Unser Seller-Teller September 1965

Dies ist, wie meist im September, eine transitorische Liste: Gerade werden die ersten Herbstneuerscheinungen ausgeliefert, aber sie stehen noch nicht überall lange genug in den Regalen der Buchhändler, um die recht konstante Gruppe der Erfolgsbücher des vergangenen Sommers ganx zu verdrängen. Noch ist die Bücherschlacht zwischen alt und neu im Gange; ihr Ausgang allerdings ist so gut wie gewiß: In den acht Jahren, die unser Seiler Teller jetzt besteht, ist es noch nie einem im Frühjahr erschienenen Buch gelungen, sich gegen die Herbstbücher durchzusetzen und neben ihnen einen Platz auf den Herbstbestsellerlisten zu behaupten. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es durchaus zahlreiche Bücher gibt, die sich über die Saisons hinweg und unter Umständen Jahre hindurch gut verkaufen; die Lebenszeit des eigentlichen Bestsellers jedoch scheint höchstens sechs Monate zu betragen. In einem Monat, daran kann kaum ein Zweifel bestehen, werden es nicht mehr wie diesmal nur zwei neue Bücher sein (nämlich die Erinnerungen von Franchise Giiot an ihre zehn Jahre an der Seite Picassos und der VietnamRoman des professionellen Bestsellerautors Morris L. West], die der alten Garde den Rang streitig machen Genauere Vorhersagen allerdings fallen diesmal besonders schwer - und das nicht etwa, weil noch keine herausragenden Bücher in Sicht wären, sondern im Gegenteil, weil es außer jenen beiden eine ganze Reihe von Büchern geben wird, die von vornherein großen Zuspruchs sicher sind: Uwe Johnsons neuer Roman zum Beispiel, Adenauers Memoiren, Reich Ranickis Anthologie deutschsprachiger Kurzgeschichten aus den letzten zwanzig Jahren, der Insel Goethe, Saul Bellows Roman „Herzog" und das „Hundertdollar Mißverständnis" von Robert Gover. Und dabei wird es nicht bleiben. D E Z. 1

 
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