Pufferzone am Himalaja?
Die chinesische Geiahr für Indien ist noch nicht überstanden
Lähmendes Schweigen verbreitete sich im indischen Parlament. Mit tränenerstickter Stimme verlas Premierminister Shastri den Abgeordneten, die einen triumphierenden Sieger erwartet hatten, sein Dekret über den Waffenstillstand mit Pakistan: Beide Nationen müßten wieder im nachbarlichen Frieden leben, denn China sei für Indien viel gefährlicher als Pakistan: „Wir wissen nicht, was die Chinesen als nächstes tun " Es blieb das Geheimnis der Herrscher in Peking, ob sie an der Himalaja Front nur bluffen oder wirklich ihre Armeen ins Tiefland von Assam hinuntermarschieren lassen wollten. Die unerwartete Waffenruhe im indisch pakistanischen Krieg gab ihnen Gelegenheit, Dampf abzulassen. Das Gros der Divisionen, die an den Grenzen Sikkims im DschumbiTal aufmarschiert waren, wurde ins tibetanische Hochland zurückgezogen. Am verschneiten Nathu Paß, der Eingangspforte zum indischen Subkontinent, bauten die Chinesen eine Mauer, als wollten sie sich selbst den Weg dorthin verlegen. Dennoch bleibt Indien auf der Hut. In Bangkok, der Residenz des Königs von Sikkim, wurde die Verdunkelung noch nicht aufgehoben. Die Grenzzwischenfälle hörten nicht auf.
Das winzige Sikkim, ein indisches Protektorat, ist das schwächste Glied in der indischen Verteidigungskette entlang der 3000 Kilometer langen Nordgrenze. Die Pässe im Dschumbi Tal beherrschen den alten Handelsweg von Tibet nach Indien, ein ideales Einfallstor, falls Peking Krieg gegen Indien führen will. Eine chinesische Offensive durch Sikkim in Richtung Ostpakistan könnte den „Flaschenhals" abschneiden, der die Tee- und Erdöl Provinzen Assam und Bengalen mit Indien verbindet, (s. Karte) Bis zu diesem Herbst waren die Grenzen Sikkims, die 1890 zwischen der Kolonialmacht Großbritannien und dem Kaiserreich China festgelegt wurden, niemals umstritten. Allerdings hat Peking die indische Oberhoheit über das Schmetterlings- und Orchideenparadies am Dach der Welt nie anerkannt und, im Gleichklang mit Moskau, seit Mitte der fünfziger Jahre den Herrscher von Sikkim zur Unabhängigkeit ermuntert. Ebenso wie Sikkim würde wohl auch das benachbarte Königreich Bhutan die indische Vorherrschaft abschütteln, wenn es dafür eine von beiden Seiten garantierte Unabhängigkeit eintauschen könnte, wie sie das neutrale Nepal genießt.
Seit etlichen Jahren wird in diplomatischen Kreisen als Allheilmittel für den indisch chinesischen Grenzkonflikt eine neutrale Föderation der drei HimalajaFürstentümer angepriesen, die als Puffer zwischen den beiden großen Reichen liegen würden. Unter Umständen ließe sich die Pufferzone noch nach Nordosten verlängern, in die North East Frontier Agency (NEFA) und ins Nagaland, dessen Bergstämme seit langem mit den Indern im Kleinkrieg liegen.
Obwohl Indien mit den Völkern am Himalaja immer seine liebe Not hatte, stemmt es sich an diesem Teil seiner Grenze genauso hartnäckig gegen eine Separation wie in Kaschmir.
Unwiederbringlich dahin ist jene historische Stunde von 1946, als der Herrscher von Sikkim seinen Nachbarn eine Himalaja Föderation vorschlug. Niemand hörte auf ihn, auch die Tibetaner nicht. Heute ist Tibet längst vom chinesischen Drachen verschlungen.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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