Schweizer Börsen : Warten auf bessere Zeiten
Die Wirtschaftsberichte schweizerischer Gesellschaften sind gegenwärtig äußerst zurückhaltend und oft widersprechend — kein Wunder, da das Konjunkturbild stark differenziert ist. Mit Ausnahme der chemisch pharmazeutischen und der Uhrenindustrie sowie von Unternehmen, die sonstige Spezialerzeugnisse oder wettbewerbsstarke Qualitätsprodukte herstellen, melden zahlreiche Betriebe einen leichten Beschäftigungsrückgang. An den Geld- und Kapitalmärkten macht sich das Fernhalten ausländischer Anleger in anhaltenden Spannungen zwar spürbar, doch lassen die jüngsten, zu verbesserten Bedingungen (5 Prozent Nominalzins) gut plazierten Anleihe Emissionen noch erhebliche, investitionsbereite Mittel in Publikumskreisen vermuten.
Über die Auswirkungen der beiden konjunkturdämpfenden Bundesratsbeschlüsse vom Vorjahr gehen die Auffassungen von Finanz und Wirtschaft weit auseinander. Die Arbeitsmarktund Kreditwesen Interventionen haben zweifellos gewisse Konsequenzen nach sich gezogen. Auch der restriktive Baubeschluß ist nicht ohne Folgen geblieben, obwohl die Beruhigung im Immobiliengeschäft eher auf natürliche Marktgegebenheiten zurückzuführen ist. Die öffentlichen Ausgaben, ein Hauptfaktor des lang dauernden Auftriebes, sind dagegen weiter gestiegen. Die Teuerung wurde, zum besonderen Kummer der Hausfrauen, überhaupt nicht aufgehalten. Inzwischen haben die Importe ab- und die Exporte zugenommen, so daß sich die Ertragsfbilanz des Landes erfreulich verbesserte. Die Anlageinvestitionen sind leicht zurückgegangen und konzentrieren sich mehr und mehr auf Rationalisierungen. Ungeachtet einiger Schönheitsfehler ist das volkswirtschaftliche Gesamtbild der Schweiz also nach wie vor gut. Möglicherweise etwas geschrumpfte industrielle Zuwachsraten sind kein Unglück. Die weitere Entwicklung hängt weitgehend von dem angekündigten „Anschlußprogramm" der Regierung ab. Der August, sonst eine Zeit sommerlicher Flaute, war für die Schweizer Effektenmärkte ein seit langem nicht dagewesener „Wonnemonat". Nach seinem Jahrestiefstand von 563 Punkten am 11. Juni stieg der Aktienindex der „Schweizerischen Nationalbank" unter Schwankungen auf 615 7 am 27. August. Die ausgebliebene Fusion von Brown Boven und lungsschwierigkeiten bei Lonza vermochten die Erholung nur vorübergehend aufzuhalten, während die schwere und leidvolle Katastrophe von Gewinnsituation zu einem beliebten Spekulationspapier geworden sind und zu Jahresbeginn noch 395 Schweizer Franken (nom : sfr 350, letzte Dividende: sfr 21 zuzüglich eines Flugbilletts im Werte von sfr 10) notierten, stiegen bis sfr 555, fielen dann aber auf sfr 540 zurück. Zur Zeit ist die allgemeine Tendenz etwas schwächer und unsicher, da positive Anregungen fehlen und der Kapitalbedarf der Wirtschaft zum Herbst wächst. Im Hinblick auf viele, noch unterbewertete Titel empfehlen die Banken jetzt Ziemlich übereinstimmend, die Depots an schwachen Tagen mit sorgfältig ausgewählten Papieren zu ergänzen.
Nachdem Bundesrat Schaffner kürzlich im Ständerat (Länderparlament) einen Verzicht auf Verlängerung des Baubeschlusses in Aussicht stellte und Bundesrat Bonvin auch eine Lockerung der Kapitalmarktrestriktionen für möglich erklärte, rechnen Börsenkreise, sofern nicht unvoraussehbare Ereignisse eintreten, in den kommenden Monaten mit besseren Notierungen. Sicher ist das aber noch keinesfalls.
Ausländer können auf Grund der Bundesratsbeschlüsse rein schweizerische Aktien nur erwerben, soweit den Banken Kontingente aus früheren Verkäufen solcher Werte zur Verfügung stehen. Das gilt, soweit es sich um Titel handelt, die in der Bundesrepublik bekannt und favorisiert sind, vornehmlich für Brown, Boveri BBC (HöchstTiefst der 500 Franken Aktie 1965: sfr 21601730, Kurs am 23. 9. 1965: sfr 1910), Elektro Watt, Holdinggesellschaft von Elektrizitätswerken und industriellen Unternehmen, Großaktionär von Lahmeyer & Co , von Deutsche Conti Gas und Motor Columbus, bedeutende Elektroholding mit wertvollen inund ausländischen Beteiligungen.
Für Ausländer völlig frei käuflich sind dagegen die Nestle Alimentana Inhaberaktien. Das Produktionsprogramm des Konzerns ist relativ konjunkturunabhängig. Es umfaßt Kondensmilch, Speiseeis, Schokolade, Milch, Kaffee , Tee- und Kakaopulver, Schachtelkäse, Fisch , Fleisch- und Gemüsekonserven, Maggi Suppen sowie diätetische Produkte. Die Interessen der Gesellschaft in Kontmentaleuropa, der Sterlingzone und den Vereinigten Staaten sind in der übrigen in der Unilac Inc, Panama, deren Stammaktien untrennbar mit den Nestle Aktien verbunden sind. Die gesamte Gruppe verfügt über 208 Fabriken und beschäftigte Ende 1964 fast 84 000 Personen, davon etwa die Hälfte in Europa.
Das Nestle Kapital beläuft sich, seit vielen Jahren unverändert, auf 195 6 Millionen Franken, die offenen Rücklagen inklusive GewinnVertrag stehen mit 350 Millionen zu Buch. Die Gruppenumsätze beliefen sich 1964 auf 6 3 Milliarden, die Investitionen, die ausschließlich mit Eigenmitteln finanziert wurden, auf 295 Millionen, die embehaltenen Gewinne auf 126 Millionen und die akkumulierten stillen Reserven auf schätzungsweise 300 Millionen. Die Nestle Aktie bietet eine erstklassige Beteiligung am bedeutendsten Schweizer Unternehmen und einem der größten Nahrungsmittelkonzerne der Welt. Sie wird allgemein als eines der besten schweizerischen Anlagepapiere qualifiziert.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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