lodrag Bulatovic ist, wohl unbestritten, der hoffnungsvollste jüngere Schriftsteller serbokroatischer Zunge In schneller Folge erschien seine Prosa ( 1956 " Die Teufel kommen, 1958 " Wolf und Glocke",1959-" Der iote Hahn fliegt himmelwärts, I960-"Liebe"), und ebenso rasch stieg der Stern seines Talents an den Himmeln auslandischer Verlage — auf Übersetzungen in mehr als zwei Dutzend Sprachen können sonst nur die Senioren, Nobelpreistrager Ivo Andnc, vielleicht auch Miroslav Kileza, stolz sein Gewiß spielt der Neid der "kleinen" Kollegen eine Rolle, wenn man über das Phänomen Bulatovic m Jugoslawien weniger redet als anderswo, wenn man seine Werke bei Preisverteilungen elegant umgeht oder ihm sonst allerlei Arger bereitet Doch selbst, wenn man das Schweigen als Boykott interpretieren wollte, reichte es noch nicht hm, Bulatovic als Märtyrer der Kulturpolitik hinzustellen Staikes Echo hatten m dieser Richtung nur seine ersten Novellen hervorgerufen,19551956, zur Zeit der Polemiken der "Modernisten" mit den konservativen "Realisten"sozial(istisch) engagierter Observanz Bulatovics hyperbolischer, zur Groteske neigender Stil wirkte aggressiv und unbequem, seine Thematik ( Belgrader Unterwelt) empfand manch alteiei Herr als verfehlt Aber es war Bulatovic selbst, der die Plattform der empfindsamen Hauptstadt verließ Seme beiden nächsten Prosabande, die im heimatlichen Montenegro spielen, verzeichnen gewisse Konzessionen an den Vorwurf der Kritik, ei stochere immer nur im Morbiden herum. Bulatovic muhte sich nun mit dem Positiven, wenn auch mit Maßen, er fand das Philosophieren reizvoll, obwohl spekulatives Denken seine Sache nicht ist, er nahm von seiner Liebe fürs Groteske Cniges zurück, wenn auch nicht Abschied von ihr — seinen Romaren tat das insofern nicht wohl, als sie, bei allei Staike der Ivrisch visionaren Beschieibung, nie ein wirklich homogenes Werk eiaben sondern den Eindruck der Unentschlossenheit hinterließen Konnte man Reich Ranickis Foimel für Gunter Grass —" grimmiger Idylhkei"— noch irgendwie pfiffig über beide Pole hinaus eilangern, man hatte die passende für Bulatovic Im " Roten Hahn" etwa gibt es einen Bulatovic, der gleich Camus seine Helden samtlich den Elementen (Sonne, Wind, Staub und Alkohol)ausliefert,einen, dei darauf die Philosophie des Bösen ei philosophiert ( der schwindsuchtige Besitzer des Titeltiers konnte einem Roman von Dostojewski] entlaufen sein) Ein Bulatovic verpflanzt den fiuhen Gorkij m die Schwarzen Beige, einer pflegt metaphysischen Nonsensdialog a la Beckett, einen inspiriert das "rot" des Geflügels unvermittelt zu politischen Widerspenstigkeiten,m völlig unpolitischem Zusammenhang. Den — zwischen tristesse und grotesque angesetzte — Personen sind schematisch Kapitel zugeteilt, die ohne weiteres auch allein stehen konnten Locker bindet sie der mysteriöse Hahn, Metaohei fürs menschliche Herz Da seine Bedeutunr plötzlich und herzlich unbeholfen entdeckt Miiid, empfinden slle nacheinander ihre Herzlosigkeit, der iote Hahn fliegt himmelwärts, und muck bleibt mit denen ohne Herz ein Bulatovic, dei einem Missionar verteufelt ähnlich sieht Handlung gibt es kaum Bulatovic wirkt behariJich an einem statischen Bild, das manche Kritiker mit den Visionen eines Hieronymus Boch verglichen in dei Bewegung erstarrtes Entsetzen In Details gelingt dieses Bild zweifellos Uneihoit finde