Hüben und drüben Peter Weiss, die DDR und der dritte Standpunkt

Ein Schriftsteller revidierte seine Position / Von Marcel Reich-Ranidd

Er habe sich gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus, gegen die Bundesrepublik und für die DDR entschieden. Also verkündet seit Monaten der deutsche Dichter Peter Weiss. Derartige Erklärungen konnten natürlich nicht ohne Echo bleiben.

Drüben respektvolle Anerkennung für den Einsichtigen, herzliche Begrüßung, aufrichtige Genugtuung, Freude und fast schon ein stiller Triumph. Das ist verständlich.

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Eine Presse, die im Laufe der Jahre immer wieder Schriftsteller und Philosophen, Wissenschaftler und Künstler beschimpfen mußte, weil sie dem Land zwischen der Elbe und der Oder den Rücken gekehrt hatten, daif endlich auch einen Gewinn buchen — und wahrlich keinen geringen.

Hier hat man auf die Äußerungen von Weiss betreten und verärgert reagiert, oft spöttisch und zornig. Das ist wiederum verständlich. Nur frage ich mich, wem und welcher Sache diejenigen nützen, die es für angebracht halten, über diesen hervorragenden Vertreter der deutschen Literatur unserer Zeit in einer Tonart zu schreiben, die auf beunruhigende Weise an die DDR Presse erinnert und dort angeschlagen wird, wenn von „Republikflüchtigen" die Rede ist. „Wie sich die Bilder gleichen ", singt Cavaradossi im ersten Akt der „Tosca".

Unter den Journalisten, die sich melden, um den Dichter des „Abschied von den Eltern" und der „Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Marat" zu verdammen, fehlt es nicht an solchen, die offenbar keine Hemmungen kennen. Ein Kommentator der Welt am Sonntag (vom 12. September) geht sogar so weit, sich zu überlegen, ob Peter Weiss nicht auf die deutsche Sprache verzichten und es „lieber mit dem Schwedischen versuchen sollte".

So wird man plötzlich an die finsteren Zeiten erinnert, da man Schriftsteller, deren Anschauungen unbequem waren, aus Deutschland vertrieben und ihnen hinterher noch die Staatsangehörigkeit aberkannt hat. Nein, dies ist heute nicht mehr üblich. Und es ließe sich im Fall Weiss auch beim besten Willen nicht verwirklichen — denn er wurde bereits 1938 vertrieben, lebt seitdem im Ausland und ist seit 1945 schwedischer Bürger. Darum eben möchten manche ihn, der mit seinen erzählenden Werken auf die deutsche Prosa der jüngeren Generation einen stilprägenden Einfluß ausgeübt hat, wenigstens aus dem Bereich der deutschen Sprache ausstoßen. Gewiß: andere Zeiten, andere Sitten. Uno doch: wie sich die Bilder gleichen.

Mag, wen es danach gelüstet, den Stein auf Peter Weiss werfen. Ich kann es nicht. Ich will es nicht. Ich gestatte mir vielmehr, angelegentlich zu warnen: vor den Rittern der Unduldsamkeit, den professionellen Fanatikern, den ewigen Hetzern, den gewohnheitsmäßigen Steinwerfern. Und ich bin überzeugt, daß man es sich im Westen leisten kann und leisten sollte, den Prozeß, den Weiss jetzt durchmacht, ruhig und gelassen zu beobachten. Worum handelt es sich eigentlich? In einem im September erschienenen Sonderheft der Zeitschrift Theater heute inden sich Auszuge aus einem Interview, das Weiss Ende 1964 der Bntish Broadcastmg Corporation gewährt hat. Er sagte damals: „Weil ich nicht an politische Gesellschaftsformen glaube — so wie sie heute sind — t wage ich es nicht, irgendeine andete vorzuschlagen Ich vertrete den dritten Standpunkt, der mir selber nicht gefallt " Von diesem Interview, das die Theaterzeitschrift ohne seine Genehmigung druckte, rückte Weiss in einem von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im September 1965 publizieren Offenen Brief ab: „Ich habe seitdem, im Verlauf meiner Studien, meine Ansichten weitgehend geändert . Heute ist mir die Errichtung einer unabhängigen künstlerischen Region nicht mehr möglich " Also eine abhängige Region. Doch abhängig wovon oder von wem? In einem der Zeitung Stockholms Tidmngen im Juni gewährten Interview, das der Ostberliner Sonntag am 15. August nachdruckte, teilte Weiss mit: „Ich stelle mich ganz hinter den Marxismus Leninismus als Grundidee " Und in einer Verlautbarung mit dem Titel „10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt" (Neues Deutschland vom 2. September) sagte er: „Die Richtlinien des Sozialismus enthalten für mich die gültige Wahrheit., "Zwischen den beiden Wahlmöglichkeiten, die mir heute bleiben, sehe ich nur in der sozialistischen Gesellschaftsdie Möglichkeit zur Beseitigung der bestehenden Mißverhaltnisse in der Welt " Was hat eine so radikale Wandlung des schließlich nicht mehr jungen (1916 geborenen) Schnitstellers bewirkt? Während er im Gesprach mit Stockholms Tidningen in diesem Zusammenhang auf die im letzten Winter erfolgte Aufführung des „Marat" in der DDR verwies, erklarte er im Offenen Brief m der FAZ: „Vor einem Jahr fehlten mir noch viele Kenntnisse über die Zusammenhange der Wehpolitik Jetzt wußte er, „d&ß das Unverständliche und Verworrene vieler Erscheinungen" nur auf seinen „eigenen Mangel an Erfahrungen zurückzufahren wai" Bei der Überwindung dieser „Selbstbegienztheit" sei ihm die Lektüre „der Weltpresse" behilflich gewesen Doch haben sich die Studien des also um neie Gesichtspunkte bemuhten Schriftstellers m letzter Zeit gewiß nicht nur auf die „Weltpresse" beschränkt und auf Besuche in der DDR anlaßlidi der Auffuhrungen seines Stückes. Inhalt, Vokabular und Diktion der erwähnten „10 Arbeitspunkte" lassen auf die Lektüre fundamentale) Abhandlungen der Klassiker des Marxismus schließen.

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