Lord Jim als Kinoheld
Zu einem neuen Hollywood-Spektakel / Von Uwe Nettelbeck
r~as hätte ein prächtiger Film werden können: - Joseph Conrads großer Roman liefert einen Stoff, aus dem sich ein so tiefsinniges wie aufregendes Abenteuerstück hätte fabrizieren lassen; Richard Brooks kennen wir als einen der wenigen Regisseure Hollywoods, denen die Industrie nicht oft hat Kompromisse abhandeln können; in Peter OToole stand für die Rolle des unglücklichen Jim ein Schauspieler zur Verfügung, der moralische Emphase und heroische Naivität zu verbinden weiß wie kaum ein anderer; Geld war hinreichend vorhanden, die Außenaufnahmen konnten im Fernen Osten gedreht werden, in jenen Häfen, die Conrad befahren und beschrieben hat. Die Auspizien schienen günstig, es hieß, Brooks habe sich alle Mühe gegeben.
Das Ergebnis seiner Anstrengung liegt nun vor, es ist ein miserabler Film: Vom Roman sind nur das Handlungsgerippe und einige Meditationen geblieben, die ihre Herkunft und ihre Würde nicht mehr zu erkennen geben; Brooks hat seine hochfliegenden Pläne nicht zu verwirklichen vermocht, die Versprechungen nicht eingelöst und die Vorlage behandelt wie Kolportage; das Drehbuch ließ Peter OToole nicht die geringste Chance „Lord Jim" hätte ein prächtiger Film werden können, ein Triumph des Apparates, des gezielten Aufwandes; weil aber Brooks es nicht verstanden hat, die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen, weil er dem getriebenen Aufwand und der Schwerfälligkeit des Apparates erlegen ist, muß ein Fiasko verzeichnet werden — einmal mehr ist Hollywood an Hollywood gescheitert, hat sich ein begabter Regisseur dem Diktat der Industrie gebeugt.
Mit der kunstvollen Chronologie, den penibel verfugten Berichten verschiedener Erzähler, die in Conrads Roman bedächtig und gerecht das Bild eines Mannes entstehen lassen, der an seiner Tugend und einem einzigen Fehltritt zugrunde geht, hat Brooks zugleich die Essenz der Vorlage geopfert, der Verständlichkeit den Sinn. Jener tragische Augenblick, in dem Jim die lecke „Patna" und ihre Passagiere verläßt, jener Sprung in das Rettungsboot und in die Ehrlosigkeit, den er nie vergessen und immer bedauern wird, der sein Leben zerstört und einen Makel hinterläßt, den weder Heldenmut noch Selbstlosigkeit mehr zu tilgen vermögen, ist im Film an den Anfang gesetzt und an die Peripherie verschoben. Niemand, der den Film sieht, aber das Buch nicht gelesen hat, wird ganz verstehen können, warum Jim sich m Patusan, dem Dschungeldorf, in das er sich verkrochen hat, von Doramm töten läßt — Brooks hätte ihm ebensogut das Leben und den Zuschauern den Trost eines glücklichen Endts schenken können. Jede Zeile des Buches versucht, Jims Entschluß zu erklären; Brooks meint, dies tut einigen sentimentalen Passagen im Dialog erledigt zu haben.
Aus der Geschichte eines sonderbaren Mannes, den eine Verkettung unglückseliger Umstände in die Katastrophe treibt, dem ein Augenblick der Schande eine strahlende Karriere verpfuscht, ist die eines wackren Draufgängers geworden, der Pech hat und beim Indianerspielen sein Leben verwirkt; aus einem melancholischen und ein venig einfältigen Puritaner, der aus Verzweiflung über seine Unzulänglichkeit sein Leben wegvirft, ein Kinoheld üblichen Zuschnitts, der die Spielregeln einhält und nicht vernichtet, sondern Terklärt wird.
Aber nicht allein diese Verflachung der Titel%ur — in Maßen hätte man sie hinnehmen lönnen — macht den Film zum dürftigen SüdseeWestern herunter: Es sind vor allem die Mängel der Inszenierung, die das kostspielige Opus zu einer jener öden Literaturschändungen haben verden lassen, an denen die Geschichte der Kinematographie leider so reich ist. John Huston lat bei einer vergleichbaren Gelegenheit, mit Moby Dick", bewiesen, daß die Inszenierung iel von dem wieder wettmachen kann, was ein Drehbuch notwendigerweise in einem solchen lalle anrichtet; sein Film hatte wenigstens die Atmosphäre der Vorlage gerettet, ihre Düsternis uid ihre Grausamkeit, durch einen so simplen vie effektvollen Einfall: Huston hat damals in Farbe gedreht, dann einen farbigen und einen schwarz weißen Abzug des Films übereinander lopieren lassen — die Kälte der Farben, die so entstanden, traf den Tonfall Melvilles genau. Auch dort war es letzten Endes nur eine Abentsuergeschichte, die geblieben war, aber diese war immerhin so etwas wie eine Verneigung vor einem großen Autor und konnte sich sehen lassen, trooks ist etwas Vergleichbares nicht eingefallen. Seine Südsee ist die des Konfektionsfilms, und der exotische Krieg, den er breit und läppisch ausfschten läßt, gleicht jenen Komparsenschlachten aufs Haar, die Dutzendregisseure dutzendweis für ein anspruchsloses Publikum herstellen. Conrad war der letzte europäische Schrifts eller, der es sich leisten konnte, von Naturgewalten zu sprechen und abenteuerliche Gleichnisse zu erfinden — daran hätte ein Film nach einem seiner Bücher erinnern können und müssen. Erooks jedoch hat den Conradschen Konflikt des Menschen mit dem Meer auf ein Badewannengeplankel, die Metaphern des Polen auf Platitüden, seine Philosophie auf Geschwätz reduziert; de Abenteuergeschichte, die bei ihm geblieben ist, veckt Reminiszenzen allenfalls an Karl May und die Folgen im bundesdeutschen Kintopp.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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