bestimmter Zeit zum Schlachten herausrücke, es sei denn, sie würden bis dahin entlassen. Der Autor verfügt über ein kräftiges Gedächtnis, das besonders auf Parolen und Jargon und auf die Sprichworttendenz einfacher Landser und Leute anspricht. Er hat noch die Dialoge im Ohr, und ein Gutteil, der beste Teil des Buches, besteht daraus. Sie sind wie mit dem Band registriert.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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