Von Gisela Gramenz

In Essen schließt nach knapp halbjähriger Dauer an diesem Wochenende die Bundesgartenschau ihre Pforten. Trotz der Ungunst der Witterung – es gab mindestens zwanzig Regentage zuviel im Vergleich mit „normalen“ Jahren – kamen mehr als fünf Millionen Besucher; das sind rund eine Viertelmillion mehr, als die Veranstalter vorher vorsichtig geschätzt hatten. Aber das festliche Finale mit riesigen bunten Herbstblumensträußen, mit Bergen von Früchten und Gemüse in der letzten Hallenschau und unzähligen Blüten im Gruga-Park wird mit fernem Donnergrollen untermalt. Es ist dazu angetan, Blütenträume andernorts zu stören: Die Stadt Frankfurt am Main, in der 1969 die übernächste Bundesgartenschau stattfinden sollte, hat kalte Füße bekommen. Der U-Bahn-Bau, so ließ Professor Brundert, der Oberbürgermeister, verlauten, koste so viel Geld, daß sich die Stadt die Schau nicht leisten könne.

72 Millionen Mark, so hat eine Sonderkommission des Magistrats errechnet, müßte die Stadt Frankfurt mindestens für die Gartenschau bereitstellen – und man weiß spätestens seit der IGA 1963 in Hamburg, daß unvorhersehbare Ereignisse leicht ein paar Millionen mehr notwendig machen. 1960, als Frankfurt sich um die Bundesgartenschau bewarb, hatte man noch von 22 Millionen Mark gesprochen, inzwischen ist freilich die vorgesehene Fläche von 46 auf etwa 65 Hektar erweitert worden, inzwischen hat die Stadt auch schon mehrere Millionen für Vorbereitungsarbeiten – Erdbewegungen, Wegebau, Pflanzungen – ausgegeben, und das Gelände in der Nidda-Aue, schon vor Jahrzehnten vom Städteplaner Ernst May als Erholungsgebiet der zukünftigen, jetzt im Bau befindlichen Trabanten-Siedlung „Nordwest-Stadt“ eingeplant, muß ohnehin in irgendeiner Form „angelegt“ werden.

Vielleicht sollten die Frankfurter Stadtväter doch noch einmal rechnen, ehe sie endgültig nein sagen. Schließlich verursacht eine Gartenschau nicht nur Kosten, sie bringt auch etwas ein, und sei es auch nur der „Zuwachs“ – im wörtlichen Sinne – an Park- und Erholungsgelände. Viele schöne Parkanlagen – vom Killesberg in Stuttgart (entstanden zur Reichsgartenschau 1939) bis zum Westfalen-Park in Dortmund (Bundesgartenschau 1959), vom Gruga-Park in Essen (Große Ruhrländische Gartenbauausstellung 1929) bis zu Planten un Blomen in Hamburg (Niederdeutsche Gartenschau 1935) und zur Karlsaue in Kassel (Bundesgartenschau 1955) –, sie alle verdanken ihr Dasein allein einer Gartenschau.

Die Stadt Essen scheint auch diesmal mit der Bilanz ihrer Gartenschau zufrieden zu sein. Auf der Habenseite steht neben dem materiellen Ertrag ein Gruga-Park, der gegenüber dem alten Gelände erneuert und um das doppelte erweitert worden ist, der mit seinen weiten Spazierwegen, seinen Blumengärten, den Aquarien, Terrarien, Pflanzenhäusern des Botanischen Gartens, vor allem aber mit den vielfältigen Angeboten zu Sport und Spiel im Freien im neuen Teil und den bei jedem Wetter benutzten Kinderspielplätzen ein in der Tat vorbildliches Erholungszentrum für Tausende von Menschen im näheren und weiteren Umkreis geworden ist. Schließlich hat Essen durch die Gartenschau das Renommee erhalten, eine Stadt zu sein, in der es sich recht angenehm leben läßt, trotz Arbeit und trotz Staub von Zechen und Hütten.

Natürlich gab es Kritik. Bemängelt wurden: allzu viel Steine und zuwenig (und zum Teil auch falsche) Pflanzen in der Sonderschau „Heim und Garten“, überhaupt der Mangel an Anleitung und Beispielen für den Bürger mit dem kleinen Garten und dem kleinen Geldbeutel; an den zuweilen überfüllten und nicht immer glücklich geordneten Hallenschauen. Das ging indessen unter in der allgemeinen Begeisterung, mit der die Essener „ihre Gruga“ in neuer Pracht in Besitz nahmen. Um die Zukunft des Parks mit den Sportstätten, den Ausstellungshallen und der großen Gruga-Halle am Rande braucht man sich keine Sorgen zu machen. Die Stadtväter haben richtig und überlegt investiert.

Zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Gartenschauen sind auch Dortmund (1959) und Stuttgart (1961). Beide konnten mit Rekord-Besucherzahlen aufwarten (es waren jedesmal 6,8 Millionen), beide gewannen eine neue, beliebte Parkanlage und andere städtebauliche Vorteile. Weniger glücklich war Hamburg mit der IGA 63, der großen Internationalen Gartenschau, die 1973 am gleichen Platz wiederholt werden soll. Diese Jahreszahl deutet schon darauf hin: Veranstaltungen solcher Art besitzen kräftige kommunalpolitische Attraktivität; die „Ausstellung“ seiber ist nur noch der „Werbeträger“ für interessantere Folgen, nämlich: für Projekte der Stadtplanung. Und man reißt sich um die Termine. Der Kalender ist bereits ausgebucht: für 1967 rüstet sich Karlsruhe, 1968 will Dortmund eine „Europa-Schau“ dazwischenschieben, 1969 sollte es Frankfurt a. M. sein, Köln hat schon im Vorjahr einen Wettbewerb abgeschlossen und ist dabei, die Planungen für 1971 auszuarbeiten.