Requiem für eine Kirche

och steht sie da, breithüftig und ein wenig behäbig in ihrem landlichem Barock, auf dem buckligen Pflaster der Wiedner Hauptstraße im f inften Wiener Gememdebeznk Aber die Geruster sind schon am werk Der Meißel klingt, die Spitzhacke knirscht, die alte Rauchfangkehrer knete, die eigentlich Kirche zum Heiligen l lonan heißt, wird abgerissen E n mehr als zehnjahngei Kampf um die Eihaltung dieses Wiener Wahrzeichens, der lange Zeit im Verborgenen wogte und erst m den letzten Wochen noch einmal, ein letztes Mal, zu nicht allzu hellen Flammen aufloderte, ist damit zu End Das Recht hat gesiegt, die Buchstaben eines Vertrages sind erfüllt Auf der Strecke bleibt ein StuK Wien, um das es einem leid tun kann Aif dem Papier sieht freilich alles ganz harmlos aus Hier eine Gemeindeverwaltung, die Straenraum braucht, da eine Erzdiözese, die ihicn ichaflein das Gotteshaus nicht nehmen lassen will Also setzt man sich zusammen und schließt einen Vertrag Die Gemeinde spendet ein Ersatzgrundstuck, die Diözese baut darauf eine Eisatzkircle, alle sind zufrieden und sollte doch noch etwas fehlen, baut man eben, fesch wie man ist, nebeian auch noch ein Ersatzwahrzeichen hin Punltum, Streusand drauf Und genauso geschah es Die Gemeinde spendete, die Frzdiozese baute, die Jahre vergingen, und jetzt, da die Ersatzkirche steht, muß St Florian weg, denn er stört den Verkehl Schließlich Wer wird schon so verbohrt sein, die Zukunf aufhalten zu wollen Ater dem ist nicht so In Wien gibt es nämlich nicht die Spur eines Verkehrskonzepts, das diesen Abbruch, das irgendeinen Abbruch i echtfertigen wurde Die Stadtverwaltung ist seit dem Ersten Weltkrieg mehr oder weniger gezwungenermaßen so stark mit dem Wohnungsbau engagiert, daß sie schließlich das vernachlässigen mußte, was eine Ansammlung von Wohnungen erst zur Stadt macht und was die Angelsachsen so treffend mit dem unübersetzbaren Wort „facilities" bezeichnen — nämlich alle Versorgungs- und Verkohl Seinrichtungen Alle diese „facilities" sind m Wien daher unterentwickelt Und jetzt, fünf Minuten vor Zwölf, sieht die Gememdeverwaltuig, von der politischen Opposition m die Enge gedrangt, ihren Fuchtweg in der fixen Idee einer Unterpflasterstraßenbahn — jener „Ustraeb a , die von allen Millionenstädten in Europa und Übersee als vorgestrig abgelehnt wird und die sich auf der Münchner Verkehrsausstellung auch schon eine handfeste Blamage geholt hat. Techniker können irren Politiker nie. Deshalb wird die Ustraba m Wien trotzdem gebaut. Und hier fangt unsere Geschichte eigentlich erst an, interessant zu werden Jede moderne industrielle Großstadt zeichnet sich durch Konzentration der Dienstleistungsbetriebe (des sogenannten „tertiären Sektors" der Wirtschaft) im Stadtzentrum aus. Auch in Wien ist es nicht anders Auch m Wien aber wohnen die Arbeitskräfte dieses tertiären Sektors — und sie machen bereits über 50 Prozent aller Beschäftigten aus — in den Randgebieten der Stadt, und gerade sie sind es, die ihre typischen „ZimmerKuchl" Wohnungen als nicht mehr annehmbar empfinden Die Stadtverwaltung, zum Umbau der WohnFacilities genötigt, wirft sich daher auf den Bau on Stadtrand Quartieren für 10 000, 20 000 und mehr Einwohner — sie baut genau das, was unter der Bezeichnung „Schlafstädte" berüchtigt ist, weil es den schleichenden Suburb Koller erzeugt und den Individualverkehr stark vermehrt, denn alle Schlafstadt Bewohner wollen der lockeren Verbauung wegen mit dem Auto fahren, womit sie die City, ihren Arbeitsort, noch mehr verstopfen Das also ist die städtebauliche Situation m Wien, und nur voi diesem Hintergrund ist der Fall der