Mysteriöse Kugeln
Sind Chondrite Probestücke aus Urmaterie? F. L. Boschke
Bis heute gibt es auf der Erde durchaus handgreifliche Materie, die sogenannten Tektite, über deren Ursprung wir, wenn wir es einmal ganz nüchtern betrachten, kaum viel mehr wissen, als daß sie vorhanden ist.
Anders, doch nicht sehr verschieden ist es bei der Hauptgruppe der Steinmeteorite, den Chondriten. Von ihnen dürfen wir heute zweierlei sagen, zwei Dinge, die von fundamentaler Bedeutung sind und die dennoch — oder vielleicht gerade deswegen — die Chondrite zu dem großen Rätsel werden lassen, das kein Meteoritenforscher bislang zu lösen vermochte.
Wir kennen kein irdisches Gestein, welches den Chondriten ähnlich ist! ® Da Mischungsverhältnis der chemischen Elemente in den Chondriten ist jenem sehr ähnlich, das im Urnebel der Weltenschöpfung gewesen sein mag.
Die Frage, um die alle Überlegungen kreisen, lautet damit ganz schlicht: Wie beziehungsweise wo sind die Chondrite entstanden? Die Bezeichnung „Chondrit" leitet sich aus dem Griechischen her, wo „chondros" soviel wie „Korn" bedeutet. Kleine Gesteinskörnchen sind das typische Kennzeichen dieses Meteoritentyps — und das müßte es sein, was uns die Antwort auf unsere Rätselfrage geben kann. Die Körnchen, die Chondren, sind etwa millimeter- bis erbsengroß, von unterschiedlicher Färbung und lassen sich hier leicht, dort schwer aus dem Muttergestein lösen. Kleine Chondren sind fast exakt kugelförmig, größere Chondren, besonders wenn sie eng nebeneinander liegen, meist weniger regelmäßig ausgebildet.
Was nun unser Nichtwissen über die Chondrite so überaus ärgerlich macht, ist eine Zahl: 60 Prozent aller Meteorite sind Chondme. Ein immenser Fleiß ist darauf verwandt worden, die Chondrite zu klassifizieren, Gruppen ähnlicher Stücke zu bilden und ihre Eigentümlichkeiten zu vergleichen. Um es vorweg zu sagen: Man hat sich auf kein Schema einigen können. Und das ist gar nicht so erstaunlich. Untersucht man beispielsweise die Chondrite chemisch, so findet man in allen viel Siliciumdioxyd (SiO2 = Quarz, Sand) und erhebliche Mengen Eisen oder Eisenoxyd sowie Magnesiumoxyd. Dann läßt sich stets Nickel nachweisen, etwas Chrom, Titan, Mangan und Phosphor sowie etliche andere Elemente. Wird die äußere Klassifizierung der Chondrite mit viel Sorgfalt vorgenommen, findet man auch chemisch die gegenseitige Zusammengehörigkeit hinsichtlich der Elementzusammensetzung. Ober die Entstehung jedoch vermag man daraus kaum etwas abzulesen. Man sieht allein die Unterschiede — mehr nicht.
Es war der Astrophysiker Henry Noris RüsWilson Observatorium etwas Eigentümliches auffiel: Rüssel zerlegte mit Hilfe eines Spektralapparates das Sonnenlicht, um so die prozentuale chemische Zusammensetzung der Sonnenatmosphäre bestimmen zu können. Seine Analysenergebnisse waren für jene Jahre besonders exakt, vergleichsweise so exakt, wie es die damaligen Chondntenanalysen waren. Wäre eines dieser Forschungsgebiete dem anderen weit voraus gewesen, hätte man hier oder dort jene Präzision der Methoden besessen, wie sie uns heute möglich ist, so hätte Rüssel kaum das finden können, was für ihn und seine Kollegen 1929 eine Sensation war: Chondrite und Sonnenatmosphare zeigten eine verblüffend ähnliche chemische Zusammensetzung.
Vor uns entsteht ein Bild des ersten Schöpfungstages: Urnebel, eine diffuse Gaswolke verdichtet sich, rotiert, Massen ballen sich zusammen, endlich steht im Zentrum des Planetensystems eine riesenhafte, glühende Sonne, ein glühender Rest elementarer Frühzeit, und irgendwo treiben Gesteinsklumpen, überflüssiges Festmaterial, das keinen „Anschluß" bei der Planetenbildung fand: Chondrite.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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