London, im Oktober

Die Woche ergebnisloser Verhandlungen zwischen der rhodesischen Regierungsdelegation und der Londoner Zentrale hat Pessimismus zurückgelassen – aber dennoch wurden nicht alle Türen zugeschlagen.

In drei Unterredungen mit Premierminister Wilson und zwei Treffen mit der britischen Opposition hat Premierminister Smith über folgendes Klarheit erhalten: Die Londoner Regierung nimmt eine einseitige Unabhängigkeitserklärung Rhodesiens nicht hin, und auch die Konservativen verurteilen ihn. Lediglich über die Sanktionen, die einem solchen Schritt folgen würden, haben Wilson und Heath unterschiedliche Auffassungen. Smith wird jedoch gut daran tun, diese Differenzen nicht als den Hebel zu betrachten, mit dem er die ganze englische Position aus den Angeln heben könnte. Heath muß als frischgebackener Parteichef, der unmittelbar vor seinem ersten Parteitag steht, die unverdrossenen Rechten, die Empire-Loyalisten und „Haltet-England-weiß“-Politiker in den eigenen Reihen ebenso beachten wie die liberalen Vorkämpfer für Selbstbestimmungsrecht und gleiche Wahlchancen der Schwarzen. Im übrigen wird es nicht Lord Salisbury – mit dem Smith ein einmütiges Lunch-Gespräch hatte –, sondern das Kabinett Wilson sein, das solche Sanktionen zu entscheiden hat.

Die Regierung würde diese Entscheidung nicht leichten Herzens treffen. Außer einem militärischen Eingreifen, das völlig ausgeschlossen ist – Engländer schießen nicht auf Engländer –, gibt es keine wirklich erfolgssichere Maßnahme. Die rhodesischen Guthaben in London könnten eingefroren, das rhodesische Pfund nicht mehr akzeptiert werden. Die Kredite könnten versiegen und die britischen Tabakimporteure angehalten werden, die neue rhodesische Ernte nicht mehr zu kaufen. Was würde sich ändern? Mit der Wirtschaft des jungen Staates ginge es sicher bergab (was sich auf die begüterten weißen Farmer jedoch zuletzt auswirken würde), die Regierung von Salisbury geriete in größere Unabhängigkeit zu Südafrika und die britischen Zigarettenraucher würden, im Laufe des Winters einen allmählichen „Aromawechsel“ registrieren.

Alles andere wäre eine Strafe, die den ungezogenen Schüler nur noch trotziger, aber nicht gefügig machen würde. Und ein zusammenbrechender Boykott könnte der Regierung Wilson mehr schaden als er zuvor die Regierung Smith belastet hätte.

Nun stehen aber der britischen Warnung die teilweise recht massiven Drohungen aus der farbigen Nachbarschaft Rhodesiens zur Seite. Man hat sie in London gar nicht so gern gehört. Würden sie in die Tat umgesetzt, müßte die Initiative den Engländern aus der Hand gleiten. Das will Wilson unter allen Umständen vermeiden. Er kann zwar nicht an der Spitze der Schwarzen gegen die Weißen in Rhodesien vorgehen, aber er darf mit seinen Sanktionen auch nicht allzu sehr hinter denen des Commonwealth zurückbleiben.

Im ersten Fall muß er schwere innenpolitische Feindseligkeiten befürchten. Der Tag, an dem die erste Schiffsladung weißer Rhodesien-Flüchtlinge am Pier von Southampton photographiert würde, brächte die Regierung in eine tödliche Vertrauenskrise. Im zweiten Fall könnte Wilson alle Hoffnung aufgeben, von den farbigen Premierministern des Commonwealth weiterhin als primus inter pares akzeptiert zu werden. Wenn London in Britisch-Guayana den Ausnahmezustand verhängt, muß auch in Rhodesien eine Rebellion als Rebellion behandelt werden.