Im Frühjahr 1953 giündete ich in Paris die Olympia Fress. Wenn es je einen finanziellen Balanceakt gegeben hat, dann war es dieses Unternehmen. Kühn entschlossen wollte ich alles auf eine Karte setzen, um dem völligen gesellschaftliche! und wirtschaftlichen Ruin zu entgehen. Während der drei vorangegangenen Jahre hatte ich ein ungewis es, untätiges Leben geführt und versieht, den gewaltigen Schlag zu verwinden, der mir durch den Zusammenbrach — oder besser durch die Enteignung — meines ersten Verlages im Jahre 1950 versetzt worden war. In dieser finsteren Zeit schleppte ich mich, der reinste Landstreicher, von Zimmer zu Zimmer, eins immer trostloser al? das andere, und mit dem bißchen Erergie, die mir geblieben war, brütete ich mit kläglicher Aussicht auf Erfolg über hochfliegenden Plänen, wie nan sich Geld leihen oder sonst irgendwie beschaffen könnte. Mein einziger Gefährte war mein Bruder Eric, dem es nicht viel besser ging als mir; aber r war siebenundzwanzig, und ich war vierunddreißig, und ich fühlte mich grenzenlos senil. Er war wenigstem noch Manns genug, um auf einem Spiritusbrenner traurige, kleine Mahlzeiten zu kochen, mit denen wir uns von einem Tag zum ändern auf den Beinen hielten. In Paris englischsprachige Bücher zu verlegen, Bücher, die siii leicht verkaufen ließen, weil sie zu der Kategorie "Nicht zum Verkauf in den USA oder im Vereinigten Königreich" gehörten, erschien mir an einem bestimmten Punkt der einzig mögliche Weg, Geld zu machen und trotz fehlendem Kapital einen neuen "Verlag aufzubauen.

Mein Vater, Jack Kalane, hatte in den dreißiger Jahren ebenfalls ein eigenes Verlagshaus gegründet, die Obelisk Press. Mein fremdschaftliches Verhältnis zu Henry Miller, der die bedeutendste literarische Entdeckung meines Vaters gewesen wir, hatte nicht gelitten. Henry würde nir mit einem seiner unveröffentlichten Manuskripte sicherlich auf die Beine helfen; nur wenige Jahre vorher, 1147, hatte ich mich gehörig für ihn in die Bresche geworfen. Meine andere Hoffnung waren einige befreundete Drucker, die versprochen hatten, mir aaf die ersten Bücher, die ich bei ihren m Druck jeben würde, Kredit zu geben.

Aber wenn ich hier fcuiz die Geschichte der Olympia Press erzählen will, dann muß ich schon mit dem Anfang anfangen, nämlich mit den Erfahrungen meines Vaters in den dreißiger Jahren.

Mein Vater, ein jüdischer Gentleman aus Manchester, wurde 1888 als einer von drei Brüdern geboren, die nach neun Schwestern kamen. Seine Familie war vermögend, aber durch das frühe Ableben meines Großvaters zerrann der Familienbesitz bald in nichts. So wurde aus dem Kind, das von goldenen Tellern gegessen hatte, ein armes Waisenkind; mein Vater besuchte keine Universität, aber er erwarb sich ein ungewöhnliches Verständnis für Theater, Literatur und Musik, worin er sich mit großem Enthusiasmus selbst versuchte. Er machte ein hübsches Vermögen; erregte Aufsehen bei den Damen, war ein Fachmann für eleganten Lebensstil und Herr über sieben Bulldoggen und fünfzig Paar Hosen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs fiel mit einer schweren seelischen Krise m seinem Leben zusammen. Er gab alles weg, was er besaß, und entschloß sich, freiwillig aus dem Leben zu gehen; aber anstatt unverzüglich zu sterben, entdeckte er durch ein Fernrohr von den Höhen der grau weißen Klippen um Marseille eine neue Nuance dieser Welt, die er noch nicht verlassen sollte — eine sprudelnde, charmante, pikante, junge französische Bürgerliche, Marcelle Eug£nie Girodias, die er drei Jahre später, im Jahre 1917, heiraten sollte, nachdem er die Hölle von Ypern und so manches, was danach kam, glücklich überstanden hatte. Im Frühjahr 1918 erblickte ich als Sohn dieser Entente Cordiale im Zeichen des Widder mit dem Aszendenten im Löwen im weichen Komfort der großelterlichen Wohnung in der Avenue du Bois, jetzt Avenue Foch, das Licht dieser Welt. So verbrachte ich meine ersten Jahre im sanften Luxus von Draperien und Spitzen, Samt und Vergoldungen, Louis XV Möbeln und chinesischer Kunst, in üppigen Düften von Sonntagsbraten und Wolken von Lavendel, die aus den Wäschekommoden drangen. Tief unten auf der mit hohen Bäumen bestandenen Allee schoben rotbackige Kindermädchen aus der Auvergne oder aus der Bretagne Frankreichs Hoffnung in Kinderwagen vor sich her, unter ihren Häubchen hervor verstohlene Blicke auf Bilderbuch Soldaten werfend; schneidige Reiter marterten ihre Pferde einer blassen Schönheit zuliebe, die sich geheimnisvoll im Schatten eines rüschenbesetzten Sonnenschirms verbarg.

