Der versorgte Bürger (IV) Wohlstand statt Wagemut

England: Im Ruhestand beginnt das Darben Von Robert Lucas

Es gibt Satze die blitzartig eine ganze geistige Landschaft beleuchten Einen solchen Satz schleuderte mir mein Nachbar entgegen, ein Mann von über 65 Jahren, jeder Zoll der ehemalige Offizier, hilfsbereit, wie es nur ein englischer Nachbar sein kann Der Satz lautete „An all dem ist nur dieser verdammte Woblfahrtstaat schuld" Schuld woran 5 Verblufft suchte ich im Geiste den Inhalt des vorangegangenen Gesprächs zu rekapitulieren Die Auflösung des Empire, die britische Machteinbuße, das Suez Debakel, die „ewigen Streiks", die Jagd nach matenellen Werten, die langhaarigen Jungen und die behosten Madchen Ich fragte ihn nicht, was der Wohlfahrtstaat damit zu tun habe, denn die Aderchen an seinen Schlafen waren bereits bedrohlich angeschwollen Und außerdem kannte ich den Gedankengang Weil der Englander heute vom Staat von dei Wiege bis zum Grabe behütet und verweichlicht wird, hat er den Wagemut, die Abenteuerlust und den Unternehmungsgeist verloren, die seinerzeit Großbritannien zur fühlenden Nation der Welt gemacht hatten Zugegeben: mein Nachbar ist ein extiemer Fall Aber die bizarre Unlogik seines Haßausbruchs war symptomatisch für das dumpfe Ressentiment, mit dem gewisse Schichten des englischen Bürgertums auch heute noch dem „Weifare State" gegenüberstehen Dieses Ressentiment hangt teilweise damit zusammen, daß die neue alles umfassende Sozialversicheiung von der LabouiRegierung Attlees geschaffen wurde (und damit manchem Konservativen reflexartig ein Dorn im Auge ist) und daß die Existenz des Wohlfahrtstaates zeitlich zusammenfallt mit der politischen und wirtschaftlichen Machteinbuße Großbritanniens (worin Leute wie mein Nachbar einen Kausalzusammenhang sehen) Aber die Ursachen gehen noch viel tiefer Es gibt in England seit langem zwei entgegengesetzte Auffassungen von den Rechten und Pflichten des Individuums m der Gemeinschaft Die eine Denkweise wird arn besten durch die Namen der großen Sozialreformer charakterisiert William Wdberforce, der das Verbot des Sklavenhandels erkämpfte, John Howard, der die Humamsierung der Gefangnisse durchsetzte, der Industrielle Robert Owen, dei die erste Fabrikgesetzgebung bewirkte und eine sozialistische Mustersiedlung gründete, und die Voikampfer des staatlichen Erziehungs- und Gesundheitswesens Die andere, in der englischen Tiadition ebenso fest verankerte Auffassung beruht auf einem robusten Individualismus, der die Einflußnahme des Staates auf das Leben der Burger auf ein Minimum reduziert sehen will Mit dieser laisser faire Attitüde eng erbunden ist der Glaube, daß alle Wohlfahrt, dem Gebot der christlichen Nächstenliebe entsprechend, aus freiwilligen Hilfeleistungen und Spenden bestehen müsse Dieser Ansicht zufolge geht die christlichethische Basis der Fürsorge verloren, wenn das Prinzip der Freiwilligkeit durch eine auf erzwungenen Beitragsleistungen beruhende staatliche Hilfe ersetzt wird Als ich voi dreißig Jahren nach England kam, entdeckte ich zu meiner Überraschung, daß alle Krankenhauser weitgehend durch freiwillige Spenden und Stiftungen erhalten wurden Jede zweite Woche gab es irgendeinen Sammeltag Da standen reizende Damen mit Sammelbuchsen an den Straßenecken und vor den Eingangen der Untergrundbahnhofe und steckten den Spendern charmant lächelnd Papierblumen oder Fahnchen an den Mantelkragen Dieses System fand eist 1948 mit der Einfuhrung des Staatlichen Gesundheitsdienstes ein Ende Aber obwohl der nach dem Krieg geschaffene Wohlfahrtstaat einen Triumph der Sozialreformer darstellt, basiert er in Wirklichkeit auf einem Kompromiß zwischen den beiden Gesellschaftsphilosophien Der unverbesserliche Individualist und der Wohlhabende kann wohl nicht von der Zahlung der direkten und indirekten Sozialabgaben befreit werden, aber er ist deshalb kein Gefangener des Systems Der Staat stellt seinen Kindern einen kostenlosen Schulunterricht zur Verfugung, der den Begabten auch eine unentgeltliche Umversitatsausbildung einschließlich der Lebenskosten wah rend der Studienzeit sichert Alle Leistungen des Staatlichen Gesundheitsdienstes erfolgen beinahe kostenlos In den ersten enthusiastischen Jahren erhielt man alles gratis Medikamente, orthopädische Fußbekleidung, Rollstuhle — buchstäblich alles Millionen