Prinz, Zar und Kaiser
Drei große Biographien — Ein abendländisches Kulturgemalde aul 4500 Seiten
Die große ebenso wissenschaftliche wie kunstvolle Biographie gilt von alters her als die Krönung der historischen Darstellung. Bei den meisten Lesern geschichtlicher Werke rangiert die Lebensbeschreibung noch vor oder doch gleich nach den Memoiren und der Autobiographie. Beschränkt man sich auf die Neuzeit, so gibt es in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert, einer Zeit wichtiger Autobiographien — zum Beispiel derjenigen des Götz von Berlichingen —, eine schnell wachsende biographische Literatur, die sich naturgemäß lange Zeit in erster Linie regierenden Fürsten und großen Feldherren, bald aber auch bedeutenden Künstlern, schließlich Politikern und Gelehrten, in neuerer Zeit auch Industriellen und Technikern zuwandte. Zu diesen Lebensbeschreibungen großen Stils in den jüngsten Jahrzehnten gehören im deutschen Sprachraum etwa Kosers Friedrich der Große, Burckhardts Richelieu (deren zweiten und dritten Band wir noch erwarten), Brandis Karl V, auch Theodor Heuss Lebensbeschreibung von Robert Bosch, Eycks drei Bände über Bismarck und Kaegis Jacob Burckhardt (bisher nur bis zum ebenso liebevoll geschriebenen wie wissenschaftlich hervorragenden dritten Band).
Die Beschreibung eines Lebens ist notwendigerweise eine umfangreiche Aufgabe: sehr viele wirkliche Biographien umfassen zwei und mehr Bände. Eine „Kurzbiographie 1 mag wohl der Orientierung über die Haupttatsachen in einem Leben dienen, die wesentlichen Leistungen eines Menschen aufzählen und in die Oberfläche der allgemeinen Geschichte einordnen — die Beschreibung, die Erfassung eines Lebens vermag sie natürlich nicht zu bieten, die Entwicklung eines Charakters, sein Bedingtsein durch Herkunft und Umwelt, seine Wirkung auf diese und in die Zukunft, die Existenz in seiner und ihre Wirkung auf unsere Gegenwart nicht zu schildern. Die Kurzbiographie steht zwischen Lexikonartikel und Lebensbeschreibung; ihre Möglichkeiten und Aufgaben entsprechen dieser Position. Das ist auf die Kritiken am angeblich übergroßen Umfang des einen oder anderen der im folgenden besprochenen Werke zu antworten.
Denn in jüngster Zeit sind drei ebenso bedeutende wie umfangreiche Lebensbeschreibungen veröffentlicht worden, die die deutsche Geschichtschreibung in ihrer besten Tradition und von ihrer vorteilhaftesten Seite zeigen: 1963 begann Max Braubachs Biographie des Prinzen Eugen zu erscheinen, deren fünfter und letxter Band jetzt auf den Markt kommt. Im selben Jahre veröffentlichte Adam Wandruszka eine zweibändige Lebensbeschreibung über Kaiser Leopold II von Toskana und Österreich; 196465 legte Reinhard Wittram zwei Bände über Peter I. vor — zurückhaltend und unter Anknüpfung an eine „noble Sitte" der russischen Geschichtsschreibung als „Zur Geschichte Peters des Großen in seiner Zeit" bezeichnet, da nach Wittrams Auffassung „angesichts der Quellenlage gewiß nicht mehr als eine zusammenhängende Folge von nicht ganz gleichmäßig angelegten Kapiteln" geboten werden könne. Das ist eine Einschränkung, die noch mehr, nämlich endgültig, gewiß auch Braubach macht, da sehr wichtige Quellen für die kulturellen und privaten, auch für die ökonomischen Bereiche von Eugens Leben nicht nur unerschlossen sind, sondern als endgültig verloren gelten müssen.
