Zu Agnès Vardas „Le Bonheur“

Von Uwe Nettelbeck

In der Nähe von Paris, in Fontenay, lebt Francis, ein junger Kunsttischler, mit seiner Frau Therese und seinen zwei kleinen Kindern ein glückliches und geregeltes kleinbürgerliches Leben. Er liebt seine Familie und seine Arbeit, den Sommer und den nahen Wald, er hat nette Verwandte und einen netten Chef, die Sonne scheint immerzu, und überall sind Blumen. Samstags geht er tanzen, sonntags zum Picknick, er herzt seine Kinder, und er herzt seine Frau, ist nett zu allen, und alle sind neu zu ihm.

Eines Tages trifft François Emilie, ein Mädchen von der Post, die zugezogen ist. Er verliebt sich in sie, schläft mit ihr und hat somit zwei Frauen. Das Leben gefällt ihm noch besser als vorher, noch immer ist Sommer, noch immer sind überall Blumen. In der Woche liebt er Emilie, samstags tanzt er mit beiden, der Sonntag gehört wie eh und je Therese und den Kindern, dem Picknick und dem Wald.

An einem dieser Sonntage erzählt er Therese von seinem verdoppelten Glück. Voll Freude und Teilnahme hört Therese ihn an, gibt sich ihm im Grase hin – dann geht sie stillschweigend ins Wasser. Gelbe Blumen schmücken ihr Grab, die Verwandten sind so nett, die Kinder zu sich zu nehmen. Zur Ferienzeit fährt François mit der Familie und den Kindern an die Loire; ehe es Herbst wird, kehrt er zurück, um zu heiraten. Noch ist es nicht zu kalt, um am Sonntag in den Wald zu fahren – Emilie wird den Kleinen eine gute Mutter und François eine gute Frau sein.

Der Film, der diese Idylle scheinbar arglos entwirft, ist der zweite lange Spielfilm der Französin Agnes Varda – „Le Bonheur“ (Das Glück). Er beginnt mit einem Sonnenblumenfeld und Mozart, über eine Wiese jenseits der Sonnenblumen wandern François, Therese und die Kinder – mit Mozart und einem prächtiggoldbraunen Herbstwald endet er, François hat Emilie an der Hand, zweigwedelnd und vergnügt trotten die Kinder hinterher: Ein Unglück hat sich ereignet und ist vergessen worden, höhnisch zeigt Agnes Varda, daß die Welt heil geblieben ist – die Welt der Männer.