ich den mneien Monolog der veri uckten Mara, die von vier Besoffskis überfallen und vei gewaltigt wird Grandios die Schilderung, wie sich der rote Hahn gen Himmel hebt, wo er schließlich die Sonne verdeckt und, ohne zu verbiennen, den Himmel rot färbt — dieses lyrische Bild überzeugt Es macht philosophische Exkuise überflüssig Und immer, wo sich dieser kiaftvoll beschieibende Visionär mit Erklärungen seines ntellektuellen Wollens abgibt, entsteht ein Bruch Das Ende, der Mensch m der Misere, katastrophales Geschehen faszinieren Bulatovic Das war schon in den "Teufeln" deutlich geworden, die mit einer Ausnahme in die Keller von Belgrad kommen Die eine Ausnahme ist die Novelle " Der Schwarze", die wahrend des Zweiten Weltknegs m Montenegro spielt, ihre Helden sind italienische Soldaten, ihr Ich Erzähler ein Tuckngei Montenegriner, der um die Kaserne heiumschnufTelt und spioniert Das Ende eines amoklaufenden Gefangenen wird beschrieben Soll man es als Zeichen einer Krise weiten, wenn Bulatovic nach jahielangem Schweigen nun zu dieser Erzählung zurückkehrt, wenn er nicht nui darauf aufbaut, sondern alle Einzelheiten der alten Novelle einbaut in einen neuen Roman In den Roman Miodrag Bulatovic:" Der Held auf dem Rücken des Esels"(Originaititel:" Heroj na magarcu"), Roman, aus dem Serbokratischen von RuthMilena Gradnik; Carl Hanser Verlag, München; 353 S, Ln. 26 80 DM,brosch. 13 40 DM. Ich glaube, gerade das Gegenteil ist richtig Bulatovic ist, was immer man daran auszusetzen haben mag, ein Roman gelungen, ihm ist es gelungen, seine Ideen soweit zu mkarmeren, daß er ihnen nicht eist längliche Philosophieextrakte anheften mußte, seine Figuren sind zum Handeln gereift Das gilt für die montenegrinische Hure Manka, die ihrem Wunsche lebt, als Offiziersfrau nach Italien mitgenommen zu werden, das gilt fai einen Spitzel, der vom vielen Handeln und Horchen am Ende en Ohr on der Große eines Giammophontnchters hat, das gilt für den "ewigen" Wachsoldaten Salvatoie, dessen Handeln sich aufs Warten beschrankt, der nie abgelost wird und schließlich mit seinem Gewehr verwachst ( auch das Gewehr wachst hei an zu Fahnennasten Hohe) Das gilt auch für die vielen Italianos," veihebte Syphhtikei, Patnoten und gestellt, für Shvovitz ganze Arsenale versilbern, saufen und sich tiosten lassen, Heimweh haben und sonst gar nichts Bulatcnic hat sich entschieden für die gnmmtggioteske Sicht, und daß er diese Richtung beizubehalten gedenkt, zeigt er auch noch m seinem dramatischen Eistlmg, dei sich gleich mit Beckett anlegt Godot ist da" Der " Held auf dem Esel oder Zeit der Schande ( wie der Romantitel m ganzer Lange sinnvoll lautet) ist ein Kriegsroman ohne viel kriegerische Handlung. Schlachten, Siege auf dem Feld der Ehre, vaterländische Parolen fehlen Schlachten und Siege auf dem Feld der Liebe sind dagegen sehr zahlreich beschrieben, das dolce vita im Krieg. Es ist die Zeit, da der Biedermann nicht mehr anonym, sondern "etwas"war, etwas erlebt hat —m nicht wenigen Zeitgenossen spukt der Krieg als das goldene Abenteuer und bleibt so lebendig. Bulatovic begreift den Kneg nicht wie sein Genösse im Geist, Miroslav Krleza, als einen verlausten "Provmzzirkus", sondern als ein schmieriges, widerliches Bordell "Kneg,— diese lapidare Dreiheit legt der Autor seinem Helden Antonio Peduto in den Mund, der diesem Satze lebt und, im Roman, einen