Rund 1100 Seiten also bei Wittram, etwa 2400 Seiten bei Braubach, über 900 bei Wandruszka, annähernd 4500 Seiten insgesamt — das zeigt, selbst wenn man Hunderte von Seiten zweifellos unerläßlicher Anmerkungen, Nachweise, Erörterungen und Fußnoten bei einer solchen Zählung nicht berücksichtigt, welche Aufgabe die Autoren sich selbst gestellt, welchen Maßstab sie an ihre Arbeit gelegt, welche Bedeutung sie ihren „Helden" beigemessen — welche Pflicht sie dem Leser auferlegt, schließlich und endlich aber auch, welchen Genuß und welche Bereicherung von Dauer sie ihm bereitet haben Wer diese Tausende von Seiten liest, den führen drei Gelehrte von 1663, dem Geburtsjahr des Prinzen Eugen, durch Barock und Rokoko, durch die Kämpfe gegen die Türken und durch den Nordischen Krieg über die Schlachten von Belgrad und Poltawa, durch die ganze Zeit von Ludwig XIV bis zu Ludwig XVI, vom „Graßen Kurfürsten" von Brandenburg bis über Friedrich II und Maria Theresia hinaus, durch das „Zeitalter der Aufklärung", von den Höhepunkten der merkantihstischen Theorie und Staatswirklichkeit bis zu Adam Smith und der Industriellen Revolution, über viele Formen und Phasen der Bauernversklavung und Baueribefreiung bis an die Schwelle der napoleonischen Zeit. Ein solcher Leser hat rund anderthalb far unsere Gegenwart von Paris über Mitteleuropa bis Moskau und Leningrad überaus wichtige Jahrhunderte kennengelernt, die ihm zuverlässig, eiidringlich und anschaulich geschildert werden. Solche umfangreichen und bedeutenden Werke gegeneinander abwägen und untereinander pkcieren zu wollen, wäre ebenso sinn- wie geschmacklos. Wohl aber laßt sich zum Nutzen cbr Leser einiges über kompositorische Eigenarten sagen.
Beginnen wir mit der umfangreichsten Bugraphie, derjenigen des Prinzen Eugen. Der große Feldherr, der bedeutende Staatsmann und im adligen Rahmen semer Zeit weit überdurcischmttliche, auch ungewöhnlich reiche Liebhaber vieler Künste, der vom „Bauwurm" ebenso gepackt war, wie er gerne wissenschaftliche und ästhetische Bücher las und sammelte, ist 73 Jahre alt geworden, hat zwischen Paris, Wien, Belgrad und Brüssel sein Leben verbracht. Naturlich hangt es primär mit dieser Fülle des Lebens zusammen, daß Braubach erst zwei, dann drei, schließlich fünf Bände — Aufstieg, Der Feldherr, Zum Gipfel des Ruhms, Der Staatsmann, Bauherr und Sammler — zu brauchen meinte, um wirkh:h „alles" berichten zu können.
Es gibt viele glänzende Kapitel in diesem Werk, dem anscheinend manche Vorstudie fast ungekürzt eingegliedert worden ist — beim Feliherrn wie beim Staatsmann. Den Höhepunkt aber bildet der abschließende fünfte Band und hier besonders das Rückblickkapitel „Der Mensch und sein Werk", in dem nun wirklich die Fülle des Wissens und der vorhergegangenen Formulierungen und Urteile kultur- und kunstgeschichtlich erhöht wird zur großen biographischen Überschau.
Wollte man Braubachs Bände mit den weniger als halb so umfangreichen von Wittram über Peter d. Gr vergleichen, dann würde man am besten bei diesem Rückblick beginnen: so dient, so erfüllt vom Leben, diszipliniert bei der Enordnung in einen weiten Kreis von Zeit, Raum und Urteil sind Wittrams beide Bände durchweg. Sie entstammen einer ganz anderen Denk- und Arbeitsweise, auch einer anderen Erzähltechnik. Nie bemerkt man die ihnen zugrunde liegenden Vorstudien an, stets ist der Text unter Foitlassung des Beiläufigen, Anekdotischen, des dem Tage verhaftet Gebliebenen gedanklich und sprachlich fest zusammengezogen auf das biafraphisch Wesentliche, auf das Fortführende. Das ünstlerische Element ist mit dem gelehrten ganz durchwoben, und dennoch verliert der Leser nicht die unmittelbare Nähe des Ereignisses, des Lebens dieses Zaren, der programmatisch Kaiser wurce, mit seinen vielen uns heute kaum begreiflichen, durch Wittrams darstellerische Kunst aber verständlich werdenden Zügen, deren Schilderung auf jeder Seite die innere Beteiligung, aber ebenso die Distanz des Gelehrten empfinden läßt. Auch hier liegen die Höhepunkte im letzten, im zweiten Bande: beim Ende des Nordischsn Krieges, bei der Schilderung des persönlichen, außen- und innenpolitischen, des gesellschaftlichkulturellen Bereiches, bei der Darstellung ces Thronfolgerschicksals und dem großartig überlegten Vergleich mit dem Schicksal des preußischen Kronprinzen wenige Jahre danach, schließlich bei dem Schlußkapitel: Asien und der Blick in die Welt; Leiden und Tod.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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