Deutsches Giftgas hatte die Lunge meines Vaters ruiniert, kurz nach meiner Geburt wurde er schwer krank. Tuberkulose war zu jener Zeit eine ebenso erschreckende und tödliche Krankheit wie heute Krebs; das einzige bekannte Heilmittel war damals frische Gebirgsluft, und wie durch ein Wunder, auch dank der Pflege meiner Mutter, kam mein Vater durch. Danach zwang uns allerdings seine langwierige Rekonvaleszenz, auf dem Lande zu leben, und so verbrachte er die Nachkriegsjahre weitab vom Tagesgeschehen. Zweifellos zum Ausgleich dafür begann er, leichte, meist recht witzige Romane zu schreiben mit Titeln wie "To Laugh and Grow Rieh", "Suzy Falls Off" und so weiter. Sein Verleger, Grant Richards, machte bankrott. Mein Vater hatte einiges Geld in einen kleinen französischen Verlag gesteckt, und auch mit dem gings zu Ende. Dann kam in Frankreich die Depression der dreißiger Jahre, und nun verlor auch mein Großvater über Nacht sein ganzes Geld, wovon er nicht wenig gehabt hatte. Das Haus meiner Kindheit, das poetische Chateau du Fond des Forets mit all seinen Erinnerungen, mußte für einen Bruchteil dessen, was es an Träumen und Geld wert war, an eine französische Familie von primitiven Neureichen verkauft werden, die nicht zögerte, auf den gepflegten Rasenflächen Kartoffeln zu pflanzen. Zum Glück brannte das Haus wenige Jahre später nieder.

Mein Vater war bis dahin wieder leidlich auf den Beinen. Wir ließen uns in Paris nieder. Er entschloß sich, seine eigenen Bücher zu verlegen und ging eine Partnerschaft mit einem französischen Drucker ein. Das erste Buch, das er unter dem Impressum der Obelisk Press herausbrachte, war eines seiner eigenen, "Daffodil", die erfrischende, hübsch erzählte Geschichte einer jungen Dame, die ihre Tugend in Etappen verliert, was jahrelang guten und regelmäßigen Absatz bei eifrig bemühten, naiven Touristen fand.

England war in jenen Jahren noch so durch und durch viktorianisch und so unbegreiflich prüde. Mir ist unverständlich, wie eine ganze Generation von Männern, die den härtesten Krieg durchgestanden — und gewonnen — hatten, auf dem Niveau von Schulkindern gehalten und sich von alten Jungfern und Polizisten mit Melone vorschreiben lassen konnten, was sie zu lesen und was sie nicht zu lesen hätten. Mein Vater war endgültig in ein Land emigriert, wo Freiheit kein leeres Wort war, und ich frage mich, was ihm wohl geblüht hätte, wenn er jemals nach England zurückgekehrt wäre. Er war angewidert von diesem "beinahe hysterischen Konformismus einer Gesellschaft, die D. H. Lawrence mit Schmutz bewarf und die Moralschnüffler auf ihn hetzte.