98 Prozent aller Einwohner der DDR beteiligten sich am vorigen Sonntag an den sogenannten Kommunalwahlen. Man sollte diese amtliche Zahl ebensowenig bezweifeln wie die 99,8 Prozent der Stimmen, die für die – einzig wählbaren – Kandidaten der „Nationalen Front“ abgegeben wurden. Das Volk ging wirklich „geschlossen“ an die Wahlurnen, manche Hausgemeinschaften und Belegschaften schon zwischen sechs und acht Uhr in der Frühe. Äußerlich war es wie ein Volksfest: Fahnen über Fahnen, blumenschwenkende Kinder, Blasmusik und Sonnenschein.

Aber der Schein trog. Die Bürger des Ulbricht-Staates – die meisten jedenfalls – absolvierten die Wahl wie eine lästige Pflichtübung. Sie steckten ihre Wahlzettel so automatisch in die Urnen, wie man eine Fahrkarte abgibt.

„Geradezu symbolisch“ fand SED-Propagandaleiter Norden das Wahlresultat. Besser hätte er es nicht formulieren können. Neunundneunzig Prozent – dies ist seit eh und je das besondere Kennzeichen unfreier Systeme. K. J.