Auf einem Schimmel werde eines Tages Adrian Menderes, der 1960 gestürzte und später hingerichtete türkische Ministerpräsident, zu seinem Volk zurückkehren. Davon sind noch heute viele Bauern in Anatolien felsenfest überzeugt.

Diesen Glauben machte sich die Gerechtigkeitspartei zunutze, die das Vermächtnis jenes reformfreudigen Politikers in Erbpacht genommen hat. Ein Schimmel wurde ihr Symbol. Und der Schimmel trug sie zum Sieg. Bei der Parlamentswahl am Sonntag eroberte die Gerechtigkeitspartei mehr Sitze als alle anderen Parteien zusammen.

Der Wahlsieg war das Verdienst des 41 Jahre alten Parteiführers Suleiman Demirel, eines in den USA ausgebildeten Ingenieurs. Erst vor einem Jahr hatte er den Parteisitz übernommen. Seit dem Frühjahr war er stellvertretender Regierungschef in dem Koalitionskabinett, das die Regierung des greisen Volksparteiführers Inönü abgelöst hatte. Die Anhänger Inönüs, die das Erbe des Staatsgründers Kemal Atatürk verwalten und sich links der Mitte angesiedelt haben, erhielten diesmal nur knappe 30 Prozent der Stimmen.

Demirel: verficht ein liberales Wirtschaftsprogramm. Das Bündnis mit dem Westen will er fortsetzen, gleichzeitig jedoch die wirtschaftlichen Beziehungen zum sowjetischen Nachbarn noch verstärken.

Weit abgeschlagen mit kaum drei Prozent aller Stimmen blieb bei der Wahl die neue türkische Arbeiterpartei auf der Strecke. In den Wahlversammlungen hatte sie einen starken Zulauf gehabt, weil sie ihre Propaganda mit Ausfällen gegen die USA würzte, die seit der Krise um Zypern in der Türkei viel an Sympathien verloren haben.

Aber die türkischen Wähler wußten zwischen Außen- und Innenpolitik zu unterscheiden. Außer bei einigen Intellektuellen und städtischen Arbeitern fand die Arbeiterpartei mit ihrem marxistischen Programm keinen Anklang.