uchmesse 1965 Was auch immer sie an Sensationen und Sensationdien, Gerede und Gerüchten bringen mag, soviel ist sicher auf die stolze Statistik des Borsen>erems, wie viele Nationen, wie viele Verlage diese illustre Schau des Geistes und des Papiers beschicken, wird wieder ein dumpfer Chor der Kommentatoien und Glossisten antworten: Babylon, Babylon Jahr für Jahr bestätigt die Buchmesse denjenigen Freund der Literatur, der Melancholia in seinen Wappenschild gewählt hat — und wer m der Welt der Buchhändler, der Autoren, der Literaturredakteure, der Rezensenten, der Sammler und Liebhaber sieht sich nicht unter diesem Zeichen 5 Selbst die Verleger marschieren nur schamhaft abgewandten Blickes die Straße der Überproduktion entlang, mit der geheimen Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt der Bucher Es wird zuviel gedruckt, und zumeist das Falsche Es wird mit immer ruderen Methoden der Bestseller kreiert, es wird nicht mehr zaghaft für das Gute geworben, sondern schamlos für das Gangige getrommelt Auf dem Schlachtfeld der zweihundert mittleren und großen Verlage kommen die kleinen (und dies sind weit über tausend) unter die Fuße Die Börse der Übersetzungs- und Lizenzrechte hat weiterhin ungesunde Hausse. Und es wird an dieser Statte des Schonen und Wahren soviel gelogen, geheuchelt und hochgestapelt wie nicht einmal in der Politik, wie nicht einmal im Wahlkampf Hat aber solches Lamentieren nicht selber Anteil an der Heuchelei Ist es nicht schon zur Pose geworden — eitle Betonung des Abscheus, wo es eist einmal um das Begreifen dessen ginge, was da voiliegt Eine verbreitete Art moderner Kulturkritik denunziert prinzipiell die Erscheinungsformen der Gegenwart und holt sich dafür die Maßstabe aus einem vergoldeten Gestern Ihr Merkmal ist, daß sie soziale Dimensionen gerne ignoriert Sie setzt unausgesprochen ein aristokratisches Gesellschafts- und zumal Bilduftgsideal voraus Hier wird eine geheime Aristokratie der Bes>erwissenden offeriert, der sich jeder zugehörig fühlen kann, sofern er dem Kritiker der schlecrten Zeiten und Verhaltnisse zustimmt — was nan dann nur zu gerne tut Aber Bucher sind eines nicht: die privilegierte Domäne einer begrenzten Schicht von konservativen Liebhabern, die über Bildung verfugen wie über ein Bankkonto. Sie sind, ihrer Erfindung und Funktion nach, schlicht ein Kommiinikationsmedium und damit etwas, das im sozialen Raum lebt und wirkt und notwendig Anteil hat an allen Prozessen, die sich in ihm vollzielen Wer sie da heraushalten, sie "retten" mochte, tut ihnen mehr Unrecht an als der, der respek los allein auf ihren Warencharakter spekuliert Früher — heute das ist in der Kritik allzuoft der Komparativ des Schlechten Früher gab es eine bestimmende Konsumentenschicht recht homogener Art, nämlich die "besseren Krei>e" Wer ein Haus oder eine Wohnung in repräsentativer Gegend, wer Dienstpersonal und ein Bankkonto hatte, wer im Urlaub ms Gebirge oder an die See fuhr und seine Kinder studieren ließ, der hatte m der Regel auch eine Bibliothek An den Kunden dieser Schicht wußte dei Buchhandler, was er hatte. Er hatte daneben vielleicht noch den einen oder anderen bildungsbeflissenen jungen Handwerker (aber der lehnte sich geschmacklich an den Kanon des Burgers an) und außerdem quer durch die Gesellschaft die Konsumenten der ewigen Trivialliteratur Trotz aller Geschmacksunterschiede, die es nach Generationen und nach Standen gab, konnte man von Llalen Verhaltnissen sprechen — damals, als 4er Begriff "die Gesellschaft" überhaupt nur e ne wohlerzogene, selbstbewußte kleine Obeischicht des Adels und des besitzenden, gebildeten Bürgertums meinte und der große Rest "im Dun kein saß" Von daher stammen die Maßstabe, die sozialen Landkarten, die heute noch viele verwirren, weil sie auf die Gegenwart nicht mehr passen Heute fahrt em Bucherleser, Buchersammlei Mercedes, Isetta oder Straßenbahn Tragt er Maßanzuge oder Blue jeans und