R. B., Berlin, im Oktober

Langsam wächst der Unmut über die ergebnislosen Passierscheingespräche. – Die Bevölkerung Berlins ebenso wie die Bürger Mitteldeutschlands sind der politischen Zwischenrufe, die immer wieder die Gespräche störten, überdrüssig geworden. Sie wollen ein Ergebnis sehen, am liebsten ein Ja, notfalls aber auch ein Nein, aber dann so, daß klar zu erkennen ist, wer die Menschlichkeit der Politik geopfert hat.

Kein Wunder, daß sich nun auch die Kirchen zu Wort meldeten. Den Anfang machte der evangelische Bischof von Magdeburg, Johannes Jänicke, der stellvertretende Vorsitzende der evangelischen Kirche der Union. Er bat die beiden Gesprächspartner, Senatsrat Horst Korber und DDR-Staatssekreätr Dr. Michael Kohl, doch endlich eine Einigung herbeizuführen. Vor allem, so schrieb er, sollten die beiden Gesprächspartner „ohne die Verhandlungen über Passierscheine die Stelle für Härtefälle unbedingt offen halten“.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland erweiterte die Aktion. Präses Scharf wandte sich in zwei gleichlautenden Telegrammen an Bundeskanzler Ludwig Erhard und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph. „Die Kirche würde ihre Pflicht versäumen, wenn sie sich nicht ausdrücklich zum Anwalt der Not der Berliner Bevölkerung machte“, schrieb Scharf. Sein Telegramm schloß mit der Bitte, alsbald in Verhandlungen dahin zu wirken, daß die Passierscheinstelle für dringende Familienangelegenheiten aus den jeweiligen politischen Auseinandersetzungen herausgehalten und sofort wieder geöffnet wird.

Der evangelische Pressedienst in Berlin veröffentlichte schließlich eine Adresse an den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Sie stammte vom „Arbeitsausschuß der christlichen Friedenskonferenz in Westberlin“. Der Senat möge, so heißt es darin, Senatsrat Korber die Weisung geben, das Protokoll des Passierscheinabkommens zu unterzeichnen, das der Westberliner Bevölkerung den Besuch von Verwandten im Ostteil der Stadt in den Weihnachtsfeiertagen ermöglicht. Gemeint ist hier der Vorschlag der DDR-Regierung vom 16. August 1965. Die „Christliche Friedenskonferenz“ versichert, sie respektiere die Bedenken, die von Westberliner Seite gegen die Unterzeichnung des Ostberliner Entwurfs bestehen, „da dieser Entwurf an Stelle einer einfachen Verlängerung des bisher gültigen Abkommens zwei wesentliche Einschränkungen bringen würde, insbesondere den Wegfall des Besuchszeitraumes im Herbst, die Befristung der Härtestelle bis zum 31. Januar und das Fehlen einer Verlängerungsklausel“. Doch meint das Komitee, der Senat solle trotzdem unterzeichnen. „Die Unterzeichnung würde für Hunderttausende Berliner den Weihnachtsbesuch ermöglichen und eine bessere Atmosphäre für neue Verhandlungen schaffen.