Um Käthchens Hühnerbrust

Das Käthchen des Dramatikers Heinrich von Kleist hat Heilbronn bekannt, das Käthchen des Bildhauers Dieter Läpple hat Heilbronn berühmt gemacht. Aus allen Städten des Bundesgebietes und auch aus dem Ausland erhält die bezopfte Windsbraut aus Bronze in der Fischergasse Grußadressen oder Schmähschriften. Es ist wie ein Fluch der guten Tat. Seit Jahren lassen die Fremdenverkehrsgewaltigen der alten Neckarstadt- ihren Bürgern und Gästen durch ein charmantes, in Mannequinmaßen ausgezirkeltes, stadtfarbenes Käthchen bei jedem feierlichen und unfeierlichen Anlaß die Köpfe verdrehen, und jetzt hat es der Künstler plötzlich anders gegossen „Ich erlebte wie in einer Vision das Bild vom Käthchen, in welchem die Gegensätze vereint und die inneren Spannungen nach außen hin ausgeglichen waren", bekannte Läpple bei der Enthüllung seiner Brunnenfigur. Visionslose Heilbronnerinnen dagegen erwiderten, sie fühlten sich, brüskiert. Sie konnten sich beim besten Willen in ihrem Käthchen nicht wiedererkennen.

Kunst zieht Kunst an, und so dichtete ein Leser in der „Heilbronner Stimme": „O Eleonore, Liebe, glaube mir gar schrecklich ists das Bild dort auf dem Brunnen soll ich, das Käthchen, sein doch weh, ein greulich Abbild ists. Mein Körper, wohlgestaltet von Natur hat in des Mannes Hand gar fürchterliche Wandelung erfaihren. Dort wo so sanft der Rücken trifft sich mit dem End der Schenkel hat er ein neues Stück mir angefügt Damit es Eleonore aber noch genauer erfahre, wo der Stein des Anstoßes sitzt, fährt Käthchen fort: „Dort, wo meine Brüste pfirsichgleich in sanfter Wölbung meinen Busen formten hat er, der Tolle 7 eine fast um Handes Breite höher als die andre angesetzt Das war des Künstlers Hand.

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Aus den Händen seiner Widersacher stammt das Plakat „Unser Contergan Käthchen", mit dem die Brunnenfigur eines Morgens dekoriert war, und die mit Farben gefüllten Eier, mit denen die Standhafte eines Abends bekleckert wurde. Obwohl sich sofort nach dem Attentat Feuerwehrmänner und städtisches Reinigungspersonal über ihr Käthchen hermachten, konnten sie die Farben bis zum Morgengrauen nicht ms den letzten Ritzen entfernen.

Damit alle Welt erfahre, daß es sich bei der Kunstrevolte nicht nur um eine Pressekampagne handle, unternahm es ein Unbekannter in mannhaftem Anlauf, das „entartete" Käthchen in den Brunnen zu stürzen. Die Figur aber widerstand diesem Anschlag, und Oberbürgermeister Meyle verkündete, er stehe zu ihr. Allen, die Jas Käthchen durch eine Volksabstimmung oder durch eine Geldsammlung zum Abdanken bewegen wollten, trat der Kunstgewaltige entgegen. Tür OB Meyle gilt, was die Jury gesprochen hat: Er liebt kein „Festzugskäthchen".

Ein Bürger aber antwortete: „Ich glaube, oei einer Umfrage würde höchstens ein Prozent seine Meinung vertreten Nachdem sich Merle bereit erklärt hatte, unter der Figur eine Inschrift „Erbaut unter Oberbürgermeister Meyle" anbringen zu lassen, meinte ein archäologisch Interessierter: „Wenn ich im Jahre 3000 diese Statue ausgraben würde, könnte ich wahrscheinlich verstehen, daß das deutsche Volk mit dieser Kultur untergegangen ist Dies wiederum veranlaßte die Firma August Läpple GmbH & Co zu der lapidaren Feststellung, daß der Künstler Dieter mit den Inhaberfamilien von WerkzeugbauLäpple nichts zu tun habe.

Ungereimt hört sich die Kritik an dem Heilbronner Nationalidöl etwa so an: „Ein viel zu langer Oberkörper mit Hühnerbrust — „Außerdem hat sie unmögliche Waden. Und dann die dicken Zöpfe zu dem zierlichen Kopf " In Reimen klingt es so: „Des soll unser Käthchen sei? Do schlag doch a Donner nei!" oder: „Ist doch vieles an Ihnen mir fremd. Erfreulich für mich ist nur das Hemd" oder: „Käthchen, Kind, so warst du nie, das grenzt ja fast an Infamie " Nachdem nun ein Bürger auch noch erklärt hat, man sollte das nächstemal Leute wählen, die in Sachen bildende Kunst eine konservativere Einstellung mitbrächten, entschloß sich die Stadtverwaltung, ein Gutachten über ihr bronzenes Käthchen anfertigen zu lassen. Am 7. November ist in Heilbronn Gemeinderatswahl.

 
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