Rauchfangkehrerkirche zu verstehen Man hat nämlich einen Ustraba Ast, der von einer Schlafstadt im Süden kommt und zur Dienstleistungsstadt m der City fuhrt, der Eile wegen so geschickt projektiert, daß die Rampe zur Straßenoberflache gerade unter die Rauchfangkehrerkirche zu liegen kommt Deshalb geht es St Florian nun an die Fundamente Dabei konnte die alte Kirche durchaus stehenbleiben, wenn man gleich eine richtige U Bahn, eingebettet m ein großes Systemnetz, geplant hatte — wobei es noch fraglich ist, ob eine einzige U Bahnlmie ein aufgelockertes Stadtrandquartier von 30 000 Einwohnern überhaupt ausreichend bedienen kann Voraussetzung für das Funktionieren einer solchen Schlafstadt waren nämlich mehrere lasche, geschmeidige Verkehrsverbindungen mit dem Zentrum, die keineswegs allem auf der Schiene aufgebaut sein mußten Wien hat aber weder Stadtautobahn- noch U Bahnplanung, was den semerzemgen Stadtplaner zu den historischen Worten im offenen Gememdeiat hinriß: „Ich werde doch nicht eine wie gesagt, nur darauf zurückgeht, daß die Rathaus Opposition die U Bahn seit eh und jeh als Steckenpferd betrachtet hat und ein waschechter Politiker doch nicht machen darf, was der Gegner verlangt. So kommt es, daß im Wiener Rathaus nun akute Ustraba Planungstechmk herrscht und die Rauchfangkehrerkirche unter cie Rader kam. Ist es schade um sie 5 Ja, ja und dreimal ja.

Die Wiedner Hauptstraße, aus drei typischen, je um eine Kirche gescharten Angeroorfern zusammengewachsen und fast vollständig von den Bomben verschont, bot mit ihrer landlichen Herkunft, ihren Barock, Biedermeier und Grunderzeithauserm zwar nicht, wie die Ringstraße, ein brillantes, aber hohles Fassadenfeueiweik, dafür aber (und deshalb war sie für die Beckmesser auch kein Kunstwerk) einen architektonischen Raum von charmanter Eigenait, wie ihn eben nicht Reißbrettschweiß, sondern nur das Leben der Jahrhunderte schaffen kann. Mit selbstverständlicher Treffsicherheit hat dort der biedere Barock Maurermeister Mathias Gerl seine liebenswürdige Kirche als Abschluß mitten auf die breite Straße gesetzt, unweit vom Lmienwall, den Prinz Eugen gegen die Kuruzzen hatte errichten lassen. Was müssen das für Zeiten gewesen sein, dl fast namenlose Maurermeister solche bescheidenen Kirchen treffsicher an den richtigen Ort zu stellen wußten, und was muß das heute für ein; Zeit sein, da berühmte Professoren neurasthenisdie Kisten ungestraft als Ersatzkirchen hinstellen dürfen, als habe sie ein Transportunternehmer aus Brobdmgnag abzuholen vergessen! Begreiflich, daß die Schaflein jener alten Kirchs revoltierten, als dieses Gotteshaus, von dem SB im Vorbeigehen noch einen Hauch warmer Frömmigkeit schöpfen konnten, demoliert werden sollte. Kerzen, Lichter, Blumen, Unterschriftenlisten und Scheinwerfer wurden bemuht, um dis Vollstreckung des Todesurteils aufzuhalten. Vet geblich Es spielt hier aber noch em Zweites mit. Ii der modernen industriellen Großstadt liegt zwischen dem tertiären Zentrum der Dienstleistungsbetriebe und der großen Industrie am Stadtrand ein Gürtel von Mittel, Klein- und Klemstbetneben, deren Funktion noch immer nicht voll geklart ist Das vulgarokonomische Schema jedenfalls, das behauptet, die Großindustrie fresse alle Klein- und Mittelbetriebe mit Heißhunger a u , ist primitiv und falsch Viel eher scheint das Gegenteil zu stimmen- Das Vorhandensem von Großindustrie erfördert auch Mittel- und Kleirmdustne, und zwar m einem ganz bestimmten Ausmaß und Verhältnis Die herkömmliche Stadtebausdiule aber, die von Wilhelm Riehl, einem Zeitgenossen Bismarcks, und Ebenezer Howard, einem Zeitgenossen Joseph Chamberlams, abstammt, weiß mit