Munder füllten sich wahrend dieser Fhtterwochen des Gesundheitsdienstes mit Gratisgebissen Millionen Augenpaare wurden mit neuen Brillen aus gestattet Krampfadern, die beieits den Ersten Weltkrieg siegreich überstanden hatten, mußten plötzlich unaufschiebbar operiert werden Infolgedessen erreichten die Kosten des Gesund heitsdienstes schwindelerregende Hohen, und die Regierung beschloß die Einhebung germgfugigei Gebuhren, — weniger weil sie hiervon einen wesentlichen Beitrag zum Etat erwartete, sondern um Mißbrauche und Medizinorgien durch Hyp ochondei einzudämmen Grundsatzlich kann jeder Mensch, der seinen Wohnsitz in England hat, alle Einrichtungen des Staatlichen Gesundheitsdienstes in Anspruch neh men, gleichgültig ob er britischer Staatsburgei int oder nicht, und gleichgültig ob er zwanzigtausend Pfund jährlich verdient oder ein armer Teufel ist Die einzige Voraussetzung ist, daß sein Name auf der Liste (Panel) eines Arztes steht Nur auf Empfehlung des Hausarztes kann man im Rah men des „Health Service" einen Facharzt kon sultieren oder (abgesehen von unvorhergesehenen Notfällen) ein Bett im Kiankenhaus erhalten Die Hohe des Einkommens, das der Arzt be zieht, hangt nicht von dem Ausmaß semer Dienst leistungen ab, sondern von der Zahl der bei ihm legistnerten Patienten Je mehr Namen auf seinem „Panel" stehen, desto hohei seine Bezüge Manche Arzte neigen daher dazu, mehr Patienten anzunehmen, als sie mit der gewünschten Sorgfalt betreuen können Dreitausend Namen auf einem „Panel" sind keine Seltenheit Die Folge zeitraubendes Herumsitzen im Wartezim mei, oberflächliche Untersuchungen, übermüdete Arzte Diese Nachteile treten seltener ein, wenn zwei oder drei Arzte sich zu einer „Partnership" zusammenschließen oder neuerdings auch, wenn drei bs sechs Arzte ein Kollektiv bilden, dem auch Assistenten, Krankenschwestern und eine Sekretarm angehören Im allgemeinen klagen die Arzte, daß sie überlastet und schlecht bezahlt sind Vor kurzem drohte sogar eine große Anzahl mit dem Ausscheiden aus dem Gesundheitsdienst Alljährlich emigrieren unzufriedene Aizte nach Australien, Kanada oder Sudafrika Aber diese geringfügige Abwanderung wird mehr als gutgemacht durch den Zustrom von Medizinern aus dem Commonwealth Die Krankenhauser le den darunter, daß sie meistens bereits ein ansehnliches Alter haben und tiotz allei Modermsierungsflickerei den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen Ein deutsches Ehepaar, das in London wohnt, hat mir begeistert von seinen Erfahrungen bei der Geburt seines ersten Babys erzahlt „Ich meldete mich so früh wie möglich in der Klinik an", berichtete die junge Mutter „Man hatte mich gewarnt, daß das wegen des akuten BettenMangels notwendig sei Ein halbes Jahr vor der Entbindung nahmen mich die Gesundheitsbehotden in ihre Obhut Ich wurde gründlich untersucht — Blut- und Rontgenuntei suchungen und alles andere —, und außerdem wurde ich einem stundenlangen Verhör unterworfen, ich mußte meine ganze Familiengeschichte erzählen, wurde ausführlich nach meinem Mann gefragt — sogar seine Schuhgroße mußte ich angeben, ich weiß nicht wartim —, und mir wurde mitgeteilt, daß ich von nun an bis sechs Monate nach der Geburt Milch und Lebertran, Vitamintabletten und Orangensoft zu herabgesetzten Preisen erhalten wurde Einen Monat spater mußte ich mich zu einer neuen Untersuchung melden, und danach wurden die Intervalle schrittweise verkürzt, bis ich schließlich jede Woche untersucht wurde. Außerdem wurde mir der ganze Geburtenvorgang erklart und zwar in einer so verständnisvollen und natürlichen Weise, daß alle Besorgnisse, die ich noch haben mochte, zerstieut wurden Jch teilte das Zimmer mit fünf anderen Frauen, und alles ging ganz glatt vonstatten Eine Woche nach der Entbindung wurde ich mit meinem Tochterchen wieder nach Hause gebracht, und ein paar Tage spater kam bereits der, Health Visitor Gesundheitsbeamte), um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei, und um mir gute Ratschlage zu geben " Meiner Ansicht nach ist die Kinderfuisorge der am besten organisierte Sektor des Wohlfahrt Staates Hier ist fui alles gesorgt eine standige Überwachung der Babys und Beratung der Mutter m den Wohlfahrtzentren, Kinderkrippen und Kindergarten, eine kostenlose Milchausgabe fut alle Schulkinder und vom Staat subventiomeite v arme