Theater
OTHELLO Von William Shakespeare The National Theatre of Great Britain Berliner Festwochen , wurde der Beginn der Berliner Festwochen 1965 um einen Tag vorverlegt. Das Volksbühnentheater konnte den Ansturm der Zuschauer bei weitem nicht fassen, denn dieser Aufführung var internationaler Ruhm vorausgeeilt. Als sich im Schluß der ersten Vorstellung Stürme von Bravo Rufen auf Laurence Olivier konzentrierten, der die Titelrolle gespielt hatte, trat Sir Laurence aus der Phalanx seiner Kollegen herTor an die Rampe. Mit entwaffnend bescheidenen Worten sagte er, welche Ehre es für das Englische Nationaltheater sei, dessen künstlerischer Direktor Olivier ist, gerade in Berlin auftreten zu dürfen und hier so herzlich empfangen zu werden.
Das Verhalten des Berliner Publikums und cas offenkundige Wissen des Intendanten Olivier um die Anfangssituation seines Instituts, das als staatlich subventioniertes Ensembletheater nach deutschem Vorbild organisiert ist, machen es cem Kritiker schwer, die Leistung als Ganzes abzuwägen. Handelte es sich um eine reisende Theatertruppe, die sich rings um einen Star gebildet hätte, so wäre die Situation klar. Dieser Star (wider Willen) ist der große Laurence Olivier. Sem Othello gehört zu den bewunderangswürdigsten Virtuosenleistungen, die auf Schauspielbühnen ?ugenblicklich zu sehen sind. Olivier spielt den Mohren eindeutig als Neger. Er tritt in kurzen Kitteln auf, über die nur für Amtshandlungen der Mantel semer venezianischen Generalswürde geworfen wird. Im Brustschlitz leuchtet auf dem schwärzlichen Körper ein goldenes Kreuz. Wenn Othello es sich vom Halse reißt und wegwirft, hat ihn das Chaos überflutet. Die tragische Fallhöhe des Charakters erscheint vergrößert. Mit selbstsicherer Festigkeit tritt der Liebende im Senat auf. Seine wohlklingend weiche, tiefe Stimme hat nichts Militärisches. Auch wenn er über und mit Desdemona spricht, klingt nicht Leidenschaft, nicht Verliebtheit mit. Dieser fast väterlich erscheinende Othello hat eine späte Liebe zu seinem tiefsten Wesensgrund gemacht. Innere Ruhe verläßt ihn nicht einmal bei den ersten Verdachtsäußerungen Jagos.
Das Schauspiel des Abends entwickelt sich als allmähliche Wirkung des Seelengiftes. Geworfen (bis zur Epilepsie), spielt dieser Othello alle Höllenqualen der Eifersucht durch. Urlaute von tierischer Gewalt entringen sich seinem Körper. Die Stimme peitscht den Text. Aber bei aller Bewunderung solch eminenten Könnens wird der Zuschauer immer auch von dem Gefühl gepackt, das in dieser Verwüstung einer Seele Ausdruck findet. Olivier erhebt sich wie selten ein Schauspieler auf die Höhe Shakespeares.
Neben ihm gibt es eigentlich nur noch den Jago von Frank Finaly. Er kaschiert den Schuft durch Glätte und hält diese ebenso wie die psychologische Intrige gespannt durch. Schon mit der Desdemona von Billie Whitelaw fällt das Ensemble ab. John Stride als Cassio läßt hin und wieder aufmerken. Der Rest ist — halten zu Gnaden — Provinztheater. Die Inszenierung von John Dexter profiliert sich allenfalls in Fechtszenen. Die Bühnenbilder und die meisten Kostüme würden sogar in Nürnberg als unzulänglich emrtfntirtan wprclpn Johannes lacnbi
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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