Zwei Tage in: Berlin
Berlin — die größte Stadt des Landes immer noch, die Stadt Europas mit den meisten Brücken, fast tausend Brücken, wer weiß das schon? Und so bezaubernde Brücken darunter, etwa im Tiergarten. Auch wer im Herbst nach Berlin kommt, sollte unbedingt in den Tiergarten gehen, den neuerwachsenen. Er findet die abwechslungsreichste Komposition von Bäumen, Büschen, Rasen, Wiesen, Wegen, Wasserläufen, Inseln, im Schatten und in der Sonne, Brücken eben, Blattgewächsen und Blumen, Bänken, Enten, Schwänen und Kindern, Statuen und Spaziergängern, Vogelkonzert zu jeder Tageszeit, grünes Herz der „grünen Stadt", wie die Berliner ihre Stadt gern nennen.
Ist man aber einmal im Tiergarten, dann sollte man nicht versäumen, sich die Stadt von oben anzuschauen. Es kostet zwar die Mühe, eine schmale, steile Wendeltreppe 67 Meter hoch bis zum Engel auf der Siegessäule hinaufzusteigen (und außerdem dreißig Pfennig), aber nirgends denn von hier ist die Stadt, die ganze Stadt so „informativ" zu überblicken. Eine große Stadt — 7on hier oben sehen Mauer und Todesstreifen wie Sandkastenspiele aus, aber sie sind es nicht. Mit einem Fernglas kann man bis zum alten, historischen Berlin sehen.
Der Reisende, der ohne Informationen und zum ersten Male nach Berlin kommt, sich „überraschen lassen" will, aber dann doch praktischer Hinweise bedarf, was kann er in zwei Tagen tun? Er wendet sich klüglich an das Verkehrsamt in der Hardenbergstraße, gleich hinter der S Bahnunterführung des Bahnhofs Zoo, und zwar in Richtung Ernst Reuter Platz auf der linken Seite. Dort überreicht ihm eine kühle Blonde (aber man lasse sich nicht täuschen, es gibt auch viele liebenswürdige und sehr charmante Berlinerinnen) einen Plan der Stadt Berlin, auf dem alle Sehenswürdigkeiten eingezeichnet und vermerkt sind, einen Miniatur Baedeker also. Sodann gibt es ein buntbildriges stadtfeuilletonistisches Heft und dann das aktuelle „Berlin Programm", jeweils für zehn Tage zusammengestellt. Es enthält vom Kammerkonzert bis um Nachtklub, von den jeweiligen Kunstausstellungen bis zum Fahrplan zu Lande und zu Luft, vom Vortragskalender über Messen und Ausstellungen bis zu exquisiten Speiselokalen alle Angaben über das Was, Wo, Wann und Wie in der Stadt. Manchmal wird das Programm im Flugzeug verteilt, gewiß aber erhält man es im Hotel.
Nicht zu übersehen und ohne Stadtplan zu finden ist das nagelneue Europa Center an der Gedächtnislurche. Der Kurzbesucher wird sich das Abenteuer seiner Besichtigung und Ergründung vom Unterstock bis zur Aussichtsterrasse auf dem 21. Stockwerk nicht entgehen lassen wollen, doch muß er schon ein paar Stunden dafür veranschlagen, die neue City Attraktion mit über hundert Läden, Shops, Boutiquen, Restaurants, Bars und so weiter ist eine Stadt für sich, architektonisch nicht ohne Reize, als Lebenszentrum Berlins oder gar „Europazentruin" umstritten. Einen „monumentalen Splitter von Provinzialität" nannte Wolf Jessen diesen „graziösen Felsblock" inmitten der einstigen Weltstadt. Zu empfehlen ist für Kurzbesucher, die anders keinen Eindruck von Berlins Struktur zu erhalten vermögen, eine Stadtrundfahrt. Zur Auswahl: Westberlin Rundfahrt und Sektorengrenzfahrt und große Rundfahrten, die auch durch den östlichen Teil der Stadt führen. Man sollte wohl die ganze Stadt gesehen haben, als Besucher aus dem Westen des Landes darf man das (und kann es ohne weiteres wagen, sofern man nicht Flüchtling aus Mitteldeutschland ist). Abfahrt der Busse an der Gedächtniskirche (Karten im daneben gelegenen Wildbad Kiosk, in allen Reisebüros) und am Kurfürstendamm, Ecke Meinekestraße und Ecke Uhlandstraße. Möglichkeiten genug zur Auswahl.