Pullover dert ei im Urlaub m der Eifel, oder fliegt er nach Mallorca jedei Versuch, noch einen Zusammenhang zwischen Lebensstandard, Lebensstil und dem Verhältnis zum Buch herzustellen, muß mißlingen Sicher hat ein typischer Buchleser uallermeist höhere Schulbildung — aber wie viele haben sie und sind dennoch keine Leser 5 WanSelbst Akademiker sind nicht unbedingt Besitzer wachsender Budierschranke, wie Umfrageergebmsse erweisen. Hochqualifizierte Vei treter der technischen Intelligenz, das heißt einer Fuhrungsehte von großem Einfluß in unserer Gesellschaft, sind oft m einem Maße "unliteransch", das den Bucherfreund erschreckt Den selbstverständlichen bürgerlichen Habitus, mit Buchern zu leben, gibt es jedenfalls nicht mehr Der Buchhandel, der auch sein kleines Wutschaftswunder erlebt hat, belegt durch seine Umsatzentwicklung der letzten Jahre andererseits, daß es heute mehr Leser gibt als je zuvoi in diesem Land Aber wer sie sind, warum gerade sie es sind und nicht andere, das weiß niemand Nachdem die äußeren Bedingungen für den Umgang mit Buchern — genügendes Einkommen, genugende Freizeit und eine gewisse Vorbildung — Besitz der Mehiheit geworden sind, ist der Typus des Lesers m der Gesellschaft so schwer auszumachen wie die Figur m einem Vexierbild Hand m Hand damit geht — und dies ist das eigentlich Verwirrende — die Auflosung herkömmlicher, an soziale Gruppen gebundener Onentierungssysteme des Geschmacks und der literarischen Wertung Was nur immer gedruckt wird, findet auch seine Leser neuentdeckte Klassik und biedere Konvention, zorniges politisches Engagement und pures ästhetisches Experiment, Erbauliches und Schockierendes, Albernes und Hochproblematisches Was aem einen Kunst ist, ist dem anderen Pornographie (Grass), was der eine modern nennt, lehnt der andere schon als alten Hut ab (Ingeborg Bachmann) Meinungen und Geschmacker der unterschiedlichsten, gegensätzlichsten Art begegnen sich vor dem Ladentisch des Buchhändlers, ohne doch klare Fronten zu bilden Auch sie ergeben ein diffuses, vom Anschein der Zufälligkeit beherrschtes Gesamtbild. Die meisten Buchhändler reagieien auf diese Situation mit einer Unsicherheit und Ratlosigkeit, die ihnen niemand verdenken kann Zwar sieht jeder em, daß es auch im Haus der Literatur viele Wohnungen gibt und geben muß, aber diese Vielfalt der Geschmacksrichtungen so unparteiisch und überlegen zu überblicken, wie man es vom Buchhändler erwartet, und doch noch eine Orientierung zu behalten — das übersteigt leicht die Fähigkeiten eines einzelnen Menschen. Im standigen Dilemma zwischen der Notwendigkeit, ein "Sortiment" zu fuhren, das zwar nicht alles, aber doch das Wesentliche aus allen Gattungen und Richtungen der Literatur enthalt, und der ebenso notwendigen wertenden Auswahl und eigenen Urteilsbildung sehnen sich viele Buchhändler zurück nach Zeiten, da die Verhaltnisse — das Angebot der Verleger wie die Nachfrage der Kunden — klarer und überschaubarer waren. Angstlich klammem sie sich an die bescheidenen Reste solcher Ordnung, an die gemäßigte Mittellage bürgerlichen Leseinteresses, hinter der noch eine gewisse Kundenmehrheit steht Diese Haltung entfremdet dem Buchhandel aber gerade die jüngere Leserelite, wo es eine solche, etwa unter den Studenten, gibt, in ihren Augen ist der Sortimenter zumeist altmodisch, bieder, wo nicht geradezu spießig und beschrankt Unsicher und hilflos reagiert der Buchhandel auch auf die andere soziale Erscheinung, die ihn angeht, auf die enorme Erweiterung (es ist eine Vervielfältigung) semer potentiellen Kundenschicht und die immerhin auch feststellbare Eiweiterung der tatsächlichen Buchkauferkreise Als Kaufmann ist er zufrieden, wenn "die Kasse stimmt" (und infolge von Strukturanderungen stimmt sie in vielen kleineren, m Vor- und Klemstadtbuchhandlungen nicht einmal), aber er verhalt sich auch hier konservativ und reagiert nur defensiv auf neue Entwicklungen Sicher, bestenfalls "wirbt" er ja auch — er bastelt Schaufensterdekorationen, er versendet Weihnachtskataloge, er veranstaltet einmal eine Autorenlesung Aber ist das die Antwort auf eine vollständig neue gesellschaftliche Situation, in der die gesicherte Stellung des Buches einerseits sehr bedroht ist — und m der es andererseits große neue Verbreitungschancen hat Daß heute nicht mehr nur eine kleine Minderheit, sondern die große Mehrheit über die äußeren Voraussetzungen verfugt, Bucherleser sein zu können: mußte das nicht in den Augen derer, die Literatur heben, und vor allem auch m den Augen der Buchkaufleute, zunächst einmal ein großer Gewinn sein Mußte man sich nicht die "Soziahsierung des Buches", diese alte Idee, nun wirklich als reale Aufgabe vornehmen und mit allen geeigneten Mitteln durchsetzen Aber da ruft es aus der Schar aristokratischer Zeitkritiker: "Seht doch die Programme der Buchgemeinschaften an Seht die Bestsellermode" — "Besser Analphabetismus als Halbbildung" — "Das gute Buch für die breite Masse Unsinn" — "Quantität ersetzt nicht Qualität" Hier ist eine ideologische Barriere, an dei sich die Auffassungen scheiden. Glaubt man überhaupt daran, daß das Buch als kulturelles Kommunikationsmittel auch in der Massengesellschaft lebendig bleiben und seine Funktion erfüllen kann, so darf man nicht gebannt auf das Idealmodell eines elitären Bildungsstandes schauen. Weder läßt es sich auf die heutige soziale Wirklichkeit übertragen, noch läßt sich diese an ihm messen. Qualität heißt nicht Exklusivität, und eine geistige Elite kann sich auch unter Lesern nur ständig neu aus einer möglichst breiten Schicht, der alle Chancen verfügbar sind, heraus formieren. Der einzelne Buchhändler kann dieser Situation gegenüber nur in beschränktem Umfang, aktiv werden. Seine Mittel reichen nicht weit. Die Buchhändler als Berufsstand könnten aber — bis jetzt sieht man in dieser Richtung nur Ausnahmen von der Regel — zunächst die Verhältnisse einmal auch mit allen ihren Vorteilen und Chancen ins Bewußtsein aufnehmen, sich auf sie einstellen und ihnen dann das Optimale abzugewinnen suchen — für das Buch und für das Geschäft. Noch ist die Ausgangslage für eine solche Unternehmung bei uns so gut wie in kaum einem anderen Land der Welt: Wir haben ein wirtschaftlich ziemlich gesundes, in vieler Hinsicht gut organisiertes und ausgerüstetes, von öffentlichen Institutionen, Funk und Presse wohlwollend unterstütztes engmaschiges Netz von Buchhandlungen im ganzen Land. Was die fernere Zukunft angeht, sehen nüchterne Sachkenner schon dunkle Wolken aufziehen, wobei die drohende Aufhebung der Preisbindung nur eine unter anderen ist.

Es müßte — am besten gemeinsam mit den interessierten Verlagen — eine Plattform geschaffen werden, um soziologische Analysen, Motivforschungen und ähnliche Studien im Feld des Buchmarktes anzuregen, zu koordinieren und für die Praxis auszuwerten. Auf gleicher Basis wären neue Werbe- und Vertriebswege zu erproben, die Zusammenarbeit mit den Bildungsinstituten zu intensivieren und noch viele andere Aufgaben anzupacken, die sich, will man neue Leserschichten ansprechen, von selber stellen. Der Börsenverein, die buchhändlerische Standesorganisation, die auch alle Verleger, den Zwischenbuchhandel, den Reise- und Versandbuchhandel und die Buchgemeinschaf ten umfaßt, scheint seiner Struktur und bisherigen Aktivität nach dafür nicht geeignet. Er bringt zwar ein verdienstliches "Archiv für Geschichte des Buchwesens" mit hochqualifizierten Spezialarbeiten über Fragen aus dem Bereich der Inkunabeln, der frühen Verlags- und Buchhandelsgeschichte und vielen anderen in die Hände von zehntausend nur zum geringsten Teil daran interessierten BörsenblattLesern. Aber die wenigen konkreten Unterlagen über die soziale Struktur des heutigen Buchmarktes und ähnliche aktuelle Probleme verdanken wir dem vom Berteismann Konzern eingerichteten "Institut für Buchmarkt Forschung" in Hamburg.

