Constantin de Grünwald: An den Wurzeln der Revolution; Paul Neff Verlag, Wien; 429 Seiten, 14,80 DM.

Sein Vater, Nikolaus I., schlug den Dekabristenaufstand blutig nieder und verwandelte Rußland in eine Kaserne; sein Sohn, Alexander III., duldete die ersten antisemitischen Pogrome und wurde zum Sinnbild einer brutalen Autokratie. Über ihn schrieb der sehr kritische Marquis de Custine, der dem zwanzigjährigen Zarewitsch in Bad Ems begegnete, er mache „den Eindruck eines vollendet gut erzogenen Mannes. Wenn er regiert, wird er sich durch den Charme seines Wesens Gehorsam verschaffen und nicht durch Terror, es wäre denn, daß die mit der Stellung eines russischen Kaisers verbundenen Erfordernisse seinen Charakter ändern“.

Der russische Diplomat und Historiker Constantin de Grünwald, der seit 1917 in Paris lebt, hat das Leben dieses Zaren beschrieben, dessen Charakter so angenehm von dem seiner Vorfahren und Nachkommen absticht. Grünwald nennt Alexander „einen wahren Romanhelden“, und es mag dem stilistisch gewandten Autor nicht leichtgefallen sein, keinen Roman, sondern eine politische Biographie zu schreiben. Das Buch bleibt indessen historisch fundiert, was – wie man erfreut feststellt – eine lebendige Schilderung nicht ausschließen muß; wenn der Leser dennoch schließlich mehr von der tragischen Figur des Zaren als von den Zuständen in Rußland beeindruckt wird, so liegt das weniger an der Perspektive des Autors als vielmehr an den Verhältnissen, die er zu schildern hat. Sie erscheinen so eindeutig ausweglos und düster, daß sich die Aufmerksamkeit des Lesers bald von ihnen entfernt und sich jenem Mann zuwendet, der sie dennoch ändern wollte.

Das Rußland, das Alexander II. vorfand, als er 1855 den Thron bestieg, war das Rußland Gogols: skrupellose Gutsherren, korrupte Beamte, das Volk unwissend, hilflos, verelendet. Neben der inneren Not erbte Alexander von seinem Vater auch die äußere Bedrängnis, den Krimkrieg, der zeigen sollte, daß Rußland eine Großmacht sei, und der nur seine innere Brüchigkeit bewies. Obwohl Alexander die Schwächen in der Politik Nikolaus I. durchaus nicht übersah, berief er sich oft und gern auf seinen Vater. Zu seinem außenpolitischen Ratgeber machte er Gortschakow, einen ebenso klugen wie eitlen Mann, dessen geistreichen Vorträgen der damalige preußische Gesandte in Petersburg, Otto von Bismarck, stundenlang aufmerksam zuhören konnte. Trotz dieser persönlichen Bekanntschaft neigte Gortschakow eher zu Frankreich als zu Preußen, und wenn die Politik seines Souveräns schließlich doch so deutschfreundlich ausfiel, so lag das eher an dem taktischen Geschick, mit dem Bismarck das gemeinsame russisch-deutsche Interesse an der Unterdrückung Polens auszunutzen verstand. Die Alvenslebensche Konvention von 1863 entschied praktisch den Weg der europäischen Politik Alexanders. Das eigentliche außenpolitische Interesse des Zaren blieb aber auf den Osten gerichtet. Er betrieb in Kaukasien, in Turkestan und im fernen Amurgebiet die traditionelle Expansionspolitik seiner Vorfahren.

Weniger traditionsgebunden und für Alexander bezeichnender war seine Innenpolitik. Seine Versuche, das Zarenreich durch Reformen von oben der Revolution von unten zu entziehen, stehen denn auch zu Recht im Mittelpunkt der Biographie Grünwalds. Schon in seiner Jugend erkannte Alexander, beeinflußt von der Erziehung durch den romantischen Dichter Shukowski, die Not der ländlichen Bevölkerung. 1861 hob er die Leibeigenschaft auf, ein Schritt, der ihm den Namen des „Zar Befreiers“ eintrug. Doch die edle moralisch-soziale Absicht der Reform stand in einem krassen Mißverhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Ausführung: Die Bauern, die nach dem ihnen zugeteilten Land griffen, bemerkten in der ersten Begeisterung gar nicht, daß sie es nachträglich kaufen mußten; der überwiegende Teil von ihnen verschuldete und wurde abhängig wie zuvor. Die geschichtliche Wirkung der Agrarreform lag im Grunde nur darin, daß sie Rußland im Schnellgang von der feudalistischen zur kapitalistischen Wirtschaftsform beförderte, ohne daß in der Eile die Plätze getauscht werden konnten. Unter den Bauern blieben Enttäuschung und Verbitterung zurück, von denen Lenin noch fünfzig Jahre später profitieren konnte.

Erfolgreicher waren Alexanders Reformen in der Verwaltung, wo er mit der Semstwo wenigstens auf lokaler Ebene ein Selbstverwaltungsorgan schuf, und in der Justiz, wo endlich die geheime, schriftliche Verhandlung, die der Bestechung Tür und Tor öffnete, abgeschafft wurde. Offenkundig wurden freilich bald die Grenzen der Reformbewegung: den bestehenden achtzig „klassischen Gymnasien“ wurden zwanzig „moderne“ hinzugefügt, in denen die Naturwissenschaften im Vordergrund standen. Die Elementarschulen wurden hingegen weiterhin vorsätzlich vernachlässigt. Die Halbheiten, die das Reformwerk kennzeichnen, zeigen nicht nur die unsichere Hand eines wohlmeinenden Herrschers, in ihnen spiegeln sich auch die Einflüsse an einem Hof, an dem fortschrittliche und reaktionäre Ratgeber einander die Türklinke in die Hand gaben. Da die längst überfällige Verfassungsreform ausblieb, mußte das ganze Reformwerk ein Haus ohne Dach bleiben.

Grünwald urteilt recht wohlwollend, wenn er meint, Rußland sei unter Alexander „endlich ein modernes Land geworden“. Allerdings findet auch der kritische Leser die Sympathien des Autors für seinen Helden verständlich; denn nicht oft in der Geschichte haben gute Absichten so zwangsläufig fatale Wirkungen nach sich gezogen wie unter Alexander II. Es ist nicht ohne Tragik, daß gerade unter seiner vergleichsweise milden Herrschaft sich jene Kräfte sammelten, die schließlich das Zarenreich zu Fall brachten. Die Freiheiten, die Alexander gewährte, reichten zur Freiheit nicht aus, wohl aber zur revolutionären Konspiration.