Die Schweizer Wirtschaftsstrategen sind seit kurzem um eine Erfahrung reicher, aber um sehr viel Prestige ärmer geworden. Die restriktiven Maßnahmen, die nun schon vor eindreiviertel Jahren eingeleitet wurden und ursprünglich als „Maßnahmen zur Bekämpfung der Teuerung“ etikettiert worden waren, haben ihr Ziel verfehlt. Der schweizerische Lebenshaltungs-Index, der die Entwicklung der Kleinhandelspreise der Bedarfsgüter und Dienstleistungen eines Durchschnittshaushaltes erfaßt, ist schon in den ersten neun Monaten dieses Jahres um vier Prozent gestiegen – und das ist ein volles Drittel mehr als in der gleichen Vorjahresperiode.

Es läßt sich nicht mehr abstreiten: Die Teuerung hat sich auf Grund der dirigistischen Eingriffe nicht verlangsamt, sondern im Gegenteil beschleunigt. Zwar hat die Zahl der Konkurse zugenommen, und die Binnenkonjunktur zeigt Ermüdungserscheinungen. Aber die Preise steigen unaufhörlich weiter, und ein Ende ist vorläufig nicht abzusehen.

Der Durchschnittsschweizer, der die Beteuerungen über die Wirksamkeit der dirigistischen Staatseingriffe für bare Münze genommen hatte, findet die Erklärung für diese Entwicklung – falls er nicht bereit ist, an die Unfähigkeit der verantwortlichen Behörden zu glauben – nur noch im Reich der Sage: Der Teuerungshydra, so hört man etwa, wachsen mehr Köpfe nach, als ihr abgeschnitten werden. Die Konjunkturpolitik des Bundes ist in den Augen vieler ein trojanisches Pferd, dessen Rumpf nichts als Unheil entsteigt und das Ilion zum Hinsinken bringen wird.

Bis vor wenigen Wochen war man freilich weitherum bereit, der massierten Wirkung von Kreditrestriktionen, Abwehr von Auslandsgeldern, Bewilligungspflicht für industriell-gewerbliche und private Luxusbauten und Abbau der Gastarbeiterbestände erhebliche Vorschußkredite zu gewähren. Die Mehrheit der Stimmbürger, die den staatlichen Maßnahmen am 28. Februar dieses Jahres ihren Segen erteilt hatte, glaubte sich diese Haltung allein schon aus Prestigegründen schuldig zu sein. Den offensichtlichen Mißerfolg bei der Dämpfung des Preisauftriebs erklärte man sich bereitwillig damit, daß die Maßnahmen vorerst nur im Investitionsgüterbereich wirken würden und später mit einer zeitlichen Phasenverschiebung auch die Konsumentenpreise beeinflussen könnten. Bei der Abstimmung von Ende Februar hieß es etwa, diese Phasenverschiebung betrage 12 oder 18 Monate.

Nun – diese Zeit ist vorbei, und noch immer macht sich keine Dämpfung der Preise bemerkbar, um derentwillen man letzten Endes die Notbremse zog. Ja, mehr denn je wird der Bevölkerung klar, daß diese Dämpfung vermutlich überhaupt eine Fata Morgana bleiben wird. Was gedämpft worden ist, das ist allein die gute Konjunktur, das Wachstum der Wirtschaft. Der grundlegende Irrtum lag darin, zu glauben, eine Drosselung der Konjunktur würde automatisch auch den Preisauftrieb drosseln. Das wäre vielleicht vor dreißig oder vierzig Jahren noch richtig gewesen, fällt heute jedoch ins Reich veralteter Theorie; denn die überall in der Wirtschaft vorhandenen Stabilisatoren und Überwälzungsmechanismen wirken wohl, wenn es um Preiskorrekturen nach oben geht, nicht aber dann, wenn eine Verbilligung oder auch nur Stabilisierung erreicht werden soll.

Einmal hat die Beschränkung der Kredit-Zuwachsraten und die Fernhaltung der Auslandsgelder vom Schweizer Markt zu steigenden Zinsen geführt, was überall dort, wo die Zinsen als Kostenfaktoren wirken, der sogenannten Cost-push-lnflation Auftrieb verleihen; mußte. Darunter leidet insbesondere die Wohnungswirtschaft, die sprunghaft angestiegene Hypothekarzinsen auf die Mieter zu überwälzen sucht, und die in der Schweiz traditionell stark verschuldete Landwirtschaft.

Daneben wirkt sich heute auch der Umstand aus, daß das erste Jahr der umstrittenen Dämpfungsbeschlüsse ganz unter dem Zeichen ziemlich unverblümter Abstimmungstaktik gestanden hatte. Bundesrat und Nationalbank wollten nach einjähriger Notstandspraxis einen „Erfolg“ ihres Handelns vorweisen, da sie glaubten, sonst keinen positiven Volksentscheid herbeiführen zu können. Das aber war ihnen nur möglich, indem sie ganz einfach mogelten.