Von SybilGraf in Schonfeldt

Sie ist nicht nur eine der letzten, sie ist tatsächlich die letzte, die ganz und gar, aus eigener Erfahrung und eigener Entscheidung, die Welt „der Gesellschaft“ zum Nährboden ihrer Romane macht. „Der Gesellschaft“, das heißt: der Familien, die vor 1914 letzte Repräsentanten europäischen Glanzes und erste Repräsentanten amerikanischen Geldes waren, alle aber Repräsentanten einer kultivierten, immer beherrschten, vom Leben und vom Leben der Leute unendlich weit entfernten Existenz

Geld, Palaste, Contenance und Anmut, das bezeichnet die Kulisse, vor der die Geschichte einer Ehe zwischen einem eleganten, aber nicht sehr reichen römischen Principe und einer stolzen und schonen, aber ziemlich reichen amerikanischen Erbin spielt –

Sybille Bedford: „Ein Liebling der Götter“, Roman, aus dem Englischen von Elizabeth Mayer; Winkler-Verlag, München, 361 S, 19,80 DM.

Es geschieht wie in einem Salonstück fast alles, was in einer solchen Ehe zu geschehen hat, und es ist faszinierend zu verfolgen, wie Sybille Bed ford durch ihren disziplinierten Stil, durch knappe, geistieiche Dialoge, durch Understatement (die Szenen bricht sie Sekunden nach ihrem Höhepunkt abrupt ab) aus dem Salonstück eine glitzernde, leuchtende Charakterstudie macht

Die amerikanische Erbin bezieht den Palazzo, bezaubert die römische Gesellschaft und sammelt die internationalen Berühmtheiten ihrer Zeit um sich Der Principe betrügt sie mit seiner Cousine, sie rettet sich in die Grazie einer Haltung, die sie anderen römischen Ehefrauen abgeschaut hat und in der sich allmählich Als-ob und Wirklichkeit wie glatte und stumpfe Seide beim Damast mischen Sie erzieht ihre Tochter in methodischer Verwonenheit, hegt einen platonischen Geliebten, verbricht dann den Käfig der eigenen Beherrschtheit, tobt vor Eifersucht, verlaßt den Fürsten, lebt überall und liegt wie cm goldener fürchterlicher Alptraum auf dem Leben der Tochter, die in den zwanziger Jahren einen jungen Engländer heiratet

Die Ehe endet in einer eleganten Scheidung, und die Tochter braucht Jahre, um endlich selbst sehen und Dinge unter scheiden zu lernen, ohne daß doch dieser Prozeß der Loslösung und Be freiung in Ablehnung oder Protest endet

Diese Geschichte aus der Gesellschaft ist – bei einer deutschen Autorin fast undenkbar – vollkommen unsentimental, frei von der berühmten Sehnsucht nach Gestern, das sie für unsterblich erklärt, wenn man imstande und willens ist, seine Essenz zu erkennen und so umzugestalten, daß der Duft nicht verfliegt