diesen Klein- und Mittelbetrieben nichts anzufangen Es stört sie nicht, daß diese Betriebe sowohl mit der Großindustrie als auch mit dem tertiären Sektor sichtlich m engster Symbiose leben. Ihre Feldwebelrezepte lauten: „Entkernen", „Auflockern" und „Dekonzentrieren", mit anderen Worten Kommandierung an den Stadtrand, wo diese Betriebe aber einfach nicht leben können. Auch die Wiedner Hauptstraße, im Gürtel zwischen Industriegebiet und tei tiarer Zone, ist solch eine typische Straße der meist noch altmodisch unteigebrachten Klein- und Mittelbetriebe, Auch sie soll entkernt, aufgelockert und dekonzentriert werden Man räumt ihr keine Daseinsberechtigung mehr ein Der Anfang wurde schon durch die Demolierung des Erzherzog Ramer Palais und seine Ablösung durch em Hochhaus im Grünen gemacht Dabei riß man unnötigerweise die Straßenwand, die gerade hier so wichtig zur Erhaltung eines architektonischen Raumes gewesen wäre, brutal auf und ersetzte sie durch tiefe Einblicke in Parkgaragenbloßen, in sehr modernem Look zwar, aber nur mühsam durch schmale BetonBikinis gedeckt Die öffentliche Meinung hat hier wie dort nur schwach reagiert Worte, wie etwa- die Kirche ist kein Kunstwerk, die Fassaden der Hauser sind unbedeutend, waren gar nicht notig, sie zu lahmen Man bedenke- 15 000 Unterschriften nur gegen den Mord an der Rauchfangkehrerkirche — m einer 1 7 Millionenstadt 1Wien, die Stadt der Musik, hat zwar noch ein gutes Gehör für die tonenden Melodien, aber kein Auge mehr für Harmonie und Raumakkorde „steinerner Musik" Sonst hatte em Aufschrei die ganze Stadt erfassen müssen, als der erste Eckstein dieses Raumes herausgebrochen wurde Daß auch die Stadtvei waltung selbst kein Verständnis dafui aufbrachte, welch kultureller Wert da auf dem Spiele stand, ist nicht unbegreiflich, wenn man bedenkt, daß viele der heute fuhrenden Politiker in den Rasterstraßen der Außenbeziike aufgewachsen sind, und wenn man sich Albert Schweizers Satz ins Gedächtnis ruft: „vertikalen Volkerwanderung" Rathenaus, wird nicht aufzuhalten sein Wien wird dabei allerdings einen großen Teil seines Charmes und semer Eigenart verfielen — durch den Einbruch der Vorstadt m die alten kulturellen Stadtraume, m das Herz Wiens Es wäre zwar sicher denkbar, daß die Partei des sozialen Wohnbaues, die die Arbeiter der Proletanervorstadte zu Großstadtbewußtsein integriert hat, sich doch noch darauf besinnt, die notwendige Metamorphose zur Stadt der Konsum- und DienstleistungSgesellschaft mit Geschmack und Kultur durchzufuhren. Daß sie sich darauf besinnt, daß das provinzielle Ziel des Gewinnes eines Bezirksvorsteherpostens mitunter weniger wichtig sein kann als die Erhaltung einer charakteristischen Straße, die nichts anderes ist als ein geronnener Teil unserer Geschichte Wie das Beispiel der Rauchfangkehrerkirche aber zeigt, erweist sich das Gespenst der dekonzentrierten und aufgelockerten Stadt, von Wirtschaftsunkundigen komponiert, m seinen wirtschaftsfremden Grundlagen als zusätzlicher Hemmschuh vernünftigen Denkens, als Blockade jeder gesunden Stadtentwicklung, wie das schon m der Gründerzeit der Fall war Der Städtebau der Gründerzeit brachte Wien zwar mit dem Ring den letzten Glanz einer Märehenstadt, aber auch einen Wirtschaftsslum im Osten der City. Heute freilich liefert der Städtebau keinerlei Marchenglanz mehr, sondern nur noch nackten Barbarismus Die Rauchfangkehrerkirche fallt in Trümmer Auf ihrem Grabhügel, auf Schutt und Ziegelstaub mußte man statt des Grabsteins ein Schild anbringen- Urheber bekannt. Vor Nachahmung wird im Namen der Menschlichkeit gewarnt.

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