Ich glaube, es war bei der Osterversetzung von 1909, und ich war wohl gerade Untertertianer geworden, als anläßlich der Verabschiedung einer Abiturientenklasse in der Turnhalle des (damals) „Neuen Gymnasiums“ zu Mainz – heute heißt es „Rhabanus-Maurus-Gymnasium“ – eine Schulfeier veranstaltet wurde, bei der sämtliche Gymnasialklassen anwesend waren.

Das war im allgemeinen bei den beiden Mainzer Gymnasien nicht der Brauch. Die Abschiedsfeier einer Klasse von Abiturienten, die, wie man so sagte, nun „ins Leben hinaus traten“, war durchweg eine Angelegenheit der Schüler und ihrer Klassenlehrer unter sich.

Diesmal mußte es sich um einen besonderen Anlaß gehandelt haben, der mir nicht mehr in Erinnerung ist; vielleicht ging es darum, daß sich mit dieser Klasse ein ungewöhnlicher Schüler verabschiedete, der uns Jüngeren als anfeuerndes Beispiel vorgestellt werden sollte, und dieser ungewöhnliche mulus (wie man die jungen Leute zwischen der Schulentlassung und der akademischen Immatrikulation zu nennen pflegte) hielt eine Rede, an deren Inhalt ich mich natürlich auch nicht erinnern kann. Ich weiß nur, daß sie mir einen ungeheuren Eindruck machte – kaum ihres Inhalts und der lateinischen und griechischen Verszitate wegen, die sie enthielt; vielmehr durch die Persönlichkeit und die Erscheinung des Redners.

Der aber war unser Eppels. Ein schlanker, junger Mann damals, nicht über Mittelgröße, mit einem Kopf, der aufs markanteste von dem des Durchschnitts abstach: wulstige Lippen, eine fleischige, breit aufgestülpte Nase, ein dichter, schwarzer, negroider Haarstrupp, der die Stirn nicht besonders hoch erscheinen ließ, starke dunkle Augenbrauen, darunter verhältnismäßig kleine, vermutlich auch dunkle (heute kommen sie mir größer und heller vor), scharf blickende Augen.

So schaute nicht jeder mulus aus, und so sprach nicht jeder: mit selbstgewisser, knarrender Stimme, metrisch akzentuiert, dabei mit unverkennbar rheinhessischem Tonfall: Er rollte das Rrrr, wie man es in der Capitale Mainz selber nicht gewohnt ist, eher auf dem Land, im Innern der napoleonischen Province Mont-Tonnere, dem rheinhessischen Hügelland, aus dem er stammte.