pomogiaphischen Roman schreibt:" Zeit der Schande". Beide, Bulatovic und der Romancier im Roman, schreiben über einen "Helden", Gruban Malic (deutsch: Klein),den. Inhaber einer wüsten Kneipe, wo er die Bevölkerung wie die Besatzer mit Schnaps, Präservativen und pornographischen Photos veisoigt, spater dann auch mit kommunistischen Flugblattern. Malic haßt alle: die harmlosen, immer betrunkenen Soldaten, die Offiziere mit ihren Huren, die kollabonerende Geistlichkeit beider Konfessionen, die Spitzel. Indes sich alle miteinander arrangieien ( und von den Bergen Partisanen unausgesetzt die Stadt beschießen), beschließt Klem Malic, Kommunist zu werden. Ja, er steigert sich hinein in die Rolle eines wilden Partisanenfuhrers und größenwahnsinnigen Militaristen Nur wird er von keinem ernst genommen, die Italiener gewahren ihm sogar freien Abzug m die Walder Im Namen dei Befreiungsfront hatten zwei Gauner Malic um viel Geld erleichteit und ihn an die 501 Aimee Montenegros () verwiesen DiePartisanenhaltenihn fui verruckt, dann setIp: zen sie ihn fest, keiner will ihn, keiner kann ihn brauchen Genösse Klein gerat zwischen die Fronten dei Partisanen und der montenegrinischen Faschisten, nachtigt bei liebeshungrigen Witwen, wird schließlich von rachsuchtigen Befreiern eingefangen und im Stadtchen seines heroischen Aufstiegs als Kollaborateur hingerichtet Nein, überlegt Romancier Peduto, der den eignen Heldentod durch Flucht in die Berge noch um Stunden hat hinauszogern können und die Szene von oben her beobachtet, nein Die schönste Metapher meines Buches hat ein würdigeres Ende verdient Er schreibt also ein zweites, dann noch ein drittes. Wir, die Italiener, haben ihn himichten müssen, sonst hatte es auch nach Kiiegsende für uns, Italien, für die ganze Welt keinen Frieden geben können Diesem RomanEnde im besten Propagandastil folgt ein packender Monolog, mit dem Major Peduto sein Leben, Bulatovic seinen Roman endgültig beendet So dicht jedoch ist dei Roman nicht gewirkt, er hat besonders in den einleitenden Kapiteln Langen und Locher ( möglicherweise ist es die Novelle " Der Schwarze",die, zwar milieugerecht, den Roman abei doch über Gebuhr streckt) Auch wird der Kuegsroman " Zeit der Schande" gar nicht so effektvoll eingesetzt, wie es klingen mag Bis auf den Schlußmonolog, den Bulatovic seinem Kollegen überlaßt, bewältigt er das Geschehen im Alleingang, mit dem angeblich entstehenden Roman nur kokettierend, und über eine größere Strecke geht sogar dei Autor des fingieiten Schriftstucks verloren Bisweilen wurde Bulatovic von semer Wortgewalt zur Weitschweifigkeit verfuhit, zu lange wird eingangs geschildert, wie es praktisch hatte gewesen sein können das Bild einer Stadt, das tragischen wie komischen Situationen gleichermaßen gerecht zu werden sucht Man weiß noch nicht echt, worauf der Verfasser eigentlich hinaus will, nicht enmal, wo gelacht werden darf Wenn dann der Speck ansetzende Obeist Allegietti Gymnastik treibt und im Moment der verbissensten Anstrengungen der Duce aus dem Photo hervortritt und den Expander auseinanderzustemmen hilft, entschädigt einen das hübsche Bild für die Durststrecke der ersten Kapitel. Aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken, etwa wenn Bulatovii die Vergewaltigungsszene aus dem " Roten Hahn"aufwärmt, diesmal aus der Perspektive der Umstehenden.

