"Miß"-Brauch nach der Wahl

m Traumbuch mancher Manner figuneit sie in der Rubuk „Nordische Schönheit". Sie ist groß und schlank und so blond, daß selbst der skeptische Betrachter auf den ersten Blick bereit ist, für Natur zu halten, was sich bei manchen Damen beim zweiten Blick als Chemie entzaubeit So sehen die Schwedinnen aus, die ihre akademische Qualifikation durch weiße Studentenmutzen kleidsam anzeigen Die Farbe ihres ärmellosen Kleides heißt im koloristischen Katalog dei Coutuuers „tuikis" Das Material ist teils Wildleder, teils Schafswolle. Sie sollte es einmal mit den modischen Reißbrettkonstruktionen a la Coui reges versuchen Doch diese junge Dame ist alles andere als die Vertreterin eines jener Berufe, wie sie im Tiaumbuch mancher Madchen erscheinen: Sie ist weder Mannequin noch Photomodell, weder Starlett noch Playgirl, sie i s t Politikerin, eben erst, als die objektiv jüngste und subjektiv schönste, in das Hohe Haus gewählt, über die SPD Landeshste von Baden Württemberg Ihr Bild und ihr Name erreichten, bereits in der Wahlnacht eine Publizität, über die ihre Parteifreunde vielleicht glucklich sind, sie selbst aber recht unglücklich ist Denn auf der glatten Stirn dieser JungParlamentanerm namens Dr Ursula Krips ziehen steile Unmutsfalten auf, wenn sie daran eiinnert wird, daß eilfertige Reporter ihr den Titel „Miß Bundestag" verpaßt haben: „Politik ist doch kein Schaugeschaft Ich finde e= schon fatal, wenn man bei der Beurteilung der Manner, die sich der Politik widmen, Maßstabe anlegt, die mit Gesinnung oder Leistung nichts zu tun haben Abei geradezu argeilich finde ich es, wenn man einer Flau, die sich für die Politik entschieden hat, einen Titel aufzwingt, der ihr die AI bei t eher ei schwelt als eileichteit " „Aber es ist doch keine Sehende, gut auszusehen , Natmlich nicht Wenn ich leidlich aussehen sollte, ist das eine Eigenschaft, die für meine private Existenz vielleicht interessant ist, aber für meine politische Arbeit ohne Interesse sein muß Und wenn ich darauf achte, wie ich mich pflege und anziehe, so tue ich nichts anderes, als heutzutage alle Frauen, erst recht die berufstätigen, in aller Welt tun Ich ärgere mich auch deshalb über diesen dummen Miß Titel, weil er einen ollig ungerechtfertigten Abstand schaffen konnte zu anderen Frauen im Parlament. Um so mehr freue ich mich über den Zuspruch von Annemarie Renger, die auch einmal unter dieser Miß Bezeichnung zu leiden hatte Sie hat mich an den Arger erinnert, den sie m ihrer Leidenszeit zu ertragen hatte. Sie tröstete mich aber mit der Erfahl ung, daß man sich auch daran gewohnt, und daß dieser albeine Titel ohnehin keiner Frau ein Leben lang erhalten bleibt " „Alsdann Kein Wort mehr von Miß Bundestag, sondern nur noch ein paar Fragen an Frau D> Uisula Krips, Mitglied des Bundestages Sie leben in Köln, arbeiten in Bonn und wurden gewählt m Stuttgart " „Ich bin aber keineswegs als Landfremde auf die Landesliste von Baden Wurttembeig geraten, da ich in Mannheim geboren bin, m Heidelberg 1die Schule besuchte und auch dort eine Zeitlang studierte " „Sie haben im Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften in Köln Ihre Karriere begonnen und wurden spater ins Bundeswirtschaftsmimsienum berufen Sind Sie dort auch mit dem früheren Bundeswirtschaftsmmister und spateren Bundeskanzler zusammengekommen?" „Ja, bei einer Besprechung mit den Gewerkschaften durfte ich m Ludwig Erhards Gegenwart einmal meinen Chef vertreten " „War es im Ministerium bekannt, daß Sie Sozialdemokratin sind?" „Man hat mich nicht danach gefragt, war sich aber über meine politische Herkunft nicht im unklaien. Meine Kompetenz reichte nicht aus, Entscheidungen zu treffen. Wählend des Wahlkampfes hatte ich mich auf eine Prüfung vorzubereiten, die ich sogar bestanden habe. Daraufhin wurde ich zur Regierungsratm ernannt " „Sie haben sich, Frau Dr Krips, wahrend Ihres Studiums und in Ihrem Beiuf vornehmlich mit wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Fragen befaßt. Wenn man Ihnen nun im Wahlkampf außenpolitische Fragen stellte ? "„ da hatte ich mich nach besten Kräften vorbereitet Ich habe mich eine Zeitlang m Klausur, m den Schwarzwald, zurückgezogen, um alle Dokumente über die deutsche Außenpolitik seit 1945 durchzuarbeiten " „Sie sind verheiratet — mit einem Zunftgefahrten, der vermutlich ein Studienfreund war. Wie hat He; r Dr. Gerhard Krips auf Ihren Wahlerfolg reagiert?" „Überhaupt nicht! Vermutlich weiß er noch gar nichts davon, denn er ist unterwegs, ziemlich weit weg, m Sachen Entwicklungshilfe, m Pakistan. Ich furchte, die Umstände haben es verhindert, daß ihn mein Telegramm erreichte " Schneller reagierte der Arzt Dr. Jost Heuser, der sich mehr als seine Frau Dr. Hedda Heuser darüber geärgert hat, daß ausgerechnet vor ihrem 14. Platz auf der rheinisch westfälischen Landeshste der Erfolg der FDP sein Ende erreichte: „Offenbar reagieite mein Mann auf meinen politischen Betriebsunfall, wie m einer Kunstlerehe der männliche Teil zu reagieren pflegt, wenn der weibliche Teil einen Mißerfolg erlitten hat " „Sie, Frau Dr. Heuser, haben die Panne offenbar mit männlicher Gelassenheit ertragen?" „Mich verdrießt nur, daß so vieles, was ich auf meinem Gebiet angepackt und für die Zukunft geplant habe, nun vielleicht liegen bleibt, etwa m der Gesundheitspolitik " Den Einwand, Ludwig Erhard hätte sie als künftige Gesundheitsministerin im Auge haben können, verweist sie in das Gebiet retrospektiver Spekulation. Sie bekundet aber die Absicht, ihrer Fraktion und ihrem Ressort weiter verbunden zu bleiben.

