Hat sich das Bild verändert, das sich die Welt von der Persönlichkeit des Papstes macht? Seit vierundzwanzig Monaten regiert Paul VI. die katholische Kirche. Und zuerst schien es, als müsse der Schatten, den Johannes XXIII. warf, die Figur des neuen Pontifex Maximus verdunkeln. Welche Gegensätze! Dort der schlichte Mann, der alle Eigenschaften in sich vereinte, volkstümlich zu werden: das Genie, Weltwandel vorauszusehen, den Mut, unerschrocken auf dem Weg in die Zukunft voranzugehen, die Fähigkeit, hohe Gedanken einfach auszudrücken, Vitalität, Herzensgüte und nicht zuletzt Humor.

Hier aber die fragile Gestalt seines Nachfolgers auf dem Stuhl Petri: schüchtern, fast ängstlich. Kein Wort der Freude, erst recht nicht des Triumphes, kam über seine schmalen Lippen, als er vernahm, daß sich die meisten Stimmen der neunundsiebzig im Konklave versammelten Kardinäle auf ihn, den Erzbischof Giovanni Battista Montini von Mailand, vereinigt hatten. „Ich bin mir meiner Grenzen bewußt“, so sagte er, „und dies Bewußtsein ist geradezu eine Qual.“ Und ein anderes Mal die Klage: „Oh, wie schwer wiegen die Schlüssel des Heiligen Petrus in meinen schwachen Händen!“

Diesen sensiblen, zögernden, selbstkritischen, „superintellektuellen“ Papst – erkennt man ihn noch wieder in dem „Mann in Weiß“, der mit großer Würde und fast eleganter Selbstsicherheit zu den Delegierten der UNO sprach?

Nicht, daß er die Anstrengungen der Reise über den Atlantik gefürchtet hätte. Montini, der lange Jahre die Außenpolitik des Vatikans geleitet hat, ist viel gereist. Und die Halsentzündung, die er infolge des Klimawechsels von seinem Amerika-Flug zurückbehielt, hat ihn nicht gehindert, sogleich in Rom zu den Konzilsvätern zu sprechen.

Anscheinend hat der Trubel von New York ihn nicht im geringsten befremdet. Der „Mann in Weiß“ (so haben die Amerikaner ihn genannt) bot nicht nur eine Sensation. Seine geistlichen Worte, die er in dem gigantischen Glaspalast von Manhatten zu den Vertretern der Vereinten Nationen sprach, um sie zu ermutigen in ihrem Werk, den Frieden zu erhalten, vielmehr: den Weltfrieden erst zu gewinnen, waren politische Worte. Und es wurde ihm geglaubt.

Übrigens hatte schon Johannes XXIII. diese Organisation – so viele Schwächen ihr innewohnen mögen – gepriesen, wobei die Vorstellung einer friedlichen Koexistenz der Völker ihm nicht genügte: nein, brüderliche Zusammenarbeit hatte er gefordert; darum hatte er gebetet.

So verschieden sich die Persönlichkeiten der beiden Päpste nach ihrer Lebensart und ihrem Temperament den Blicken darbieten, so sieht man doch mehr und mehr ein, daß es sich bei dem einen wie dem anderen um dieselbe Haltung gegenüber der sich unablässig wandelnden Welt handelt. Es ist ein „In-der-Zeit-Stehen“, das bei Paul VI. sich sogar in den Äußerlichkeiten seiner Lebensführung zeigt.