Nicht anders denn in Form eines Kataloges kann man aufzählen, was alles hier kennenzulernen ist, was „man" sehen sollte, könnte. Von und hier auch tatsächlich, das Aquarium großen Stils zu finden ist. Wer also am Zoologischen Freude hat, besucht vielleicht inmitten der Stadt die große, wohlbestellte, sehenswürdige, reizvoll auch zum Spazierengehen angelegte Arche Noah. Europas neuestes und hübschestes Vogelhaus ist hier besonders zu erwähnen. Botanische Erquickung und alltags die Ruhe verschlungener, anmutig gegliederter, herb nach Nadeln und Blättern duftender Wege, dazu in allerlei Palmen- und Gewächshäusern das Tropische in üppiger Fülle (das Riesenpalmenhaus ist eben wieder im Entstehen und erhält bereits sein neues gläsernes Himmelsgewölbe) findet der Reisende am Rande vom Stadtbezirk Steglitz einerseits und Dahlem andererseits, er kann den Garten von beiden Seiten aus bequem erreichen. Und wer da gerade im Grünen und nicht weit vom Grunewald ist — man braucht nur die Königin Luise Straße hinunterzufahren und gelangt nach ein paar hundert Metern an seine mit Birken und Büschen gemusterte Kiefernkante —, kann sich gleich ein Bild machen von Typ und Charakter der Wald- und See Umgebung unmittelbar an der Stadt. Dann ein paar hindert Meter wiederum, und da liegt der Grunewaldsee, moorwasserstiller Spiegel für Kiefernkronen, Vierjahreszeitenhimmel, Enten, Schwäne, Bussarde. Und für das Jagdschloß Grunewald, 1552 an die Kante des Sees gesetzt, oh umgebaut, ehemaliger Treffpunkt zu königlicher Jagd und — amour, heute liebevoll restauriertes Museum, an Sommerabenden Schauplatz bezaubernd romantischer Serenadenkouzerte.
An weiteren Schlössern wären zu besichtigen: Schloß Charlotienburg (1695 bis 1699), nach dem Krieg restauriert, mit Schlüters Standbild des G oßen Kurfürsten im Vorhof. Schloß Tegel, Lindsitz aus dem 16. Jahrhundert, seit 1765 im Besitze der Humboldts, heute kleines Museum mit viel Atmosphäre. Schloß Bellevue, 1785 am Rinde des Tiergartens erbaut, heute Berliner Amssitz des Bundespräsidenten, von außen ein restauriertes Stück Berliner Stadtgeschichte und erfreulich anzusehen, wohlgemerkt von außen. An moderner Architektur hingegen zu besichtigen wäre das Hansaviertel, von internationalen Architekten im Wettstreit der Interbau vor acht Jahren erstanden, als interessantestes Objekt die Akademie der Künste ebendort, dann nahebei die Kongreßhalle und wiederum nicht allzu weit entfernt Scharouns Philharmonie (dieses Bauwerk niiiß man einfach gesehen haben) und auch Eiermtnns neue Gedächtniskirche, sehenswert im Vorbeifahren Le Corbusiers „Wohnwabe", das Hius mit mehr als 1300 Bewohnern nahe dem Olympiastadion. Aus Takt vielleicht und staatsbürgerlichem Empfinden sollte man auch dem renovierten Reichstagsgebäude einen Blick gönnen.
Der Museumsführer durch die Kun=tschätze Berlins sieht folgendermaßen aus: Im Museum Dahlem befinden sich Gemäldegalerie (alte Meister), Kupferstichkabinett, Skulpturenabteilung, Iniische Kunstabteilung, Islamische Abteilung, Museum für Völkerkunde. Im Schloß Charlotteriburg: Nationalgalerie — Gemälde, Plastik und Zeichnung des 19 und 20. Jahrhunderts —, Kunstgewerbemuseum, Museum für Vor- und Frihgeschichte, neuerdings die Ägyptische Abteilung, und die Antikenabteilung. Außerdem wäre noch die Kunstbibliothek in der Jebenstriße am Bahnhof Zoo zu erwähnen, die mit Literatur zur Kunstwissenschaft aller Zeiten und Völker und der Lipperheide Kostümbibliothek ein Ort fundierter und bildreicher Bildung ist. Mit Lesesaal und jeweils besonderen Ausstellungen.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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