Reisespiegel
Jede Stadt hat eine Vorstellung von dem, was sie ist oder zumindest in den Augen flüchtiger Besucher gern sein möchte. Diese teils durch Sehens- und Denkwürdigkeiten begründete, teils illusionistische Selbstinterpretation wird — sobald der städtische Säckel es zuläßt — veröffentlicht: In einem möglichst repräsentativen Prospekt. Vierzig Seiten umfaßt der Prospekt von Bonn. Ein ausgezeichnet gestaltetes Heft mit gutem Photomaterial, in dem sich die Stadt sechssprachig als die „Sehnsucht vieler Menschen ans empfiehlt. Am wenigsten pathetisch klingt der Satz im englischen Textteil. Dort heißt es mit einer vernünftigen Einschränkung: „A town ganz klein wenig Castra Bonnensia (doch von den Römern blieb wenig), kurfürstliches Residenzstädtchen in reizvoller Landschaft, Universitätsstadt, rheinisches Großstädtchen mit Karnevalstradition, vor allem Beethovenstadt Übrigens: „1949 wurde Bonn mit der schönen aber schwierigen Aufgabe (bedacht), der Bundesrepublik Deutschland bis zur Wiedervereinigung als vorläufige Bundeshauptstadt zu dienen Eine Aufgabe, die dem Herausgeber des Prospektes (Amt für Wirtschaftsförderung und Fremdenverkehr der Stadt Bonn) eher schwierig als schön zu sein scheint. Denn das Provisorium Bundeshauptstadt nimmt den kleinsten Teil der Broschüre ein: zwei Photoseiten und vier Textzeilen. Bonn bleibt doch Bonn.
In Frankreich wird der zusätzliche Preis für das „Couvert" (Gedeck) abgeschafft. Noch in diesem Herbst soll die Neuregelung mit der man vor allem den Wünschen ausländischer Touristen entspricht, gesetzlich festgelegt werden. Die in den romanischen Ländern verbreitete gastronomische Tradition, dem Gast für das Gedeck zusätzlich einen Franc und mehr abzuverlangen, hatte die Ausländer immer wieder verärgert, denn für sie sind Besteck, Geschirr und Serviette selbstverständlicher Bestandteil eines Menüs. Und steter Ärger vermindert die Reiselust. Deshalb diese Maßnahme, die von Optimisten sicherlich als ein „erster Schritt zur Besserung" im teuren Reiseland Frankreich gesehen wird. Pessimisten wird man allerdings kaum von der Überzeugung abbringen können, daß der abgezogene Gedeckpreis den Menüpreis heimlich anschwellen läßt.
Eine bekannte Firma in Schweden hat zur gängigen Urlaubzeit offensichtlich besonders schwer gegen den Arbeitskräftemangel zu kämpfen. Sie sieht sich genötigt, ihre Arbeitnehmer an die „soziale Kette" zu legen. Das heißt in diesem Fall: Arbeiter und Angestellte, die ihren Urlaub nicht im Sommer sondern im Herbst nehmen, bekommen von der Firma einen Ferienaufenthalt in Palma de Mallorca bezahlt. Den höchsten Stand erreicht alljährlich die Ansichtskartenflut im August. In München, dem Umschlaghafen aller Brief- und Kartensendungen aus Österreich, Italien und den Balkanländern, wurden im Juli 5 7 Millionen und im August etwa 8 5 Millionen bunte Kärtchen weiterbefördert. Im Oktober sinkt der Pegelstand voraussichtlich unter die Viertelmillionen Grenze. Reisezeit gleich Schreibezeit.
Wegen des indisch pakistanischen Konfliktes hat das Deutsche Reisebüro vorerst sämtliche Indienreisen vom Programm abgesetzt. Obwohl viele der internationalen Touristenzentren weit ab von den Kampfgebieten liegen, werden aus Sicherheitsgründen vorerst keine Reisen mehr unternommen.
Zypern, zur Zeit weniger aktuell als Reiseland denn als politischer Krisenherd, wurde ein Reiseführer gewidmet, der durch seine eingehende Beschreibung der wirtschaftlichen, geographischen und sozialen Struktur der drittgrößten Insel des Mittelmeeres und durch seinen historischen Abriß auch für den politisch Interessierten an Bedeutung gewinnt. Verfasser dieses Bändchens ist R. Milliex, Mitglied der Philosophischen Fakultät und Kulturattache Frankreichs in Nikosia, ein ausgezeichneter Kenner des Landes, der den ausländischen Besucher auf Dinge aufmerksam macht, die abseits vom Üblichen liegen. Seinen genauen Schilderungen kultur historischer Stätten ist meist ein Hinweis auf eine empfehlenswerte Broschüre angefügt, die am Orte erhältlich ist. Im übrigen enthält der Reiseführer (erschienen im Nagel Verlag) neben den präzisen Routenbeschreibungen, Stadtplänen und Karten alles, was für den Touristen wichtig sein könnte: Paß- und Zollvorschriften, ein Hotel Verzeichnis, nützliche Adressen (Banken, Institute, Konsulate etc ), Reisewege, Postgebühren für das Ausland und vieles andere. Kurzum, ein guter Reiseführer.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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