Spät, aber dafür um so intensiver haben sich Frankreich und Spanien entschlossen, in das Autobahn-Zeitalter einzutreten. Die Regierungen beider Länder verabschiedeten in den letzten Monaten umfassende Bauprogramme, durch die der Anschluß an das europäische Autobahnnetz im Laufe der nächsten Jahre verwirklicht werden soll.

In beiden Ländern setzt sich auch die öffentliche Meinung lebhaft mit diesen Plänen auseinander, wobei nicht selten auch kritische Stimmen laut werden. So fürchtete der linksgerichtete Le Nouvel Observateur, daß durch den intensivierten Autobahnbau vordringlichere Sozialaufgaben wie die Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitswesens, der Kinderfürsorge und der Altersversorgung beiseitegeschoben würden. Das Blatt behauptet, daß der Entschluß der Regierung, den Autobahnbau im Fünften Wirtschaftsplan energisch vorwärtszutreiben, unter dem Druck der Ölwirtschaft, der Reifenindustrie und der Autohersteller zustande gekommen sei, die nur bei einem forcierten Ausbau des Verkehrsnetzes mit weiter steigendem Absatz ihrer Produkte rechnen könnten.

Tatsache ist jedoch, daß eine gründliche Meinungsumfrage der Regierung ergab, daß die Franzosen den Bau eines weitgestreckten Autobahnnetzes als vordringlich erachten. Dabei dürften nicht zuletzt die Neidgefühle mitgespielt haben, die jeder französische Tourist empfindet, wenn er einmal mit den deutschen, italienischen, belgischen und holländischen Autobahnen Bekanntschaft gemacht hat.

Solange die Franzosen ihren Urlaub nur im eigenen Lande verbrachten, wie es früher allgemein üblich war, blieb der Öffentlichkeit der Vorsprung der Nachbarländer im Autobahnbau ziemlich unbekannt. Als die Franzosen aber ihre Nachbarländer zu entdecken begannen, konnten sie nicht umhin festzustellen, daß dort der Straßenbau mit der Entwicklung des Autoverkehrs fast überall viel besser Schritt gehalten hat als in ihrer Heimat. So kam der Autobahnbau von Jahr zu Jahr mehr ins Gespräch.

Frankreichs Autobahnen standen bisher in dem traurigen Ruhm, Europas größter „Fleckerlteppich“ zu sein. Es waren und sind noch immer nur „Fleckerl“ – kurze, weit auseinandergerissene Bruchstücke, die den unerforschlichen Ratschlüssen der Straßenplaner entsprungen zu sein scheinen.

Das bisher längste Teilstück unter den bis heute insgesamt fertiggestellten 537 Autobahnkilometern umfaßt ganze 86 Kilometer. Es beginnt am Südrand von Lyon und folgt dann dem Rhônetal bis in die Gegend von Valence; weiter südlich schließen sich in Abständen noch einige „Autobahnstummel“ an, deren letzter das Gebiet südlich von Aix-en-Provence mit Marseille verbindet.

Von Paris aus stoßen stolze Autobahnen in westliche und südliche Richtung vor, um dann schon nach 20 bis 30 Kilometern im Sande überforderter Landstraßen zu verlaufen. Im Nordosten des Landes gibt es eine etwa 40 Kilometer lange Autobahnstrecken zwischen Lille und Arras; im Osten eine 27 Kilometer lange Umgehungsstraße, die, von Dombasle ausgehend, an Nancy vorbeiführt; und im Süden die vor einigen Jahren fertiggestellte gebührenpflichtige Autoroute de l’Esterel. Auf einer Strecke von 35 Kilometern verbindet sie die Rivierastädte Fréjus und Cagnes-sur-mer miteinander. Auch sonst sind noch ein paar Stummel – der kürzeste vier Kilometer lang – über das große Land verstreut.