Malic ist kein tragischer, kein komischer Held. Erst als ihn Gerüchte, böser Leumund, krankhafter Kommumstenhaß in die Heldenrolle zwingen, wird Mähe zum Schwejk des Partisanenkrieges Den Rest bewirkt die italienische Propaganda, die entfesselt wird, als Malic sich langst in den Bergen herumtreibt. Wenn bis zum Ende unklar bleibt, ob Malic nun eigentlich Schelm oder selbst der Genarrte war, kann man nur sagen: er war beides. Das liegt daran, daß Bulatovic kein Interesse hat, den Wust der Vorurteile, Widersprüche und Lügen zu entwirren. Der "Held" Malic" zeigt aus montenegrinischjugoslawischer Sicht, was Gunter Grass in "Katz und Maus" darstellt: "Die Fabrikation eines militärischen Helden aus der Gesellschaft hei aus " Einmal wird der Antikommumsmus der Faschisten und des Klerus produktiv; Malic ist aber auch, und das macht ihn in der jugoslawischen Nachknegs Kriegs I iteratur einmalig, das Produkt aller Helden] egenden, aller comic stnps über Partisanen, aller landesüblichen Filme und Piopagandaslogans Malic sieht so aus, wie ei ausehen muß, so, wie ihn sich manche junge Jugoslawen und manche SzW Leser vorstellen müssen, den unerschrockenen Agitator hinter feindlichen Linien, den bis an die Zahne bewaffneten Bombenwerfer, Messerhelden, Schlangenbeschwörer, den 007 der Weitrevolution Manch frommes Märchen geht da in die Bruche Die Diskussion über die nationale Herkunft von Geschlechtskrankheiten zum Beispiel laßt keinen Zweifel daran, welchen Wert Bulatovic der Nationalität beimißt, vom Patiiotismus ganz zu schweigen Auch die empiagsame Scheidung der gerechten Kriege von den ungerechten muß dran glauben Krieg m für Bulatovic: Kuppelei, er setzt im Menschen alle tierischen Instinkte fiel, bei Fieund and Feind Und das in Freund und Feind geweckte Tier, die Ruhmsucht, unteischeidet sich in nichts von allerlei obszönen Gelüsten, die sich im Kneg a la Bulatovic nach Heizensäst ausleben können Alle nehmen teil ar der monströsen Oig e Krieg, und darum fallen auch alle klassischen Unterscheidungen (zwischen den bösen Feinden und den lieben, armen, "uvei druckten" Montenegriner Freunden) weg Mit parteinehmender Sympathie ist hier niemandem bei7ukommen Den m dei jugoslawischen Knegsbeschieibung allzu oft heroisieuen Vorgang der Befreiung fuhrt Bulatovic vor als das absolute Ende der italienischen Division, aus der Perspektive der Unteilcgenen, nicht, wie üblich in Jugoslawien, aus dem Blickwinke 1 der Befreier Die befreiten Montenegriner gehen aller heldischen Gloriolen vei lustig, Antonio Peduto notiert eine johlende, beißende spuckende, urimei ende Korde, die eine langst erlassene Kaserne stürmt Dieses Bild legt die iage nahe, wie es denn weitergehen solc Als Alternative zum "Bordell Krieg" bietet sich an Ken Kneg, Frieden Bezeichnenderweise aben Bulatovics italienische Offiziere, die sich noch frühzeitig genug absetzen konnten, schon genauere Vorstellungen von ihiem Frieden S u, wollen ein Bordell aufmachen, in Rom,, ganz in der Nahe des Vatitung der befreiten Wet noch gar n cht abgegeben Mit der — parolenhaft hergesagten —"Freiheit" kam ei schlecht an bei einem montenegrmiscen Bergbauen "D>e Freihetl Weiche ?Düsteres aus den Schwarzen Bergen D e einen wechseln nur aas Borde!, die andejn ahnen mans ist so bedruckend absolut wie die Polonaise im polnischen Film AscV und Diamant" Bulatovic "Nun m&ch c len Punkt, und denen, Alles Alles