Schulmahlzeiten, Betreuung der Kinder durch Schularzte und Zahnärzte und andeies Am entgegengesetzten Ende der Skala bietet allerdings die Fürsorge für die Alten kein so eifreuliches Bild Die staatlichen Altersrenten sind sehr karg bemessen Obwohl die LabouiRegierung sie als eine dei ersten Maßnahmen nach ihrem Amtsantritt erhöht hat, betragen sie heute nicht mehr als vier Pfund wöchentlich für eine alleinstehende Person und sechseinhalb Pfund für ein Ehepaar Angestellte, die mehr als neun Pfund m der Woche verdienen zahlen unter ge wissen Bedingungen etwas höhere, je nach ihrem Einkommen abgestufte Beitrage m die staatliche Altersversicherung, um sich progressive Renten zu sichern, und außerdem haben die großen Unternehmungen natürlich ihre eigenen Pensions kassen, m die die Arbeitgeber gewöhnlich die Hälfte der Beitrage einzahlen Wenn aber ein Altersrenmer sich einen Nebenverdienst von mehr als fünf Pfund m der Woche verschafft, indem er seinem Arzt und einer Anwaltswitwe die Tulpenbeete jätet und die Rosenbusche stutzt, wild ihm — wenn er noch nicht siebzig Jahre alt ist — ein entsprechender Betrag von seiner Pension abgezwickt Es ist nun einmal so wer nicht das Gluck hat, über ein ansehnliches Privat vermögen zu verfugen, erlebt den Eintritt in den Ruhestand als eine schmerzliche Erniedrigung seines Lebensstandards Lord Bevendge, der eigentliche Architekt des gegenwartigen Systems der Sozialversicherung, sagte mir kurz vor sei nem Tode „Ich bin bei meinen Planen von einer falschen Voraussetzung ausgegangen Ich hatte ei wartet, daß die Kaufkraft des Geldes erhalten bleiben wurde " Sehr bedauerlich ist das Versagen des Wohl fahrtstaates m der Wohnungsfrage Obwohl seit Kriegsende mehr als drei Millionen Sozial wohnungen gebaut wuiden, sind die Wartelisten auf den Wohnungsamtern nicht kurzer gewor den Den Statistiken zufolge hat England pro Kopf der Bevölkerung mehr Wohnraum zur Ver fugung als Deutschland, Fiankreich, Schweden, ja sogar die USA Aber ein hoher Prozentsatz dieser Hausei ist hoffnungslos veraltet Man hört oft Klagen darüber, daß Familien, die sich ohne weiteres den Ankauf eines Pnvathauses leisten konnten, in einer om Steuerzahler subventionierten Sozialwohnung wohnep, für die sie eine ganz lächerliche Miete bezahlen Ein junges Ehepaar kann, wenn es auf dem pnvaten Hauser markt ein geeignetes Hauschen findet — was heutzutage nicht einfach ist —, von einer Bau Sparkasse ein steuerbegünstigtes Darlehen erhal ten Aber etwa zehn Prozent des Kaufpreises müssen sofort aus der eigenen Tasche bezahlt werden, und dieser Betiag zusammen mit den verschiedenen Gebuhren und den Kosten der Einrichtung ist häufig mehr, als man sich leisten kann Summa summarum Niemand — außer vielleicht einigen verschrobenen Individualisten — wünscht heute ernsthaft, die Errungenschaften des Wohlfahrtstaates abzuschaffen Aber sehr viele Englander sind überzeugt, daß das System emei Revision bedarf Als Lord Bevendge den Plan für die allumfassende Sozialversicherung ausarbeitete, rechnete er — mit einem Blick auf die düsteren zwanziger Jahre — mit einer ArDeitslosigkeit von acht Prozent Seine pessimistischen Erwartungen haben die ganze Struktur der Sozialversicherung auch für die Zeit der Vollbeschäftigung bestimmt Heute fragen sich sehr viele Englander, ob sie für die Soziallasten, die sie zu tiagen haben, auch nur annähernd den Gegenwert zurückerhalten Die jährlichen Kosten der Sozialeinrichtungen übersteigen bereits fünf Milliarden Pfund, und das ist für ein Land, dem das Außenhandelsdefizit arges Kopfzerbrechen bereitet, ein hubscher Haufen Geld „Ich werde immer bereit sein, den Notleidenden zu helfen", sagte zu mir ein Freund, der bei der letzten Wahl mit voller Überzeugung für die LabourParty gestimmt hat, „aber ich habe starke Einwände dagegen, daß mit meinem schwer verdienten Geld die Doktorrechnungen und die Altersrente von Leuten bezahlt werden, die ein drei- oder fünfmal größeres Einkommen haben als ich " Es wird oft darüber geklagt, daß das System zu starr lat Gewiß, man ist nicht gezwungen, sich unter den Universalregenschirm zu ducken, mit dem der Staat die Gemeinschaft vor den Wolkenbruchen des Schicksals schützt Jeder, dei das Geld hierfür hat, kann sich einen Privatschirm kaufen und damit spazieren gehen

 
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