Von Joachim Seyppel

Der Familie wird erzählt, wir seien Franz Kafka bei Spaziergängen auf der Steglitzer Schloßstraße begegnet: in jenen frühen zwanziger Jahren, als die breite Vorstadtstraße noch von schönen hohen Bäumen gesäumt war, die Straßenbahnen bescheiden an den Seiten dahinzuckelten und unweit der Grunewaldstraße, in der Kafka logierte, noch die alte Feuerwache stand.

Die Erzählung mag auf Wahrheit beruhen, nachprüfen kann ich sie nicht mehr. Und wo wäre schon bei allem, was Kafka, und auch die zwanziger Jahre, betrifft, heute noch die genaue Grenze zwischen Wirklichkeit und Erfindung zu ziehen? Die Spuren des Dichters in der Grunewaldstraße (und auch die in der nahegelegenen, einstigen Miquelstraße, die heute Muthesiusstraße heißt) sind undeutlich; schärfer verlaufen sie nur in Prag.

Ob man durchs Elbsandsteingebirge bei Děčin fährt; ob von Österreichisch-Gmünd über die Hussitenstadt Tábor; ob von Marktredwitz über Eger, Marienbad und Pilsen; oder gar vom Böhmerwald auf dem Saumpfad des Goldenen Steigs über Strakonice (woher einige Kafkas stammten) – am Ende der Reise wartet noch immer die eigenartigste aller mitteleuropäischen Städte, Prag. Keine Neonlichtmeere, keine neureichen Fassaden. Doch schon mehr Autos als vor zwei Jahren, und schon weniger Ruhe. Aber Kafka würde das meiste wiedererkennen.

Den Vogel kavka, die Dohle, hatte sich Hermann Kafka, des Dichters Vater, als Geschäftsemblem gewählt. In der Zeltnergasse lag der väterliche Laden. Da fast jedes Haus in der Prager Altstadt nicht weniger als drei Nummern trägt (eine als Stuckverzierung, übereinstimmend mit der zweiten, der roten, die jedoch abwsicht von der blauen und ungültigen), ist die richtige Nummer, nämlich Celetná Ulice (Zeltnergasse) No. 602 (rot) oder No. 3 (blau) erst nach eingehender Aufklärung zu identifizieren. Heute befindet sich hier das vegetarische Restaurant „Vegetárka Celetná“ mit der Tafel Historicky Cenné“, also der historischen Wertbezeichnung – die jedoch nicht dem Domizil Kafkas, sondern der Architektur gilt.

An der Karpfengasse war er zur Welt gekommen. Im Haus zum Goldenen Hecht hat er gewohnt; oben am Giebel sieht man noch das farbige Emblem. Die Celetná Ulice lehnt sich an die Teynkirche an; wir betreten sie durch die Lauben am Altstädter Ring und stehen rechts im Gang unterhalb des merkwürdigen Fensters, das aus dem angebauten Haus direkt in die Kirche schaut, als wir J. begegnen.

J. ist ein Freund Kafkas aus dessen späteren Jahren. Aus jenem Fenster, erzählt er, habe der kleine Franz ins Gotteshaus gebildet auf die knienden Menschen, ohne zu verstehen, was dort unten vor sich gehe.