Börsen-Report Verrechnet
Deutschlands Börsianer haben zwar das Ergebnis der Bundestagswahl richtig vorausgesehen, aber in bare Münze ließ sich das Wissen nicht ummünzen. Im Gegenteil, wer in der Woche vor der Wahl in Hoffnung auf einen bürgerlichen Sieg Aktien erworben hatte und es versäumte, sie am Montag nach dem Wahlsonntag schleunigst zu verkaufen, kann seine Papiere jetzt nur mit Verlust wieder abstoßen.
Eines weiß man jetzt sicher: Die Politik hat in der Bundesrepublik auf die jeweilige Börsentendenz kaum Einfluß. Entscheidend ist allein die sich von Woche zu Woche verstärkende Kapitalknappheit, die „normale" Börsenreaktionen einfach nicht mehr zuläßt. Und da sich das Ende der Restriktionspolitik noch nicht abzeichnet und auch keine Tendenzumkehr in der Zahlungsbilanzentwicklung zu erkennen ist, bleibt es vorerst um die deutschen Aktienund Rentenmärkte schlecht bestellt selbst wenn das neue Regierungsprogramm viele Freundlichkeiten enthalten und das Wahlversprechen, keine Steuern zu erhöhen, erneuern würde.
Der neuerliche Druck auf die Kurse ist kein Grund zur Panik. Sowohl Amerikaner als auch deutsche Aktienbesitzer hatten längst beschlossene Verkaufsaufträge bis nach den Wahlen zurückgestellt, in der Hoffnung, dann bessere Kurse vorzufinden. Jetzt sahen diese Leute keine Veranlassung mehr, ihre Orders weiter zu verzögern. Denn auf was sollten sie auch noch warten? Von dem Kursdruck blieb kaum ein Marktgebiet verschont. Auch die Aktien der Großchemie nicht, obwohl Aktionärsbriefe für 1965 wieder ein günstiges Ergebnis versprechen. Für solche „Feinheiten" hat der immer mehr austrocknende Kapitalmarkt keine Empfindungen mehr. K. W.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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