Wider die Intelligentsia
Zehrer, Mohler und das Volk
m Hause Springer hat die deutsche „Intelligenz" derzeit eine schlechte Presse. Hans Zehrer, der Chefredakteur der „Welt", rechnete in einem Leitartikel mit diesem Menschenschlag der Verderber und Versager wortgewaltig ab. Bezeichnenderweise wählte er dabei die Überschrift „Das Volk und die Intelligenz", woraus wohl zu entnehmen ist, daß hier die „Intelligenz" nicht so recht oder gar nicht zum Volke gezählt wird. Die Intellektuellen — das sind die anderen, sind die Unruhestifter, sind jene, die die schöne Ordnung, in der sich das Volk samt seinen Regierenden eingenistet hat, immer wieder zu stören wagen. Das Volk aber, so Zehrer, hat ihnen in diesen Wahlen die Quittung erteilt.
Die Abwehrkraft des deutschen Volkes gegen jederlei intellektuelle Verführung weiß auch Armin Mohler, der eidgenössische Strauß Intimus, zu schätzen. In der „Welt am Sonntag" stellte er fest: „Strauß hat seinen Sieg gegen die Münchner Presse, gegen einen Teil der bayerischen Provinzpresse und gegen den Bayerischen Rundfunk erfochten. Die Schickeria der Hauptstadt und Playboys macht — vom Adel, vom Großverleger und vom Porzellanfabrikanten bis zum letzten Starlet — kaum ein Hehl daraus, daß man diesmal geschlossen für die SPD gestimmt habe (nicht mehr für die FDP, wie vor vier Jahren). Es waren der einfache Mann und vor allein die einfache Frau, die der CSU ihre Mehrheit erhalten haben " Dies sind doch wahrhaftig zu Herzen gehende Worte. Das einfache Volk hat erkannt, was gut und richtig ist. Die arglistigen Intellektuellen (von links, natürlich) sind abgeblitzt, und mit ihnen zugleich alle artfremden Playboys und lasterhaften Starlets. Gesiegt hat das gesunde Volksempfinden.
Das einfache, unverbildete Volk auf der einen, die ruhestörende, zersetzenden „Intelligentsia" auf der anderen Seite — hier beginnt, wiederum, eine schlimme Legende Konturen zu gewinnen, eine Legende, die sich, wiederum, nur allzu leicht auch in ein Rezept verwandeln kann: „Die breite Masse eines Volkes besteht weder aus Professoren noch aus Diplomaten. Das geringe abstrakte Wissen, das sie besitzt, weist ihre Empfindungen mehr in die Welt des Gefühls Ihre gefühlsmäßige Einstellung aber bedingt zugleich ihre außerordentliche Stabilität. Der Glaube ist schwerer zu erschüttern als das Wissen. Wer die breite Masse gewinnen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Herzen öffnet. Er heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft " Diese Gebrauchsanweisung für Politiker stammt von Adolf Hitler und wurde niedergelegt in „Mein
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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