Nach der Wiedervereinigung von Festung Ilseburg

"it der Wiedereinnähme von Festung Ilseburg war es im Lande ruhig geworden. Sonntags zeigte ein Lichtspieltheater bereits wieder Lustspiele, die noch aus der Zeit vor der Erhebung datierten. Radio und Fernsehen strahlten, neben den eilig zusammengestückelten Dokumentarsendungen über unser Staatsoberhaupt, einstündige Operettenpotpourris aus. Zwei neue Zeitungen sollten wöchentlich erscheinen: „Die Stimme des Volkes" und „Die freie Menschheit". In der letzteren stand eine Reportage über die Gattin unseres Staatsoberhauptes. Man sah sie die Paradeuniform des Generals nähen und einfärben, sodann gewahrte man sie in der halbzerstörten Basilika anläßlich der Übergabe des Konkordats, weiterhin konnte man sich überzeugen, daß sie Suppe kochte, einem Verwundeten den Beinstumpf verband, der Segnung einer Reihe von Särgen und einer Reihe von Panzern beiwohnte, nicht zuletzt mit ihrem Gatten bei der Inauguration des Platzes des 20. November und schließlich umgeben von einer nicht enden wollenden Schar von Hindern: Der General hatte einen kleinen Buben auf den Arm genommen und lächelte dem lachenden Kind zu, während die Gattin des Staatsoberhauptes sich liebevoll zu einem Mädchen hinunterbeugte, das ihr einen Strauß Vergißmeinnicht oder Osterglocken — der Druck auf dem schlechten Papier war mangelhaft — zureichte.

Die Pressephotographen — einige Pressephotographen — durften also ihr Metier schon wieder ausüben. Die Lehrer hingegen — und besonders wir Lehrer an den höheren Bildungsanstalten — harrten noch immer der Auswertung ihrer Fragebögen.

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Nun, das "Wohl eines Landes wird vorangetrieben durch Perioden des Umbruchs, des Chaos, der schneidenden Gewalt. Man muß es durchstehen. Je echter und blutiger sich die Umformungen vollziehen, desto reiner ist die Luft danach. Die vorletzte Katastrophe, die uns zu ihren Zeugen machte, gebärdete sich lau und unvollkommen im Vergleich mit der jetzigen; mich selbst und meine Familie hatte es allerdings besonders scharf hergenommen. Wir wurden ausgeplündert von Banditen, auf dem Friedhof, am Grab eines nahen Verwandten. Ich fand mich zum Gegenstand eines reißerischen Zeitungsartikels herabgewürdigt. Die laxen Sitten einer falschverstandenen Freiheitlichkeit und Menschenverbrüderei hatten dergleichen einreißen lassen. Heute schießt man solches Gesindel über den Haufen. Und so konnte auch der letzte Friede nur ein fragwürdiger sein, das Glück ein künstliches, die Leistungen des Geistes bastardartige. Wir wachten aus dieser schwülen Freiheit eben noch rechtzeitig genug auf. Das, was folgen sollte, versprach straffer zu werden.

Schon hatten sich die Kampfhandlungen beruhigt. Die Schüsse der Pelotons auf den Schulhöfen, die Kurzverhandlungen im Ortsamt, die vereinzelten Explosionen zur Nachtzeit, die uns mehr irritierten als das ferne Brummen der Kampfhandlungen, ließen vorerst nach. Die Fährdampfer über den Fluß verkehrten wieder. Unsere Reaktion inmitten des allgemeinen Aufatmens über die Wiedereinnahme von Festung Ilseburg war, die Familie zu sammeln und gemeinsam mit den Kindern nach Bernsen überzusetzen, dort zu Mittag zu speisen und eine kleine Tour ins Grüne zu unternehmen. Die Post funktionierte nach wie vor. Die Karten waren schnell versandt.

Es war beglückend, alle in dieser veränderten Situation wiederzusehen. Einige meiner Familienangehörigen hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr besucht.

Die Zeit nach der ersten, damals so vielversprechenden Einnahme Ilseburgs dehnte sich gestaltlos aus. Die Menschen bewegten sich in einem gleichermaßen glück- wie elendslosen Zustand. Die Freiheit, alles zu tun oder zu lassen, verdarb den Geschmack an allem. Nach den ersteren Kriegen und Entbehrungen verformten die Menschen sich ins Dickliche. Nur Trudes Vater beharrte auf seiner Magerkeit. Es schien, als leihe sich sein um die Beine verkürzter Körper nicht zu der allgemein gewordenen Verfettung her.

Er hatte sich auch jetzt nicht verändert. Damals fand er sich angeklagt, der Mithilfe an dem ersten waghalsigen Coup gegen Festung Ilseburg verdächtig, und alles, was in seinem Gesicht an Edelmut und Kühnheit, an Straffheit und Größe ausgedrückt war, wurde nach einer weichlichen amtlichen Rehabilitierung ins Groteske gesteigert und widersinnig verzerrt.

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