Düsseldorf

Der Scheiterhaufen war am Erntedanksonntag am Düsseldorfer Rheinufer aufgerichtet. Fünfundzwanzig Mitglieder des Jugendbundes für Entschiedenes Christentum (EC) im Alter von 17 bis 28 Jahren und die beiden 30jährigen Diakonissen Christa Kranzhöfer und Brigitte Hellwig hatten sich zu einem „missionarischen Einsatz“ versammelt. Eine Handvoll Straßenpassanten beobachtete das Geschehen. EC-Mitglied Karl-Heinz Vranken hielt eine kurze Ansprache: „Wir haben uns über Schmutz- und Schundliteratur unterhalten und sind zu der Erkenntnis gelangt, daß brutale, kriminelle, sexuelle und utopische Szenen und Bücher das Glaubensleben des einzelnen beinträchtigen können. Wir wollen uns von der Übermacht solcher Leitbilder befreien. Sie bringen uns von Jesus ab.“

Dann züngelten die Flammen empor. Neben billigen Romanheften, Kinoreklamebildern und Pin-up-girl-Ausschnitten aus Jugendzeitschriften befreiten sich die entschiedenen Christen auch von Erich Kästners „Herz auf Taille“, Günter Grass’ „Blechtrommel“, Albert Camus’ „Der Fall“, Françoise Sagans „In einem Monat, in einem Jahr“ und von Vladimir Nabokovs „Lolita“. Dazu sangen die Jungen und Mädchen mit Klampfenbegleitung das Lied Nummer 125 aus ihrem Liederbuch „Frohe Botschaft“: „Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand. Wir wollen Königsboten sein des Herren Jesu Christ, der frohen Botschaft heller Schein uns Weg und Auftrag ist.“

Genehmigung von der Stadt

Das makabre Schauspiel am Rhein erfreute sich der offiziellen Genehmigung des Ordnungsamtes der Stadt Düsseldorf. Einige Wochen vor der Aktion hatte der Jugendbund schriftlich um die Genehmigung „zur Verbrennung von Schundliteratur“ auf dem renommierten Karlplatz in der Nähe des Regierungsviertels nachgesucht. Auf diesem Platz hatte Günter Grass seine letzte Düsseldorfer Wahlrede gehalten. Das Ordnungsamt hatte lediglich „technische Einwände“ gegen die Veranstaltung; man sprach von „Funkenflug“ und von „Verkehrsgefährdung“. Schließlich wurden die jungen Leute gebeten, sich an das ungefährlichere Rheinufer zu begeben. Heute entschuldigt sich die Stadtverwaltung: „Der zuständige Beamte hat die ganze Angelegenheit nur vom Aspekt der Sicherheit aus gesehen. Er ist gar nicht auf die Idee gekommen, daß eine evangelische Jugendgruppe auch literarische Werke wie den Welterfolg ‚Die Blechtrommel‘ von Günter Grass mitverbrennen könnte.“

Die Düsseldorfer Bücherverbrennung rief vor allem in kirchlichen Kreisen heftige Proteste hervor. Mit der Feststellung, Bücherverbrennungen seien „nicht geeignet, sittliche Verantwortung zu wecken“, distanzierte sich der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands von der Aktion des EC. Der Öffentlichkeitsausschuß der Evangelischen Kirche im Rheinland verurteilte entschieden, „daß die Werke zeitgenössischer Schriftsteller mit diesen Methoden von nicht urteilsfähigen Jugendlichen disqualifiziert werden“. Und in einem Telegramm an die „Entschiedenen Christen“ in Düsseldorf äußerte der Konvent der Evangelischen Sozialsekretäre im Rheinland seine Bestürzung über die Aktion: „Wir halten diesen Vorgang für gefährlich in seiner Wirkung auf die Teilnehmer und auf die Öffentlichkeit – wo man Bücher verbrennt, verbrennen bald auch Menschen.“

Aus der Zentrale des Deutschen Verbandes der Jugendbünde für Entschiedenes Christentum in Kassel eilte Bundespfarrer Walter Lohrmann nach Düsseldorf, um sich an Ort und Stelle über die Hintergründe der Aktion zu unterrichten. Sein erster Kommentar: „Wenn wir von der Sache gewußt hätten, hätten wir von der Form der Aktion abgeraten.“