Zwischen Böll und Blues
Rübers Beobachtungen aus dem menschlichen Tierreich Von Hannsferdinand Döbler
Pie Trostlosigkeit des modernen Ehelebens ist bekannt, auch weiß man, daß ehemalige Offiziere des Zweiten Weltkrieges von siegreichen Eiisätzen schwärmen wie Minderjährige von der letzten Party. Wenn sich ein Schriftsteller also dieser Themen bemächtigt, streng im Rahmen vorfabrizierter Anschauungen, bleibt ihm wenig Spielraum, um den Details einigen Reiz abzugewinnen.
Sünter Rüber, dessen literarisches Debüt „Die Zeitinsel" eine angenehme intellektuelle Begarmng verriet, hat nun seinem neuen Buch mit den Untertitel „Ein deutsches Wintermärchen" einen Hauch von Heine mitgegeben — aber um dieses Versprechen einzulösen, dazu fehlen ihm Bosheit und politischer Zorn. Diese drei ehemaligen Offiziere, leitende Herren in Wirtschaft und Werbung, die da im Mittelklassewagen über die Autobahn rasen, ihren Erinnerungen an die große Zeit der „Rollbahnen", der siegreichen Vormärsche nachhängend, sind nach handelsüb ichen Nachkriegsklischees zurechtgeschneidert. WAS mit dem Anspruch auftritt, aus politischen Prurmssen menschliche Symptome deuten zu können, vielleicht auch umgekehrt, bleibt in Banalitäten stecken.
So verrät der schmale Roman von Günter Rüber: „Ein gewisser Jahrgang" — Ein deutsches Wintermärchen; Verlag Jakob Hegner, Köln; 129 S, 10 80 DM meir über den Autor, als dieser beabsichtigt baten kann: Er beschreibt die Welt wie einer, der sie sich eigentlich anders vorgestellt hat, er kanzelt seine Figuren ab, ohne Spur von Verständnis für jene, die als Bösewichte — Ehebrecher, Alkoholiker, Ehemalige — gekennzeichnet sind, und daß er die zentrale Gestalt in seinem deutschen Wintermärchen in direkter Anrede beschwört, charakterisiert seine Position. Von einem Punkt außerhalb dieser Welt beschreibt der junge Herr das unerfreuliche Treiben alltäglicher Leute, mit Ressentiments nicht sparend: Aus gutem norddeutschen Hause ist der Bösewicht, der Vater Studienrat, jetzt wird ers in Kürze mit einer treiben, die Serviererin ist, dreiundzwanzig Jahre alt und aus Schlesien, während seine verhärmte Ehefrau, von Böll schon besser beschrieben, ebenfalls, wenn auch aus verständlicheren Motiven, verzweifelt lustlos mit einem ehefremden Partner schläft.
Allerdings gelingt es dem Autor, die Bedeutungslosigkeit dieser begrenzten Szenerie modisch aufzulockern und sie mit einem gewissen melancholischen Charme zu versehen: nicht mehr das „wuchtige Allegro non troppo e molto maestoso aus dem b moll Klavierkonzert von Tschaikowski; verjazzt" wie in der „Zeitmsel", aber doch subtile Kenntnisse von J. S. Bach und Dave Brubeck, Raststättenromantik, Chevrolet Monza und Rambler Tarpon — also Chromleisten am Weltschmerz von heute, Neonlichteffekte an Stelle der Lagerfeuerromantik.
Ein gebildeter Autor hat es heutzutage schwer Günter Rüber ist nun einmal Abiturient und ein kultivierter Mann, zudem stammt er aus Düsseldorf und nicht aus Santo Domingo oder Florida: Er wird noch einen weiten Weg gehen müssen, bis er mehr liefert als geschickt formulierte Beobachtungen aus dem menschlichen Tierreich.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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