Das "Unbehagen in der Kultur" sucht sich : gern Sündenböcke, und ein solcher ist der Verleger. Seine Kritiker haben in jüngster Zeit ver; schiedentlich ein Bild von ihm gezeichnet (man vergleiche etwa Hans Magnus Enzensbergers Thesen in seiner Kritik der Taschenbuchproduktion), das reichlich bösartige und gefährliche Züge aufweisf. Da ist er nur noch der Manager eines Industrieunternehmens, das zur Auslastung seiner Kapazität einen bestimmten "Ausstoß" von Büchern braucht, das Autoren als bloße Ideenlieferanten in die Produktion "einbaut", das mit raffinierten Methoden den Markt der Leser, ihre Meinungen und ihr Bewußtsein manipuliert. Jede Meldung über eine Verlagsfusion, einen Verlagsverkauf wird mit einem "Da sieht mans wieder!" als Bestätigung solcher Schwarzmalerei quittiert, die aber weder mit der Wirklichkeit übereinstimmt noch auch in ihren Folgerungen — daß hier die Literatur und ihre Werte auf der Strecke bleiben, müßten — unbestreitbar ist " Die deutschen Verhältnisse nämlich stechen von jenen Zeichnungen einer perfekten, rationalisierten, konzentrierten Buchindustrie in, geradezu grotesker Weise ab, und es ist auch gar nicht ausgemacht, daß sie sich geradewegs auf den amerikanischen Zustand hin entwickeln, der den Kritikern als abschreckendes Beispiel dient. Es muß einmal gesagt werden, daß die literarischen "Großverlage" hierzulande, deren Namen jedem Literaturfreund geläufig sind, ihrem Volumen nach winzige Tröpfchen im Wirtschaftsmeer darstellen: dreißig bis hundert Mitarbeiter, dreißig bis siebzig normale neue Bücher im Jahr, einige Millionen Mark Jahresumsatz. Also Unternehmen, nicht größer als eine kleine Spezialfabrik, eine Großhandlung, ein mittleres Hotel. Wenn nun zwei oder drei solcher Verlage fusioniert werden, dann mag das zwar für die Branche ein Ereignis darstellen — unter größeren Maßstäben gesehen ist- die Aufregung ein Sturm im Wasserglas. Der Weg zu einer Monopolbildung ist in der Buchbranche noch unendlich weit, und er ist auch so unsinnig, daß niemand Lust haben dürfte, ihn zu gehen, selbst wenn er die Möglichkeit hätte.

Das letzte, was man deutschen Verlagen ferner vorwerfen kann, ist, daß industrielle Rationalität oberstes Gesetz in ihnen sei. Nicht nur, daß sich schöngeistige Bücher aus einer ganzen Reihe von Gründen einfach nicht nach einem Fließbandsystem herstellen lassen und daß auch die Größe der meisten Unternehmen gar keine wenigstens äußerlich durchrationalisierte Arbeitsorganisation zuläßt. Das unternehmerische Temperament der Verlagsherren, die Launen der Autoren, der Ehrgeiz der Lektoren, der Einfallsreichtum von Vertriebs- und Werbeleitern und dazu als retardierendes Element die mannigfaltigen strengen Konventionen, guten und schlechten Gewohnheiten der Buchbrariche —- das alles ergibt zusammen viel eher eine muntere Wurstelei, einen aus Routine und Improvisation, Berechnung und Abenteuer, Faustregelerfahrung und Illusion so bunt gemischten Betrieb, daß einem Unternehmensberater die Haare zu Berge stehen müßten.

Sicher hat sich auch hier gegenüber einem noch idyllischeren, vor allem ruhigeren und beschaulicherem "Früher" manches geändert: Es gibt eine hektische Terminjagd, eine gewisse innere Automatik des Produktionsaoparat es der ständig Nahrung haben und wachsen will, und ein steigendes "Marktbewußtsein". Aber vorherrschend ist doch immer noch ein Element des Dilettantischen — im guten wie im schlechten Sinne.

Was sich aber in den Verlagen ändert, das hat seine Ursprünge draußen an den beiden Fronten dieser eigenartigen Unternehmen: dort, wo die Bücher herkommen, und andererseits dort, wo sie untergebracht werden müssen.

Vor fünfzig, sechzig Jahren waren zum Beispiel ausländische Autoren für das deutsche Publikum noch zu entdecken wie ferne Inseln oder Länder vor vierhundert Jahren. Es bedurfte persönlicher Initiative, literarischen Spürsinns, aber es gab dafür auch reichen Spielraum für solche Eigenschaften. Ein Verleger, der sie besaß, konnte bei geringem Kapital beträchtlichen Einfluß auf das literarische Leben (und auch gute Gewinne) erzielen. Dem Publikum aber wurde nur etpe kleine Auslese aus der Weltliteratur vorgelegt, mit der es sich in Ruhe auseinandersetzen konnte.