„Ihr Einzug m den Bundestag, Frau Dr. Heuser, vollzog sich beim erstenmal auch nicht gleich am Wahltag, vor vier Jahren " Die Erinnerung daran und die Erwartungen, die damit verbunden sein konnten, mochte sie sofort vei scheuchen: Damals, als sie den 20 Platz m der Landesliste innehatte, sei sie durch den Tod eines Vordermanns ms Parlament gekommen, jetzt, vom 14 Platz aus, mochte sie diese Art von politischei „Leichenfledderei nicht noch einmal erleben.

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„Wenn Sie es diesmal nicht geschafft haben, Frau Dr. Heuser, so ist das nicht nur bezeichnend für den Stimmenruckgar>g der FDP, sondern auch für den Gewichtsvei tust der Frauen im Bundestag " „Ja, es wuiden nicht nui weniger Frauen ins Pailament gewählt als beim letzten Mal, sondern luch weniger Kandidatinnen aufgestellt Beides st paiadox, weil es sich diesmal tatsachlich um "ine Art von Damenwahl gehandelt hat " „Und nun bricht dieser Damenwahl ,Miß3rauch aus Denn es gibt eine neue Miß Bundesag, deren Vorgängerin Sie gewesen sind " „Wenn ich als abgewählte Trägerin dieses faalen Titels, zu dessen Verleihung ich niemals emanden autorisiert habe, meiner Nachfolgerin überhaupt etwas sagen darf, so dieses: Daß sie wir leid tut, aber daß sie es mit Würde tragen oll. Es wäre schlecht um uns Frauen im Beruf and erst recht in der Politik bestellt, wenn wir jiur durch solche Äußerlichkeiten beweisen könnten, daß eine gut aussehende und gut angezogene Frau außerdem noch klar denken und vernünftig landein kann. Alles Gerede von der Gleichberechtigung widerlegt sich selber, wenn man im Kreise der berufstätigen Frauen Differenzierungen vornimmt, die nichts mit dem Charakter und der Qualifikation dieser Frauen zu tun haben " „Hat Ihre Partei, die es in diesem Wahlkampf t ich t leicht hatte, jemals mit dem Miß Bundestag Titel operiert?" „Das hatte ich mir sehr verbeten Ich habe mich sJilagen müssen wie ein Mann " „Sie sind das einzige Mitglied des Bundestages, das wahrend der Legislaturperiode einem Kind das Leben geschenkt hat " „Diesem Kind, dem Vater und auch mir war ich es schuldig, alles zu verhindern, daß mit diesem jungen Wesen ein Reklamerummel getrieben wurde, der vielleicht bei den Kindern von Eislaufprinzessinnen unvermeidlich ist " Damit verabschiedete sich Ex MdB Dr. Hedda Heuser, um nach Regensburg zu reisen, zu einem Arztinnen Kongreß, bei dem sie zwar nicht refeneren, aber diskutieren werde, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dr. Ursula Krips, MdB setzte sich gleichfalls südwärts ab, in Richtung Schwarzwald, um in ihrer „Klausur" das zu tun, wozu sie im Wahlkampf nicht gekommen ist, was sie sich aber im Gedanken an Waage, Zentimetermaß und Kalonenpegel durchaus leisten kann: essen, nicht nur gut, sondern sogar viel essen. Die Kräfte, die sie sammelt, wird sie brauchen, denn es ist für eine Frau nicht leicht, als greenhorn und backbencher im Parlament seinen Mann zu stehen.

„ und dann werden Sie eines Tuges vor dem Hohen Haus Ihre Jungfernrede halten. Wie werden Sie Ihr Auditorium anreden: Mit Meme Herren und Damen ?" „ nein! Meine ersten Worte vor dem Hohen Hause werden sein: Meine Damen und Herren .

 
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